Plötzlicher Kindstod: Wie kann man vorbeugen?

Der plötzliche Kindstod ist die häufigste Todesursache im ersten Lebensjahr. Die Auslöser sind noch nicht erforscht – wie Eltern vorbeugen können, jedoch schon


Rückenlage beim Schlafen: Der beste Schutz vor dem Plötzlichen Kindstod

Nach dem Abendessen wickeln die Eltern ihr Kind, ziehen es um und bringen es ins Bett. Dann schläft es friedlich ein – und wacht nicht mehr auf. Eine Horrorvorstellung, die für manche Familien aber bittere Realität ist. Im Jahr 2012 starben in Deutschland 131 Kinder den plötzlichen Kindstod, der auch als Sudden Infant Death Syndrome (SIDS) bezeichnet wird. Drei Viertel der ­­Fälle passieren zwischen dem zweiten und vierten Lebensmonat – und die Medizin kennt trotz intensiver Forschung bis heute nicht die genaue Ursache für das plötzliche Sterben ohne­ erkennbaren Grund.

Plötzlicher Kindstod: Prävention ist erfolgreich

Pubmed, die weltweit wichtigste medizinische bibliografische Datenbank, listet knapp 100 ­Studien allein aus Deutschland auf, in denen mehr als 30.000 Todes­fälle auf vermutete Risikofaktoren hin analysiert wurden. Die Ergebnisse lassen Aussagen über die Stärke von Zusammenhängen zu – und ermöglichen, effektiv vorzubeugen: „1991 lag die Zahl der ­Fälle noch bei 1285. Der Rückgang ist klar mit der Präventionsarbeit der letzten Jahre verbunden“, sagt Professor Ekkehart Paditz. Er ist Vorsitzender des Vereins Babyhilfe Deutschland und hat in der Vergangenheit große Info-Kampagnen organisiert. Er erklärt die nach Studienlage einflussreichsten Maßnahmen:



Prof. Dr. med. Ekkehart Paditz ist Vorsitzender des Vereins Babyhilfe Deutschland und leitet das Zentrum für Angewandte Prävention in Dresden

Schlafsack statt Decke

„Zur Geburt kann man kein besseres Geschenk machen als einen Schlafsack“, sagt Ekkehart Paditz. Laut Studien­ haben Kinder, die vor dem ers­ten Geburtstag unter ­einer Decke schlafen, ein 35-fach erhöhtes SIDS-Risiko. „Sehr viele Kinder, die gestorben sind, waren zugedeckt“, sagt Paditz. Zum Sauer­stoffmangel sei in vielen Fällen wahrscheinlich Überhitzung gekommen. Der Experte rät, keine zusätzliche Decke über den Schlafsack zu legen, die Raumtemperatur möglichst bei 16 bis 19 Grad (°C) zu halten und darauf zu achten, dass die Schlafsäcke zur Jahreszeit passen. Auch die Größe sollte stimmen: „Wenn das Kind reinrutscht, bringt das beste Modell nichts.“

Im eigenen Bett ruhen

Kinder, die in den ersten drei Monaten im Elternbett schlafen, haben ein 20-fach erhöhtes SIDS-Risiko. Ab etwa der 13. Lebenswoche gilt das Risiko nur noch als 2,6-fach erhöht, vorausgesetzt, es kommen keine anderen Faktoren hinzu. „Die Eltern haben also keinen Alkohol getrunken, die Wohnung ist rauchfrei, das Kind gerät nicht zwischen Matratzen, Kissen, Decken und so weiter“, erklärt Paditz. Weitere Empfehlung: Die Kleinen mindes­tens bis zum ersten Geburtstag im Elternzimmer schlafen lassen. Sie scheinen dadurch seltener in zu lange Tiefschlafphasen abzugleiten. „Das Risiko wird durch den Schlaf im Zimmer der Eltern nachweislich reduziert“, so Paditz. Eine Option sind auch Beistellbetten.

Ab auf den Rücken

„Babys immer in Rückenlage schlafen legen“, rät Ekkehart ­Paditz. Andernfalls sei das Risiko sechsfach erhöht. Er empfiehlt ausdrücklich, das Kind im wachen Zustand auch auf den Bauch zu legen: „Die Kinder nehmen mehr wahr, trainieren ihre Motorik sowie die Nacken-, Hals- und Schultermuskulatur.“ Letzteres scheint wichtig für die Zeit, in der die Kleinen anfangen, sich zu drehen – auch nachts. Paditz: „Wahrscheinlich haben Babys, die ihre Muskulatur trainieren konnten, einen Vorteil, da sie ihren Kopf heben oder drehen können.“

Nicht rauchen

Zigarettenqualm ist für Babys nie gut, egal ob vor oder nach der Geburt. „Besonders gravierend scheint aber die Zeit in der Spätschwangerschaft zu sein, ­also ab der 30. Woche“, erklärt Paditz. „Das Gehirn macht ab da einen­ Wachstumsspurt. Es wird vermu­tet, dass Tabakrauch die Bildung von Strukturen stört, die für die Atemregulierung oder für den Aufwachreflex wichtig sind.“ Raucht die Mutter in dieser ­Phase aktiv oder passiv, erhöht sich das SIDS-Risiko mindestens um das 3,4-Fache. „Da gibt es eine ­klare Dosis-Wirkungs-Beziehung: Je mehr geraucht wird, desto höher das Risiko“, so der Experte.

Besser ohne Kissen

„Im ersten Lebensjahr sollte auf Kopfkissen im Babybett verzichtet werden“, meint Ekkehart Paditz. Studien lassen auf ein 3,4-fach erhöhtes SIDS-Risiko schließen, wenn das Kind auf einem Kissen schläft. Als einen möglichen Grund nennt Paditz die Temperaturregulation, die bei Kindern stark über die Kopf- und Gesichtshaut laufe. Deshalb rät er auch davon ab, dass Babys in der Wohnung Mützen tragen: „Die Gefahr eines Wärmestaus scheint einfach zu groß.“

Das Kind stillen

Wenn Babys nur zwei Wochen oder kürzer gestillt werden, erhöht sich das Risiko 1,7-fach. „Stillen scheint das SIDS-Risiko zu senken“, sagt Paditz. Möglicher Grund: Gestillte Kinder wachen in der Nacht leichter und öfter auf und haben oft ­eine ­bessere Immunabwehr. In ­ihrer Leit­linie rät die Deutsche Gesellschaft für Schlafmedizin daher, Kinder zu stillen, solange es für die Mutter möglich ist.

Schnullern schützt

„Meta-Studien zeigen, dass regelmäßiger Schnuller-Gebrauch das Risiko um 30 Prozent senkt“, sagt Paditz. Er rät dazu, dem Kind einen Schnuller anzubieten, ­sobald das Stillen klappt. Dass der Schnuller dem Stillerfolg nicht im Wege steht, wie manche Eltern befürchten, hätten mehrere Studien belegt.




Bildnachweis: Jupiter Images GmbH/Ablestock, Hans-Ludwig Böhme
Marian Schäfer / Baby und Familie; aktualisiert am 23.01.2015,
Bildnachweis: Jupiter Images GmbH/Ablestock, Hans-Ludwig Böhme

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