Gegen Meningokokken B impfen lassen?

Meningokokken B sind vor allem für Babys und Kleinkinder gefährlich. Seit einiger Zeit gibt es eine Impfung dagegen. Offiziell empfohlen wird sie nicht. Warum das so ist

von Marian Schäfer, aktualisiert am 29.03.2016

Impfungen können Kinder vor bestimmten Krankheiten schützen

Mauritius Images GmbH/Science Photos Library

Als der Kinderarzt die letzte Spritze­ ablegt, hat der zwei Monate alte Säugling einen wahren Impfmarathon hinter sich: die 6-fach-Impfung gegen Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten, HiB, Polio und Hepatitis B, zusätzlich noch die Impfungen gegen Pneumokokken und Rotaviren. "Nächstes Mal", sagt der Arzt, "könnten wir auch gegen Meningokokken Typ B (MenB) impfen. Anders als die Immunisierung gegen Typ C wird sie noch nicht allgemein empfohlen. Ich halte sie aber für wichtig."

Die Mutter des Säuglings ist ­irritiert: eine wichtige Impfung, die nicht allgemein empfohlen wird? Was könne denn passieren, wenn das Kind nicht geimpft werde, fragt sie. "Im schlimmsten Fall", antwortet der Arzt, "hat Ihr Kind morgens Fieber und ist abends tot."


Dr. med. Hermann Josef­ Kahl ist Pädiater in Düsseldorf und Bundessprecher im Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte

W&B/Privat

Meningokokken selten, aber gefährlich

Eine drastische Beschreibung, die Eltern Angst macht. Erstmal beruhigend: Invasive Meningokokken-Erkrankungen (IME) sind ­selten und insgesamt rückläufig. So gab es zwischen 2010 und 2013 in Deutschland laut Robert-Koch-Ins­titut durchschnittlich 364 IME-Fälle pro Jahr. Das ­größte Erkrankungsrisiko haben jedoch Säuglinge und Kleinkinder – mit teils sehr ernsten Folgen: Zwei Drittel der Kleinen entwickeln ­eine gefährliche Hirnhautentzündung. Bei einem weiteren Drittel entsteht ­eine mit­unter schwere Blutvergiftung. In etwa zehn Prozent der Fälle enden IME tödlich, in weiteren zehn Prozent kommt es zu geistigen und körperlichen Behinderungen wie etwa Hörschäden oder Amputationen.


Dr. Jan Leidel ist Arzt für Mikrobiologie und Vorsitzender der Ständigen Impfkommission am Robert-Koch-Institut in Berlin

W&B/Selina Pfrüner

Impfstoff gegen Meningokokken B seit 2013

Auch deshalb steht seit 2006 eine­ Meningokokken-Impfung im Kalender der Ständigen Impfkommission (STIKO). Diese Immunisierung betrifft aber lediglich den Serotyp C, der für nur 20 bis 25 Pro­zent der IME-Fälle verantwortlich ist. Der größere Teil (65 bis 70 Prozent) entfällt auf Erreger vom Serotyp B, für die es bis 2013 keinen Impfstoff gab. Als damals der erste und bis heute einzige Impfstoff für den Serotyp B zugelassen ­wurde, begleiteten viele Experten dies eupho­risch. Was bis heute­ aber fehlt, ist eine allgemeine Empfehlung der STIKO in Berlin, die über die offiziell in Deutschland geltenden Impfempfehlungen entscheidet.

Wer mit Dr. Jan Leidel darüber spricht, erlebt ­einen STIKO-Vorsitzenden, der das Dilemma sieht. Er verweist darauf, dass die Kommission der Impfung eine hohe Priorität eingeräumt hat und sie bereits 2011, also noch während des Zulassungsprozesses, auf die Tages­ordnung des Gremiums gesetzt ­­habe. "Was aber die Impfempfehlung anbelangt", sagt Leidel, "muss ich auf zwei Wegen antworten: einmal als Kommissionsvorsitzender und einmal als Großvater."


Offizielle Empfehlung nur bei öffentlichem Nutzen

Als Großvater würde er seinem Enkelkind eine Meningokokken­erkrankung unbedingt ersparen wollen und es mit dem zuge­lassenen, also als ­sicher und wirksam befundenen Impfstoff immunisieren lassen.

Als STIKO-Vorsitzender nehme er allerdings eine andere­ Perspektive­ ein: "Bei unseren Empfehlungen geht es nicht nur um den Schutz des Einzelnen", sagt Leidel­. "Die Impfungen, die wir empfehlen, sollten im öffentlichen ­Inte­resse liegen, zum Beispiel durch eine Schutzwirkung auf Bevölkerungsniveau." Das heißt: Die Impfung verhindert zum einen, dass der Geimpfte erkrankt. Zum anderen kann er aber auch, wenn er sich mit den Krankheitserregern infiziert, diese nicht mehr weitergeben. Damit sind dann auch die geschützt, die selbst nicht geimpft werden können. "Ist das nicht der Fall", sagt Leidel, "kann die Impfung keinen Herdenschutz entwickeln. Dann fehlt aber das für eine­ allgemeine Empfehlung wichtige ­öffentliche Interesse." Und genau diese Wirkung ist bei der MenB-Impfung noch unklar.

Hinzu kommen weitere Fragen und Aspekte, die Leidel zufolge ebenfalls noch nicht ausreichend beantwortet­ werden können – und durch den Herdenschutz-Aspekt an Gewicht gewinnen. So scheint der Impfstoff insgesamt zwar rund 80 Prozent der hierzulande zirkulierenden Meningokokken-B-Stämme abzudecken. Gerade bei Säuglingen sind es aber wohl weniger als 60 Prozent. Zudem ist unklar, wie lange der Schutz anhält. "All das müssen wir wissen, um sagen zu können, wie viele Impfungen notwendig sind, um ­einen einzigen MenB-Fall zu verhindern", sagt Leidel. Die STIKO rechnet zurzeit im günstigsten Fall mit 20 000, im ungünstigsten Fall mit 100 000 Impfungen.

STIKO schätzt Risiken sorgfältig ab

Dabei geht es nicht in erster Linie um entstehende Kosten, sondern um das Auftreten sehr seltener, aber sehr schwerer Nebenwirkungen und damit um eine ­klare Nutzen-Risiko-Abwägung. So traten in Studien leichtere Nebenwirkungen wie Fieber und Schmerzen an den Einstichstellen häufiger auf. Zudem zeigten drei Säuglinge von knapp 5000 im Rahmen der Zulassungsstudien geimpften Babys und Kleinkindern starke­ Nebenwirkungen. Sie litten unter­ schweren, fieberhaften Entzündungen der Blutgefäße. Ob die Fälle­ zufällig auftraten oder mit der Impfung zusammenhingen, ist allerdings unklar. Bis 2018 unterliegt der Impfstoff daher ­einer zusätzlichen Überwachung der Europäischen Arzneimittel-Agentur.

Dr. Hermann Josef Kahl hält leichte­ Nebenwirkungen für vertretbar. "Man muss überlegen, wie bei den Kindern erst eine richtige Infektion wirken würde", sagt der Bundessprecher im Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte. "Ich halte die MenB-Impfung für wichtig", sagt er. Eine offizielle Empfehlung würde er begrüßen. Viele ­Eltern achteten sehr genau darauf, was die STIKO empfehle und was nicht. Auch übernehmen nur dann alle Kassen die Kosten der Impfung. Bislang erstatten nur we­nige den vollen Preis (bei Säuglingen sind das etwa 300 Euro), einige tun es teilweise (eine Auflis­tung finden Sie unter www.bvkj.de).­ Auch sind Patienten bei Impfschäden dann tendenziell besser abgesichert.

Bis zu einer Entscheidung der STIKO vergehen oft Jahre. Solange eine Empfehlung fehlt, bleibt Eltern nur, sich über die Impfung und das Risiko einer Meningokokken-Erkrankung zu informieren und mit dem Kinderarzt zu entscheiden.


So enwickelt die STIKO Impfempfehlungen

  • Vater und Tochter umarmen sich
    W&B/Martina Ibelherr

    Die ehrenamtlichen Mitglieder der STIKO­ ­werden alle drei Jahre­ vom BMG bestimmt und auf Unabhängig­keit geprüft. Um ­eine umfassende Expertise­ zu gewährleisten, sollen sie aus verschiedenen Disziplinen der Forschung und Wissenschaft sowie aus dem Bereich des öffent­lichen Gesundheitsdienstes und der niedergelassenen Ärzteschaft kommen.

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  • Vater und Tochter umarmen sich
    W&B/Martina Ibelherr

    Die STIKO tagt in der Regel dreimal im Jahr. Am Anfang ihrer Amtszeit legt sie die zu prüfenden Impfungen fest und richtet entsprechende Arbeitsgruppen­ ein. Unterstützt wird sie von ihrer­ Geschäftsstelle­ am Robert Koch-Institut. Diese­ sammelt Daten zur Verbreitung von Krankheiten, zur Wirksamkeit und ­Sicherheit von Impfstoffen. Auch externe Berater­ werden hinzugezogen.

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  • Vater und Tochter umarmen sich
    W&B/Martina Ibelherr

    Auf Grundlage­ der Vorschläge der Arbeitsgruppen entscheidet die STIKO über Impfempfehlungen. Den obersten Gesundheitsbehörden der Länder dienen diese für ihre öffentlichen Impfempfehlungen. Der G-BA entscheidet, ob er sie in die Schutzimpfungsrichtlinie übernimmt­. Nur dann sind alle Kassen verpflichtet, die Kosten der Impfung zu übernehmen.

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  • Vater und Tochter umarmen sich
    W&B/Martina Ibelherr

    Impfempfehlungen werden über unterschiedliche Kanäle verbreitet, um möglichst viele Menschen zu erreichen. Die allermeisten Impfungen führen niedergelassene Ärzte durch. Sie sind es auch, die Nebenwirkungen an die Gesundheitsämter melden ­müssen. Diese leiten dann die Meldungen an das für die Überwachung von Impfungen zuständige Paul-Ehrlich-Institut.

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Bildnachweis: W&B/Privat, W&B/Selina Pfrüner, Mauritius Images GmbH/Science Photos Library, W&B/Martina Ibelherr
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