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Burn-out: Modediagnose oder ernst zu nehmende Krankheit?

Völlig Ausgebranntsein scheint in zu sein. Mariah Carey, Britney Spears, Tim Mälzer – alle leiden unter Burn-out. Analyse eines Massen-Phänomens


Ständige Erreichbarkeit im Job kann überlasten und zum Burn-out führen

Fast klingt es ein bisschen schick: Ein Promi nach dem anderen verabschiedet sich, weil er ausgebrannt ist: Soul-Sängerin Mariah Carey, Popstar Britney Spears, TV-Koch Tim Mälzer, Skispringer Sven Hannawald, SPD-Politiker Matthias Platzeck. Burn-out: die Krankheit der Sieger?


Heer der Erschöpften: Immer mehr Menschen betroffen

Früher war das so. Da traf die Diagnose­ Manager, die sich für ihren Job aufrieben. Überdurchschnittlich häufig waren aber auch Menschen in sozialen Berufen betroffen, die es nicht schafften, sich von ihrer Arbeit abzugrenzen. Seit einigen Jahren dagegen haben es Ärzte und Therapeuten mit einer neuen Klientel zu tun: „Oft leiden junge Menschen, die mit den Anforderungen in der Schule und im Studium nicht mehr zurechtkommen, unter totaler Erschöpfung“, sagt Dr. med. Manfred Nelting, Facharzt für psychosomatische Medizin und ärztlicher Direktor der Gezeitenhaus Klinik in Bonn.



Alexander Tomiczek berät nahe Köln Menschen und Firmen im Umgang mit Burn-out

Und: „Zunehmend behandeln wir Mütter“, erklärt Dr. med. Gernot Langs, Chefarzt der Schön-Klinik für Psychosomatik, Bad Bramstedt. Die Frauen brächen unter der Doppelbelastung von Job und Familie zusammen, hätten oft hohe Ansprüche an sich selbst. „Häufig fehlt es an Kinderbetreuung und Unterstützung“, so der Experte.

Höhere Anforderungen im Job

Dazu kommt: Vielerorts haben sich die Arbeitsbedingungen verschärft. Ständige Erreichbarkeit, wachsendes Pensum, wenig Anerkennung am Arbeitsplatz: „Einflüsse wie diese können belastend wirken“, sagt Langs.



Dr. Gernot Langs ist Chefarzt der Schön-Klinik für Psychosomatik in Bad Braunstedt

Eine Langzeitstudie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Dortmund zeigt: Mehr als die Hälfte von 20.000 Befragten fühlen sich ständig bei der Arbeit von Mails und Telefon gestört. 60 Prozent leiden darunter, dass sie verschiedene Arbeiten gleichzeitig erledigen müssen.

So ging es auch Alexander Tomiczek aus Troisdorf, ehemals Manager in der Telekommunkationsbranche. Immer erschöpfter und ohnmächtiger ­fühlte er sich, konnte sich kaum konzentrieren, schlief­ schlecht und litt, wie er sagt, „unter Ängsten, keine Kraft mehr zu haben, meine Familie zu versorgen“.



Dr. Manfred Nelting ist Facharzt für psychosomatische Medizin und ärztlicher Direktor der Gezeitenhaus Klinik in Bonn

Zwei Zusammenbrüche, begleitet von Heulkrämpfen erlitt er. Zehn Jahre ist das her. „Damals existierte das Thema Burn-out in der Öffentlichkeit fast nicht. Ich fühlte mich mit meinem Leiden alleine“, erinnert er sich. Er begann eine Therapie, gründete mehrere Selbsthilfegruppen, deren Organisation er später abgab­ und arbeitet ­heute als Coach. Tag für Tag hat er also mit völlig erschöpften Menschen zu tun. Und sieht dabei eine große Gefahr: „Der Begriff Burn-out ist inflationär geworden“, sagt er.

Krank, aber nach außen hin fröhlich

Burn-out ist, genau betrachtet, gar keine Krankheit: Es existieren keinerlei einheitliche Diagnosekriterien. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Burn-out nicht als eigene­ Erkrankung in ihren Kriterienkatalog aufgenommen. Es handelt sich um ein Syndrom, also um ein Zusammenspiel vielfältiger Symp­tome: „Betroffene leiden etwa unter chronischen Schmerzen oder Tinnitus“, erklärt Langs. Manche reagieren extrem gereizt, andere niedergeschlagen – und einige sind, so Langs, „fröhliche Durchhalter, die hinter ihrer Fassade einfach weitermachen, obwohl ihnen ihr Körper ­klare Zeichen gibt, dass es zu viel ist“.

Burn-out – Spirale in die Depression

Was also genau ist Burn-out? „Er kennzeichnet einen Endzustand der Erschöpfung, mündet unbehandelt in ­eine Depression“, sagt Psychosomatiker Nelting. Er ist sogar überzeugt: „Die meisten Menschen, die in eine Depression verfallen, hatten zuvor einen Burn-out.“ Fest steht: Immer häufiger schreiben Ärzte Arbeitnehmer entweder wegen Burn-out oder Depressionen krank. Laut einer Untersuchung der Krankenkasse KKH-Allianz stieg der Anteil der Krankschreibungen von 13 Prozent im Jahr 2009 auf 14,3 Prozent im ersten Halbjahr 2011.

Nelting schätzt, dass in Deutschland derzeit acht Millionen Menschen an Depressionen und/oder Burn-out erkrankt sind. Zahlen, die Experten beunruhigen: „Offensichtlich fällt es Menschen immer schwerer, auf sich zu achten und einen Ausgleich für Stressoren zu finden“, sagt Langs. Ist ein Mensch zutiefst erschöpft, verschaffen ihm zwei Wochen Erholung im Wellness-Hotel deshalb bestenfalls eine Verschnaufpause: „Da muss man tiefer gehen und psychotherapeutisch arbeiten“, sagt Langs. Und Persönlichkeitsmuster und Verhaltensweisen aufdecken, die es begünstigen, immer wieder die eigenen Grenzen zu ignorieren: etwa einen überzogenen Perfektionsanspruch oder fehlende soziale Anerkennung.

Häufig mag die Diagnose „Burn-out“ zu schnell kommen und bizarre Kreise ziehen: „Nicht alle Kurse in Firmen zur Burn-out-Prophylaxe sind sinnvoll“, sagt Langs. Aber wenigstens gerate so das Thema in den Blickpunkt, „und wir können mehr Menschen helfen, bevor sie in die Depression abrutschen“.




Bildnachweis: W&B/Privat, Getty Images/Iconica

Anne-Bärbel Köhle / Baby und Familie; 22.06.2012
Bildnachweis: W&B/Privat, Getty Images/Iconica

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