Verhüten mit Natürlicher Familienplanung

Eine Alternative zu Pille, Spirale und Diaphragma können natürliche Verhütungsmittel sein. Wie die Temperatur-, die Zervixschleim- und die symptothermale Methode funktionieren, ihre Vor- und Nachteile

von Daniela Frank, aktualisiert am 09.12.2015

Gleich nach dem Aufwachen die Temperatur messen: Bei einigen natürlichen Verhütungsmethoden bestimmt die Frau so die Zyklusphase

Shotshop/ Robert Kneschke

Dem Körper mithilfe von Hormonen eine Schwangerschaft vortäuschen? Oder einen Fremdkörper in die Gebärmutter einsetzen lassen? Viele Frauen können sich das nicht vorstellen. Deshalb entscheiden sich immerhin rund acht Prozent aller Frauen im gebärfähigen Alter, nicht mit Pille oder Spirale, sondern auf natürliche Weise zu verhüten. Die Voraussetzung dafür: sich mit den Vorgängen im eigenen Körper gut vertraut machen. Das kann zeitaufwändig sein – es kann sich aber auch lohnen.

Natürlich verhüten: Unterschiedliche Methoden

Die sogenannte Natürliche Familienplanung besteht nach Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) darin, die Symptome, die in der fruchtbaren sowie unfruchtbaren Phase des Zyklus auftreten, zu beobachten. Je nach Wunsch kann dann eine Schwangerschaft verhütet oder angestrebt werden.


Das erste wissenschaftlich fundierte Verfahren war die Kalendermethode nach Knaus Ogino. Sie berechnet die fruchtbaren und unfruchtbaren Tage anhand der Zykluslängen. Sie gilt heute jedoch als zu unsicher und wird nicht mehr empfohlen. Denn im Laufe der Zeit fand man genauere Indikatoren: Zum Beispiel zeigen Veränderungen in der Körpertemperatur oder die Zusammensetzung des Schleims am Gebärmutterhals verlässlicher an, ob die Frau gerade fruchtbare oder unfruchtbare Tage durchläuft. Dies machen sich die sogenannte Temperaturmethode und die Zervixschleim-Methode zunutze.

Am genauesten lässt sich die Zyklusphase aber derzeit mit einer Kombination aus beiden Verfahren bestimmen: der sogenannten symptothermalen Methode. Sie berücksichtigt sowohl die Körpertemperatur am Morgen als auch die Zusammensetzung des Zervixschleims. "Das Gute an dieser Methode ist, dass die Frau dabei ihren Körper sehr genau kennenlernt und kompetenter mit ihrer Sexualität und Fruchtbarkeit umgehen kann", sagt Dr. Petra Frank-Herrmann, Leiterin der Sektion Natürliche Fertilität bei der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologische Endokrinologie und Fortpflanzungsmedizin. Das nötige Wissen dafür kann die Frau in einem entsprechenden Kurs erwerben. Daneben gibt es Verhütungs- oder Fertilitätscomputer, die Frauen bei der Familienplanung helfen sollen. Je nachdem, welches Verfahren sie anwenden, verhüten sie unterschiedlich sicher.

Sicherheit wird duch Pearl-Index angegeben

Wie verlässlich ein Verhütungsmittel ist, gibt der sogenannte Pearl-Index an. Er drückt aus, wie viele von 100 Frauen, die das entsprechende Verhütungsmittel benutzt haben, innerhalb eines Jahres schwanger geworden sind. Dabei ist jedoch zu beachten, dass sich der angegebene Wert auf die Schwangerschaftsrate bei korrekter Anwendung bezieht. Rechnet man Anwendungsfehler mit ein, liegt diese oft deutlich höher. Die Pille hat beispielsweise einen Pearl-Index von 0,1 bis 0,8.


Wie die Methoden jeweils funktionieren und für wen sie geeignet sind, erklärt der folgende Überblick:

Die Temperaturmethode

Dieses Verfahren macht sich den Umstand zunutze, dass die Körpertemperatur nach dem Eisprung um ungefähr ein halbes Grad ansteigt. Da der Wert aber im Laufe eines Tages schwanken kann, muss die Frau die Temperatur am Morgen direkt nach dem Aufwachen messen. Aufstehen oder andere Tätigkeiten können die Temperatur bereits verändern. Wichtig ist es auch, immer dasselbe Thermometer zu verwenden und an derselben Körperstelle zu messen – im After, in der Scheide oder aber im Mund. Beim Messen im Mund sollte das Thermometer immer an derselben Stelle platziert werden. Die Messung in der Achselhöhle ist zu ungenau und daher nicht geeignet.

Den Temperaturwert trägt die Frau anschließend in ein Kurvenblatt ein. Eine digitale Version bieten oft Zyklus-Apps an. Vom ersten Tag der Regelblutung bis zum Eisprung befindet sich die Aufwachtemperatur auf einem eher tiefen Niveau. Um den Eisprung herum steigt sie dann etwas an und verbleibt bis zur nächsten Monatsblutung in dieser höheren Lage. Mithilfe der Temperaturkurve lässt sich das Ende der fruchtbaren Zeit bestimmen. Eine Vorhersage des Eisprungs ist leider nicht möglich.

Vorsicht: Da die Temperatur bereits von Faktoren wie Stress oder einer Erkältung beeinflusst werden kann, sollte die Frau diese mit auf dem Blatt notieren. "In unseren Kursen ermittelt die Frau zusammen mit dem Berater, welche Störfaktoren ihre Temperatur beeinflussen", sagt Frank-Herrmann. "Das sind bei jeder Frau andere." Die Temperaturmethode schützt für sich alleine genommen nur mittelmäßig gut vor einer Schwangerschaft: Sie hat einen Pearl-Index von etwa 1 bis 3.

Die Zervixschleim-Methode

Um die Methode sicherer zu machen, kann die Frau gleichzeitig den sogenannten Zervixschleim untersuchen. Das ist der Schleim, der im Gebärmutterhals gebildet wird und meist den Muttermund verschließt. Einige Tage vor dem Eisprung verflüssigt sich dieser Schleim, rinnt die Scheidenwände entlang zum Scheideneingang und kann dort von der Frau beobachtet werden. "Dazu braucht sie sich aber nicht einmal in die Scheide fassen", sagt Frank-Herrmann. "In bestimmten Zyklusphasen tritt ein Ausfluss auf, der einfach mit einem Stück Toilettenpapier abgewischt werden kann."

Seine Konsistenz verändert sich nach und nach – zunächst ist er weißlich klumpig, dann wird er durchsichtig, etwas flüssiger und lässt sich zu Fäden ziehen. "Diesen Schleim brauchen die Samenfäden, um zu überleben", erklärt Frank-Herrmann. "Sie würden sonst im sauren Milieu der Scheide absterben." Spätestens sobald der Schleim auftritt, ist die Frau also fruchtbar, bis drei Tage nach dem Höhepunkt des Schleimmusters. "Diese Methode reicht nicht allein zur Bestimmung der fruchtbaren Phase", sagt Frank-Herrmann. Für sich genommen hat das auch Billings-Methode genannte Verfahren einen Pearl-Index von etwa 3 bis 5.

Vorsicht: Samenabtötende Cremes und Zäpfchen verändern – genau wie Intimsprays – die Konsistenz des Schleims. Deshalb sollten Frauen, die diese Verhütungsmethode anwenden, darauf verzichten. Auch Genitalinfektionen können den Zervixschleim verändern.

Die symptothermale Methode

Bei dem kombinierten Verfahren lernt die Frau zunächst anhand eines Buchs oder mithilfe eines Kurses, inwiefern sich ihre Körpertemperatur und die Konsistenz des Gebärmutterhalssschleims im Laufe des Zyklus verändern. Die beiden Werte bestimmt sie täglich und trägt sie in ein Kurvenblatt ein – oder verwaltet sie mithilfe einer App. Es gibt verschiedene symptothermale Methoden, die sich in ihren Auswertungsregeln und ihrer Sicherheit unterscheiden. Die wissenschaftliche Arbeitsgruppe der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologische Endokrinologie und Fortpflanzungsmedizin empfiehlt die von ihr entwickelte Methode Sensiplan.

Mithilfe von Temperaturmessung und Zervixschleimbeobachtung bestimmt die Frau ihre fruchtbaren und unfruchtbaren Tage. Daraus leitet sie ab, wann sie ungeschützten Geschlechtsverkehr haben kann. An den fruchtbaren Tagen kann sie zusätzliche Verhütungsmittel anwenden, in der Regel eigenen sich dafür Kondome am besten. "In den ersten paar Zyklen, wenn die Frau die Methode erlernt, ist die fruchtbare Zeit länger, sodass sie an etwas weniger Tagen ungeschützten Verkehr haben kann", sagt Frank-Herrmann. "Aber die Methode kann von Anfang an zur Verhütung eingesetzt werden."

Wie sicher ist das?
Die symptothermale Methode Sensiplan hat einen Pearl-Index von 0,4 bei fehlerfreier Handhabung, ansonsten von 1,8. "Man kann also so gut wie pillensicher damit verhüten, wenn man die Methode korrekt anwendet", sagt Frank-Herrmann, die an der Universitäts-Frauenklinik Heidelberg zu diesem Thema eine Studie mit 900 Teilnehmerinnen durchgeführt hat. "Es ist auch nicht mehr so wichtig – wie bei früheren Methoden –, dass die Frau einen sehr regelmäßigen Zyklus hat, solange sie sich gut genug mit ihrem Körper auskennt." Nur in Ausnahmefällen, zum Beispiel bei Frauen, die eine ausgedehnte Operation am Muttermund hatten, sei die Methode nicht geeignet. "Bei disziplinierten Frauen klappt es meist gut", sagt Gynäkologe Dr. Klaus Peters aus Hamburg. "Nach meiner Erfahrung kommen Frauen am besten zurecht, die schon etwas älter sind." Bei diesen sei die Wahrscheinlichkeit einer Empfängnis aber ohnehin geringer. "70 Prozent aller Frauen, die heute in die Natürliche Familienplanung einsteigen, sind 20 bis 30 Jahre alt", hält Frank-Herrmann dagegen. Für junge Mädchen, bei denen sich der Zyklus erst einpendelt, wird die Methode jedoch nicht empfohlen.

Was sind die Vorteile?
Für viele Frauen ist der wichtigste Vorteil der symptothermalen Methode – genau wie bei anderen Verfahren der natürlichen Familienplanung –, dass sie keine Nebenwirkungen hat und nicht in die natürlichen Abläufe des Körpers eingreift. Auch Frauen, die andere Verhütungsmittel nicht vertragen, können darauf zurückgreifen. Die Methode ist zudem vergleichsweise billig: Die Kosten für einen Kurs betragen rund 150 bis 200 Euro. Hinzu kommen eventuell Kondome. Pille oder Spirale sind da langfristig deutlich teurer.

Für Frank-Herrmann ist ein weiterer wichtiger Vorteil, dass die Frau die natürlichen Vorgänge in ihrem Körper gut kennenlernt. "So geschulte Frauen werden zum Beispiel bei Brustspannen nicht an Krebs denken, wie es häufig vorkommt, sondern es mit dem Zyklus in Zusammenhang bringen", sagt Frank-Herrmann. Sie plädiert dafür, das Wissen über den eigenen Zyklus nicht nur zur Verhütung oder zur Erfüllung des Kinderwunsches anzuwenden, sondern auch zur Verbesserung des eigenen Körperbewusstseins – am besten bereits in frühen Jahren. "Zehnjährige Mädchen bekommen häufig schon zum ersten Mal Ausfluss, bereits lange vor der ersten Periode. Da wird dann oft versucht, ihn wegzutherapieren", sagt sie. "Dabei ist das etwas ganz Natürliches."

Was sind die Nachteile?
Zu Beginn erfordert die symptothermale Methode etwas Zeit und viel Interesse. "Die Frau muss eine hohe Anfangsmotivation mitbringen", sagt Frank-Herrmann. "Um sicher verhüten zu können, muss man das Verfahren einige Monate lang gut einüben." Der tägliche Aufwand danach sei aber mit dem Zähneputzen vergleichbar. Eine häufig geäußerte Kritik ist jedoch, dass die Methode nicht sehr sicher sei. "Bei korrekter Anwendung ist sie wahrscheinlich schon recht sicher – das Problem ist aber die Disziplin", sagt Peters. "Deshalb ist sie wahrscheinlich für über 90 Prozent meiner Patientinnen nicht geeignet." Die Realität: Viele Frauen wollen sich gar nicht so intensiv mit ihrem eigenen Körper beschäftigen, sondern ein einfach anzuwendendes, sicheres Verhütungsmittel. Deshalb fällt auch meist die Wahl auf Pille, Spirale oder Hormonstäbchen. Versuchen sie es trotzdem mit Natürlicher Familienplanung, fehlt häufig die Konsequenz. "Viele geben an, dass es doch zum ungeschützten Geschlechtsverkehr gekommen ist in den fruchtbaren Tagen", sagt Peters. "Ich habe mit diesen Methoden schon eine Reihe von Schwangerschaften erlebt."

Sind Verhütungscomputer eine Alternative?

Verhütungscomputer sind elektronische Geräte, die bei der Aufzeichnung von Daten zur Ermittlung von fruchtbaren und unfruchtbaren Tagen helfen. Sie berechnen die Zyklusphase entweder auf Basis der symptothermalen, der Temperatur- oder der sogenannten Hormonmethode, bei der mithilfe von Teststreifen die Hormonkonzentration im Morgenurin bestimmt wird. Ihr Pearl-Index schwankt stark, ist aber nicht genau untersucht. "Er liegt vermutlich zwischen 1 und 5", sagt Frank-Herrmann. Insgesamt sind sie also weniger verlässlich als die meisten symptothermalen Methoden.



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