Anmelden | Registrieren
Drucken

Wie viele Schadstoffe gibt es im Kindergarten?

Wissenschaftler untersuchen derzeit, wie schadstoffbelastet Kindergärten sind. Die Chemie-Expertin Sarah Häuser erklärt, wo die Gifte stecken und wie Eltern und Erzieherinnen aktiv werden können


Plastik umgibt schon die Kleinsten. Manche Kunststoffe sind nicht ganz unbedenklich

Matschhose, Babypuppe, PVC-Boden. Kunststoffe sind in unserem Alltag überall, auch in Kindergärten wäre es ziemlich leer ohne Plastik und Co. Doch können diese Stoffe für Kinder gefährlich werden? Im Rahmen der Aktion „Zukunft ohne Gift“ analysiert der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) Staubproben aus Kindergärten auf schädliche Rückstände. Jeder Kindergarten kann mitmachen. Wir sprachen mit der Leiterin der Aktion, Sarah Häuser.

Giftstoffe im Kindergarten – ist das wirklich ein Problem?

Wir finden, dieses Problem wird viel zu sehr auf die leichte Schulter genommen. In unserer Analyse testen wir auf Weichmacher, besonders die sogenannten Phthalate. Eine Untersuchung des Bundesumweltamts zeigte, dass diese Stoffe im Blut von praktisch jedem Kind nachweisbar sind.

Worin stecken diese Stoffe?

In Produkten aus Weich-PVC wie PVC-Bodenbelägen, Matschhosen, Gummistiefeln, Babypuppen, Turnmatten, Plastikbechern, Wachstuchtischdecken …


Also praktisch überall?

In Spielsachen sind viele Phthalate eigentlich verboten. Doch Verbrauchertests zeigen, dass viele Spielzeuge immer noch stark belastet sind. Das größte Problem ist, dass die Weichmacher mit den Stoffen, denen sie beigefügt werden, keine Verbindung eingehen – das heißt, sie dünsten mit der Zeit aus. Und wir nehmen sie über die Luft oder die Nahrung in den Körper auf.

Ist das gefährlich?

Phthalate wirken ähnlich wie Hormone. Die Auswirkungen sind nicht akut gefährlich, aber wahrscheinlich auf lange Sicht problematisch. Phthalate können bei Jungen zu späterer Unfruchtbarkeit führen, sie stehen im Verdacht, das Erbgut zu schädigen und Krebs auszulösen. Kinder sind dabei besonders gefährdet, denn ihr Organismus reagiert sehr sensibel auf diese Schadstoffe.

Bisher haben Sie die Staubproben aus 34 Kindergärten untersucht. Was kam dabei heraus?

Im Staub aller Kitas wurden Phthalate nachgewiesen. Wir haben unsere Ergebnisse mit einer Analyse des Umweltbundesamtes verglichen, in der die durchschnittliche Belastung deutscher Haushalte mit Weichmachern gemessen. Heraus kam, dass viele Kitas überdurchschnittlich hoch belastet sind. Mit dem Phthalat DEHP etwa, das als fortpflanzungsschädigend gilt, waren elf Kindergärten sehr stark belastet. Hier war die Konzentration so hoch wie in den fünf Prozent der deutschen Haushalte mit der höchsten Belastung.

Wie haben die betroffenen Kindergärten auf die hohen Belastungen reagiert?

Viele Erzieher und Eltern waren schockiert, denn man sieht den Produkten ja nicht an, dass sie Schadstoffe enthalten.

Was können sie denn tun?

Durch häufiges Lüften und regelmäßiges gründliches Putzen kann man die Belastung etwas senken. Wachstuchtischdecken oder Plastikgeschirr kann man leicht austauschen. Doch die Hauptquellen der Belastung sind meist PVC- oder Teppichböden. Und da hilft nur eines – herausreißen!

Das kostet Geld, das den meisten Kindergärten wohl fehlt.

Ja, leider. Aber sollte ohnehin eine Renovierung anstehen, raten wir, bei der Auswahl der Innenausstattung darauf zu achten, schadstoffarme Bodenbeläge auszuwählen.

Woran erkenne ich Produkte ohne Weichmacher?

Das ist leider gar nicht so einfach. Wenn in einem Produkt Weichmacher enthalten sind, ist dies manchmal mit einer „3“ in einem schwarzen Dreieck und darunter die Buchstaben PVC gekennzeichnet. Doch diese Angaben muss der Hersteller nicht machen. Bei häufig belasteten Produkten wie Gummistiefeln und Regenkleidung rate ich, die Testberichte von unabhängigen Verbraucherorganisationen zu lesen. Bei der Auswahl von Fußbodenbelägen und anderen Baumaterialien können Gütesiegel wie der Blaue Engel gute Orientierung bieten.

Was sind Ihre Forderungen an die Politik?

Hormonelle Schadstoffe haben in Alltagsprodukten, mit denen Kinder in Berührung kommen, nichts zu suchen. Dafür muss sich Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner stark machen.  

So können Sie Staubproben Ihrer Kita untersuchen lassen:

  • Inzwischen ist die Nachfrage so groß, dass die Analysen nicht mehr kostenlos angeboten werden. Eine Untersuchung kostet 120 Euro. Bedürftige Kitas bekommen einen Zuschuss. Je nachdem wie hoch die Nachfrage ist, kann jedoch nicht garantiert werden, dass tatsächlich alle eingesandten Proben untersucht werden. Unter Tel. 030/27 58 64 23 erfahren Sie, ob Sie noch Proben einschicken können.
  • Entfernen Sie den Staubsaugerbeutel, und verschließen Sie ihn gut mit Alufolie. Wichtig: keine Plastiktüten oder Klebebänder verwenden. Sie können das Testergebnis verfälschen.
  • Schicken Sie die Staubprobe an: BUND e.V., Stichwort „Zukunft ohne Gift“, Am Köllnischen Park 1, 10179 Berlin. Nennen Sie den Kindergarten- und den Ort für die Zuordnung der Probe, Ihren Namen, Adresse und E-Mail-Adresse. Alle Daten werden streng vertraulich behandelt.
  • Die Analyse dauert etwa zwei bis drei Wochen. Anschließend wird der Kindergarten über die Ergebnisse informiert.


Katja Töpfer / Baby und Familie; 23.05.2011
Bildnachweis: F1 online Bildagentur GmbH/Picture Partners/AGE

Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren  »

Braucht(e) Ihr Kind einen Schnuller?

Memo-Spiele

Unsere Kartenaufdeck-Spiele, das ähnlich wie das klassische Memory® funktioniert »

Auf www.apotheken-umschau.de

Medikamentencheck

Nebenwirkungen und Wechselwirkungen von Arzneien überprüfen »

© Wort & Bild Verlag GmbH & Co KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages

Apotheken Umschau mit den Themen Krankheiten von A-Z, Symptome, Medikamentencheck, Laborwerte, Heilpflanzen, Hausapotheke, Abnehmen, Gesundheitsvideos, Arzt- Apothekensuche, Gehirn-Jogging und Sport
Senioren Ratgeber mit Informationen rund um Krankheiten, Medikamente, gesund alt werden, altersgerechtes Wohnen, Pflege und Finanzen
Diabetes Ratgeber mit den Schwerpunkten Diabetes Typ 1 und Diabetes Typ 2: Symptome, Behandlung und Ernährung bei Zuckerkrankheit