Milchstau: Was tun?

Schmerzende und harte Brust: Bei stillenden Müttern sind das oft erste Anzeichen eines Milchstaus. Über die Symptome, die Gefahr einer Mastitis und geeignete Behandlungsmethoden
von Andrea Schmidt-Forth, aktualisiert am 05.04.2017

Viel Ruhe und regelmäßiges Stillen helfen bei Milchstau

F1online digitale Bildagentur GmbH/---

Wenn Mütter stillen, kommen sie und ihr ­Baby auf etwa 600 Stunden Haut­­kontakt inner­halb eines halben Jahres. Die Kleinen genießen diese innige ­­Nähe und profitieren davon. Nicht ­immer aber läuft es beim Stillen wie gewünscht. Etwa ein Drittel der stillen­den Mütter hat in den ers­ten ­Wochen wunde Brustwarzen. Oder die Brust schmerzt, weil sich Milch darin staut. Viele geben dann das Stillen früher auf als geplant. Hebamme Aleyd von Gartzen aus Hannover bedauert das: "Mit der richtigen Betreuung ließen sich solche Schwierigkeiten oft verhindern oder schnell beheben." Auch Prof. Michael Abou-Dakn, Gynäkologe aus Berlin, ermutigt Mütter: "Selbst im ungünstigsten und seltenen Fall ­einer Brustentzündung können Sie in der Regel weiterstillen."

Symptome bei Milchstau

Bei einem Milchstau fließt die Milch nicht richtig aus der Brust ab. Dadurch kann sich das Gewebe verhärten und sehr druckempfindlich sein. Zum Teil bilden sich ­rote Flecken oder ein harter Knubbel, der auch nach der nächs­­ten Stillmahlzeit bleibt. "Davor fühlen sich die Frauen meist schon matt und abge­schlagen", sagt von ­Gartzen. Sie weiß: Es kann sehr schnell gehen, dass Temperatur und Kopf­schmer­zen dazukommen!


Aleyd von Gartzen aus Hannover ist Bundesbeauftragte für Stillen und Ernährung beim Deutschen Heb­ammen­verband e.V.

W&B/Privat

Früh die Hebamme rufen

"­Rufen Sie schon bei frühen Anzeichen ­Ihre Heb­amme. Mit ­ihrer ­Hilfe lässt sich der Milchstau häufig in ein, zwei Tagen beseitigen", so von Gartzen. Sonst kann aus dem Stau ­eine Brustentzündung entstehen. Manchmal wird sie auch durch Bakterien ausgelöst, die durch ­feine Risse an der Brustwarze oder im Warzenhof in das Gewebe dringen.

"Die Symp­tome sind im Grunde wie beim Milchstau", so Abou-Dakn, "Fieber, Schmerzen und Krankheitsgefühl sind bei beiden sehr ähnlich." Bei einer Brustentzündung kann das Fieber auf 40 Grad steigen.

Wie Sie einem Milchstau vorbeugen und was hilft, lesen Sie hier:


Prof. Dr. Michael Abou-Dakn ist Chefarzt der Klinik für Gynäkologie am St. Joseph Kranken­haus Berlin und Mit­glied der Nationalen Stillkommission

/Annett Poppe / herbstzeitloses.de

Position wechseln

Mit wunden Brustwarzen fangen die Probleme meistens an, nach Erfahrung der Hebamme ganz oft bereits in der Geburtsklinik. Der Grund kann unter anderem eine­ falsche Stilltechnik oder Anlegeposi­tion sein. Aleyd von Gartzen: "Bitten Sie ­Ihre Hebamme, eine gesamte Stillmahlzeit zu beobachten. Unter Umständen rät sie ­Ihnen dann, das Baby häufiger oder anders anzulegen oder es dazu zu bringen, den Mund zum Trinken weiter zu öffnen."

Mit einer anderen Stillposition erreichen Sie zum Beispiel, dass die wunde ­­Stelle in Babys Mundwinkel zu liegen kommt – schon tut es viel weniger weh. Bei einem Milchstau empfehlen Hebammen, das ­Baby so anzulegen, dass sein Unterkiefer beim Trinken möglichst in Richtung der verhärteten Stelle zeigt. Damit saugt es verstärkt Milch aus diesem Areal.


Ulrike Grafberger ist Apothekerin in Schwabmünchen und Mutter von vier Kindern

W&B/Privat

Hebammen können Ihnen viele geeignete Stillpositionen zeigen: (halb) im Liegen, auf der Seite, im Sitzen, das Baby auf Ihrem Bauch oder wie einen Ball unter den Arm geklemmt!

Stillmahlzeiten nicht verringern

Manchmal hört man den Tipp: ­Weniger oder kürzer zu stillen, schont die wunden Brust­warzen oder hilft bei Milchstau oder Brustentzündung. Das ist falsch! Die Brust soll leer getrunken und das Baby satt werden. Stillen Sie Ihr Kind also nach Bedarf und bei frühen Anzeichen von Hunger. Damit vermeiden Sie, dass es beim Trinken hektisch und nervös ist und aus Versehen die Brustwarze verletzt.

Auf Hygiene achten

Offene Stellen und Risse sind ­eine Eintrittspforte für Keime, die eine bakterielle Brust­ent­zündung verursachen ­können. Das heißt: Hände ­­waschen, bevor Sie die Brust anfassen. Spülen Sie die Brust unter fließendem ­Wasser ab, und tupfen Sie sie mit einem sauberem Frotteetuch trocken. "Anschließend zur ­Pflege eine dünne Schicht Salbe­ aus hochgereinigtem Lanolin auftragen", rät Apothekerin Ulrike Graf­berger aus Schwabmünchen. ­­Alternativ können Sie die Brustwarze samt Warzenhof nach dem Stillen mit einem Tropfen Muttermilch benetzen. An der Luft antrocknen lassen. Läuft zwischen den Mahlzeiten Milch aus, Stilleinlagen aus Baumwolle oder Seide verwenden und regel­mäßig wechseln.

Wärme lässt die Milch fließen

Aleyd von Gartzens Erste-Hilfe-Tipp bei Milchstau lautet: ein Vollbad nehmen. "30 bis 40 Minuten – dann be­ginnt die Milch meist ganz von alleine zu fließen!" Keine Sorge: Es besteht keine Infektions­gefahr wegen Wochenfluss. Aber das warme Wasser hilft zu entspannen, der Milchspende­reflex kann wieder ein­setzen. Eine ähnliche Wirkung zeigen warme Duschen oder warme Umschläge auf der Brust, etwa durch ein Kirschkernsäckchen oder Kalt-Warm-Packs aus der Apo­theke. So lange und so warm, wie es Ihnen angenehm ist.

Bei Brustentzündung hilft Kälte

Bei Brustentzündungen sind kühle Um­schläge nach dem Stillen angenehm. Sie helfen die Schwellung zu reduzieren, wirken ­etwas schmerzlindernd. Kühlen können Sie mit Coolpacks oder Wickeln mit Quark oder Weißkohl­­blättern aus dem Kühlschrank. Eine Schicht Quark mit einem Löffel auf die Brust auftragen, Brustwarze dabei frei lassen. Mit einem sauberen Tuch abdecken, das vom BH festgehalten wird. Nach Belieben dran­lassen oder wechseln. Aleyd von Gartzen findet Kohl­blätter praktischer: mehrfach mit einem Messer einritzen, damit der Saft austreten kann, die harte Rippe mit dem Nudel­holz platt walzen, Blatt um die Brust drapieren (weiter wie beim Quark­wickel). Achtung: Verschlimmern sich die Beschwerden, gehen Sie zum Arzt. Eventuell verschreibt er ein Antibiotikum.

Druck vermeiden, bitte!

Ein Milchstau kann viele Ursachen haben. Manchmal versperrt ein kleiner Fettpfropf einen Milchgang. Oder etwas drückt ihn ab, wie ein ungünstig sitzendes Kleidungsstück oder ein Tragetuch. Wählen Sie deshalb jetzt lieber einen passenden Still-BH ohne Bügel, achten Sie auf locker sitzende Kleidung. Nach Erfahrung der Hebamme ist allerdings Stress der häufigste Auslöser für einen Milchstau: sei es durch viel Besuch kurz nach der Geburt oder einen Umzug. Das Stress­hormon Adrenalin blockiert das Stillhormon Oxytocin, das dafür sorgt, dass die Milch in die Milchgänge transportiert wird, wenn das Baby saugt. Da hilft: den Alltag entstressen, Termine reduzieren, Ruhe geben. "Das Wochenbett ist dazu da, dass Sie einen Gang runterschalten. Alles, was zu Ihrer Entspannung beiträgt, ist jetzt gut", so von Gartzen.

Medikament gegen die Schmerzen?

"Keine Frau muss diese Schmerzen ertragen", erklärt Mediziner Abou-Dakn. Ihr Arzt kann Ihnen Medi­kamente nennen, die für das Kleine unbedenklich sind, das Fieber senken und die Schmerzen in der Brust und beim Stillen lindern. Das Mittel rechtzeitig nehmen, ­also eine halbe Stunde vor Babys nächster Mahlzeit. Stillen sollten Sie mindestens so häufig und so lange wie bisher. Am besten an der betroffenen ­Seite beginnen, es sei denn, es tut zu sehr weh. Dann fangen Sie auf der anderen Seite an und wechseln, sobald der Milchspendereflex einsetzt und die Milch fließt. Sollte es mal nicht möglich sein zu stillen, dann entleeren Sie die Brust mit der Hand oder mithilfe einer Milchpumpe (siehe unten).

Wann bei Milchstau zum Arzt?

"Wenn nach 24 Stunden konser­vativer Behandlung, wie zum Beispiel das Ausstreichen der Brust, die Entzündung nicht besser wird, sollte ein Arzt aufgesucht und ­eine Antibiotikatherapie angedacht werden", sagt der Frauenarzt Michael Abou-Dakn. In solchen Fällen geht man von einer bakteriellen Brustentzündung mit erhöh­tem Ri­siko für eine Abszess­bildung aus und behandelt entsprechend mit einem Antibiotikum. ­Keine Sorge: Sie können weiterstillen. Der Arzt kennt Wirkstoffe, die für Ihr Baby unbedenklich sind. Das Antibiotikum sollten Sie unbedingt so lange wie verordnet nehmen.

Wie leere ich die Brust, wenn ich nicht stillen kann?

Bei Milchstau ist es wichtig, die betroffene Brust zu entleeren. Wenn das Baby­ nicht trinken mag, können Sie selbst nachhelfen, indem Sie zum Beispiel die Brust ausstreichen: Der Bundesverband der Arbeitsgemeinschaft ­Freier Stillgruppen rät zu folgender Technik: Daumen und Finger zwei bis drei Zenti­meter von der Brustwarze entfernt so auflegen, dass sie sich gegenüberliegen, mit der Brustwarze genau zwischen ihnen. Die Finger in Richtung Brustkorb drücken. Die Finger vom Brustkorb weg zusammenführen, dabei jedoch nicht die Haut verschieben. Den Druck lösen. Die Bewegung um die Brust­warze herum wiederholen, bis alle Milchgänge erfasst sind. Am besten lassen Sie sich die Technik von ­Ihrer Hebamme zeigen.

Alternativ können Sie mit einer­ elektrischen Milchpumpe ab­pumpen, die Sie in Apotheken ausleihen können­. Sie sollte stufenlos regulierbar und dem Saugverhalten von ­Babys angepasst sein. Die Pumpe sowie das dazugehörige Einmalset (Achtung: Die Größe­ sollte zu Ihrer Brust ­passen) gibt es auf Rezept. Sie müssen nur ­eine Kaution hinterlegen, die Ihnen bei der Rückgabe­ erstattet wird. "Wer akut, ­etwa an einem Feier­tag, nachts oder am Wochenende ein Gerät benötigt, aber kein Rezept hat, kann das in der Regel nachreichen", sagt Apothekerin Grafberger.



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