Wie alt dürfen Eltern sein?

Im besten Großelternalter – und dann noch mal ein Kind bekommen: Ist das verantwortlungsvoll? Eine Medizin-Ethikerin hat auf diese Frage ein paar überraschende Antworten

von Anne-Bärbel Köhle & Daniela Frank, aktualisiert am 16.02.2016

Späte Eltern: Tagesschau-Sprecher Jan Hofer mit Lebensgefährtin Phong Lan

dpa Picture-Alliance/Uwe Zucchi

Kinder sind anstrengend. Die schlaflosen Nächte, die Dauerschnupfnasen, fünf Mal Betten überziehen, nur weil ein kleiner Mensch zu viel Würstchen und Eis in sich hineingestopft hat und sich nun dauernd übergeben muss! Dafür braucht es Nerven.

Wie viel Nerven hat man noch im Pensionsalter? Wie viele schlaflose Nächte kann man wegstecken? Was, wenn Pubertierende betrunken durchs Haus trampeln, während man selbst womöglich schon darüber nachdenkt, die Wohnung altengerecht zu gestalten?


Papa mit 64 Jahren

Mit 64 Jahren ist Tagesschau-Sprecher Jan Hofer Vater geworden – zum vierten Mal, sein ältestes Kind ist schon 45 Jahre alt. Wenn der kleine Henry in die Schule kommt, feiert sein Papa den 70. Geburtstag. Franz Beckenbauer mit 57, Paul McCartney mit 59, Niki Lauda mit 60, Michael Douglas mit 64 – unter den Promis gibt es mittlerweile viele späte Väter. Kein Problem, solange es noch klappt?

Auch bei den Müttern gibt es Extreme: Im Frühjahr 2012 hat eine Pas­torin in der Schweiz mit 66 Jahren Zwillinge geboren. Medienberichten zufolge beruhte die Schwangerschaft auf einer Eizellspende in einem osteuropäischen Land. Die älteste Gebärende der Schweiz sorgte für Zündstoff. Wenn die Jungs in den Kindergarten kommen, feiert ihre Mutter den 70. Wenn sie ihren Schulabschluss haben, ist sie schon über 80 – vorausgesetzt, sie erlebt ihn noch. Ist das zu verantworten? Und warum regen sich eigentlich alle auf?


Dr. Katharina Beier forscht am Institut für Ethik und Geschichte der Medizin der Universität Göttingen

W&B/Privat

"Was heißt schon verantwortungsvoll?", fragt die Medizinethikerin Dr. Katharina Beier vom Institut für Ethik und Geschichte der Medizin der Universität Göttingen. "Ist es verantwortlich, Kinder zu bekommen, obwohl man arm oder krank ist? Ist es verantwortlich, sieben Kinder in die Welt zu setzen?" Die Grenze zu ziehen sei schwierig, schließlich ist der Wunsch nach Kindern "ein Persönlichkeitsrecht". Und deshalb findet es die Expertin kniffelig, eine Festlegung zu treffen, ab wann Eltern zu alt für Nachwuchs sind.

Die natürliche Grenze der Mütter

Ein Anhaltspunkt könnte die natürliche Grenze sein: Jenseits der Wechseljahre ist es für Frauen unmöglich, auf natürlichem Wege schwanger zu werden. Männer sind besser dran: Sie sind theoretisch lebenslang zeugungsfähig. Aber immer mehr Forscher arbeiten daran, die weibliche biologische Uhr anzuhalten (siehe unten). Schon heute gibt es in den USA den Trend zum "Social freezing": Dabei lassen sich junge Frauen hormonell stimulieren, um mehrere Eizellen zum Eisprung zu bewegen. Diese werden entnommen und mittels spezieller Verfahren konserviert. Die Eizellen können später aufgetaut, befruchtet und eingesetzt werden. Theoretisch könnten Frauen so noch im Rentenalter eigene Kinder austragen.

Ethisch vertretbar? Eine Gratwanderung, findet Beier. Einerseits überwinden wir ständig natürliche Grenzen zum Wohle der Gesundheit: Kein Diabetiker könnte ohne Insulin leben. Die Frage bleibt aber: Was ist sinnvoll? "Das Wesen der Elternschaft besteht darin, Verantwortung für den Nachwuchs zu übernehmen", sagt Beier. Selbstverständlich könne man die Betreuung so regeln, dass auch nach dem eigenen Tod für die Kinder gut gesorgt sei. Das mag selbstsüchtig klingen – aber unethisch findet es Beier nicht. Für problematischer hält sie die Botschaft, die von der Möglichkeit ausgeht, Eizellen für eine spätere Befruchtung einzufrieren. "Die Eingriffe sind nicht risikolos. Künstliche Befruchtungsverfahren haben zudem eine eher geringe Erfolgschance", sagt sie. Die vermeintliche Baby-Garantie ist also trügerisch. Und: "Über die medizinische Debatte vergessen wir, die gesellschaftlichen Ursachen für späte Mutterschaft zu hinterfragen", erklärt sie. Gäbe es etwa bessere Betreuungsmöglichkeiten, hätten Frauen vielleicht den Mut, früher Kinder zu bekommen.

Späte Vaterschaft weniger tabu

Was die Expertin richtig ärgert: Späte Mutterschaft gilt in der öffentlichen Debatte häufig als egoistisch, späte Vaterschaft wird eher selten verurteilt. Beier aber ist der Meinung: "Wenn wir ab 35 von einer Risikoschwangerschaft sprechen, dann wäre der Begriff Risikovaterschaft nur konsequent." Zugegeben: Die Kinder älterer Mütter haben ein erheblich erhöhtes Risiko für Erkrankungen wie etwa Trisomie 21 (Down-Syndrom). Aber auch das Alter des Vaters spielt vermutlich eine Rolle, wenn es um die Gesundheit des Nachwuchses geht. So häufen sich die Hinweise, dass der Nachwuchs von Männern jenseits der 50 öfter an bestimmten Erkrankungen wie Autismus leiden könnte. Das absolute Risiko etwa bei Autismus liegt jedoch unterhalb von zwei Promille.

Schauspieler Robert de Niro wurde mit 68 Vater einer Tochter, Moderator Ulrich Wickert mit 69 Papa von Zwillingen. Schauspieler An­thony Quinn wagte mit 81 Jahren noch einmal eine Vaterschaft. Richtig aufgeregt hat sich darüber niemand. Bei Jan Hofer ist das bestimmt nicht anders.


Forschung: Künftig späte Mutterschaft ohne Eizellspende?

Die medizinischen Sensationen mehren sich – die ethischen Fragestellungen auch. So haben US-Mediziner bislang unbekanne Stammzellen entdeckt, aus denen Eizellen hervorgehen können. Die Resultate wurden Anfang 2012 im Fachblatt Nature Medicine veröffent­licht. "Die Entdeckung von Eizell-Vorläuferzellen in menschlichen ­Eierstöcken öffnet die Tür für neue Techniken zur Fruchtbarkeitsbehandlung von Frauen", schwärmt Studienleiter Prof. Jonathan Tilly vom Massa­chusetts General ­Hospital in Boston. So könnten die aus Stammzellen hervorgehen­den Eizellen sich mögli­cherweise künstlich befruch­ten lassen.

Noch ist es ­Zukunftsmusik. Aber wenn dies eines Tages gelänge, würde das Alter der Mutter vielleicht keine Rolle mehr spielen – sie könnte weit jenseits der Wechseljahre noch Kinder bekommen, auch ohne Eizellspende.



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