Elternzeit nehmen: Für Männer oft schwierig

Kinder sind Frauensache – meinen immer noch einige Chefs. Väter müssen oft um ihr Recht auf Elternzeit kämpfen. Zwei berichten hier

von Franziska Draeger, aktualisiert am 11.01.2016

Als Vater Elternzeit nehmen? Viele Chefs sind von dieser Idee nicht begeistert

Strandperle/Westend61

"Elternzeit für Männer? Das gibt es hier nicht. Falls ein Mitarbeiter das beantragt, würden wir uns von ihm trennen." Mit dieser radikalen Antwort hatte ­Michael Haller*, 32, nicht gerechnet, als er sich vor einem Jahr erkundigte, wie sein Unternehmen zu Vätermonaten steht. Offiziell fragte er als Personalplaner – in Wirklichkeit trieb ihn die Frage aber selbst um: Seine Frau war im dritten Monat schwanger, er wollte sie in der Zeit nach der Geburt unterstützen. Zumindest zwei Monate wollte er sich für sein Baby freinehmen. Laut Gesetz haben Väter genau wie Mütter Anspruch auf Elternzeit, bis zu drei Jahre. Sie kann auch gleichzeitig mit der Partnerin genommen werden, eine komplette Auszeit ist ebenso möglich wie Teilzeit.


Sonderkündigungsschutz greift erst spät

Haller arbeitete in einer Führungsposition in einem mittelständischen Einzelhandels­unternehmen. Gern hätte er seine Fehlzeiten mit der Vorgesetzten abgestimmt, damit dem Unternehmen kein ­Schaden entstünde. "Ich hätte mir auch ­eine Teilzeitlösung vorstellen können", sagt er. Doch nach der Auskunft seiner Chefin schien es ihm riskant, nach Elternzeit zu fragen, bevor der Sonderkündigungsschutz griff: Ab acht Wochen vor dem errechneten Geburtstermin dürfen werdende Väter nicht entlassen werden. Elternzeit müssen sie mindes­tens sieben Wochen im Voraus beantragen. Wollen sie ihre Partnerin direkt nach der Geburt unterstützen, bleibt ihnen nur die achte Woche vor Geburtstermin, um den Antrag sicher einzureichen. "Das ist viel zu kurzfristig, gerade bei Führungskräften", sagt Hans-Georg Nelles, der Beschäftigte wie Unternehmen zu Fragen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf berät. "Da kommen Vorgesetzte in die Bredouille bei der Personalplanung."


Volker Baisch ist Geschäftsführer der VÄTER gGmbH, einer Hamburger Unternehmensberatung für väterfreundliche Unternehmenskultur

/Ann-Christine Krings Photography

Das war auch Haller klar: "Es fiel mir schwer, das so lange geheim zu halten, das ist nicht ­meine Art." Fristgerecht übergab er schließlich seiner Chefin den Antrag auf zwei Monate Elternzeit ab Geburt. "Die Reaktion war wie erwartet heftig", schildert ­Haller. Seine Chefin warf ihm vor, dem Unternehmen zu schaden. Gerade als Führungskraft würde er womöglich noch andere Mitarbeiter auf die Idee bringen, auch Elternzeit zu fordern. Offenbar fehle ihm jeglicher Leistungswille. Eines machte die ­Vorgesetzte klar: Wenn er aus der Elternzeit wiederkomme, dann nicht als Führungskraft, sondern als Verkäufer. "Zwischen den Zeilen klang mit: Und dann werden wir sehen, wie lange Sie überhaupt noch hier arbeiten", sagt Haller.


Hans-Georg Nelles berät Unternehmen, Führungskräfte und Beschäftigte zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf

W&B/Privat

Nach Elternzeit: Kein Recht auf dieselbe Stelle

Das zeigt die Grenzen des gesetzlichen Schutzes: Der Chef muss dem Elternzeitantrag zwar zustimmen, doch Väter wie Mütter haben kein Recht darauf, die­selbe Stelle nach der "Pause" wiederzubekommen. Und ihr Kündigungsschutz endet am ers­ten Tag nach der Elternzeit. "Die typischen zwei Väter­monate sind heute eigent­lich gut etabliert und werden oft prob­lemlos durchgewunken", sagt Hans-­Georg Nelles. "Aber gerade Führungskräfte bekommen oft Gegenwind, wenn sie Elternzeit beantragen."

Droht der Chef, finden sich Väter in einem Dilemma: Einerseits wollen sie auf keinen Fall gerade jetzt ihr Einkommen aufs Spiel setzen. "Andererseits wollen sie etwas von ihren Kindern haben", sagt Volker ­Baisch. Er leitet die Väter ­gGmbH. Die Firma berät Unternehmen, die väterfreundlicher werden wollen. In einer repräsentativen Studie, die Volker ­Baisch Ende 2012 veröffentlichte, zeigte sich, dass 88 Prozent der Väter zwischen 25 und 45 Jahren die Entwicklung ihres Nachwuchses von Anfang an aktiv begleiten möchten. Gut 92 Prozent wollen aber auch unbedingt ihre Familie finanziell absichern.

Elternzeit: Nur jeder zweite Vater vom Vorgesetzten unterstützt

Oft kollidieren beide Ziele, so auch bei Martin Schneider*. Er war gerade mitten in einem Volontariat bei einem Verlag, seiner ersten Anstellung nach dem Studium. Seine Frau hatte ihre Ausbildung gerade beendet. Sie waren auf sein Einkommen angewiesen. Als er bekannt gab, dass er Vater werde und gerne zwei Monate Elternzeit hätte, sagte seine Chefin: Elternzeit gibt es bei uns nicht. "Sie meinte, zuerst liege das Kind doch nur rum, was ich denn da zu Hause wolle?", erzählt Martin Schneider. Paragrafenreiterei warf sie ihm vor, als er auf seinem Anspruch beharrte.

Die Reaktionen der Chefinnen von Martin Schneider und ­Michael Haller sind Extremfälle, doch allein sind die beiden Väter mit ihren Erfahrungen nicht. So wurden laut Baischs Studie nur rund die Hälfte der befragten Väter, die Elternzeit nahmen, dabei von ihren Vorgesetzten unterstützt. Noch gehen nicht alle Väter in Elternzeit, die sich das wünschen: In einer repräsentativen Umfrage bei Einführung des Elterngeldes gaben 68 Prozent der Väter an, dass sie gern Elternzeit nehmen würden. Heute, fast sieben Jahre später, setzen dies, laut Statistischem Bundesamt, immer noch nur circa 27 Prozent um.

Druck in ohnehin stressiger Phase

Diese Kluft hat vielfältige Ursachen: "Einige fürchten, ihrer Karriere zu schaden, andere nehmen einfach ihren Jahresurlaub nach der Geburt, weil sie so mehr Geld zur Verfügung haben", sagt Nelles. Eine andere Ursache ist auch der Druck, den manche Chefs auf junge Väter ausüben. Martin Schneider steckte noch in kräftezehrenden Verhandlungen zur Elternzeit, als seine Frau ins Krankenhaus ­musste. Ihre Fruchtblase drohte zu platzen. "Das war eine furchtbare Zeit, die Angst um das Baby, die stressigen Verhandlungen. Ich hatte Magenschmerzen, habe fünf Kilo abgenommen. Jeden Tag habe ich mit mir gerungen", schildert der 27-Jährige.

Am Ende gestand ihm die Chefin zwar Elternzeit zu, aber nach Kalendermonat, nicht nach Lebensmonat des Kindes. Dennoch kündigte Schneider. "Ich kam mir als werdender Vater unerwünscht vor in der Redak­tion. Und ich wollte in Zukunft nicht um alles betteln, was Eltern rechtlich zusteht, zum Beispiel um ­einen freien Tag, wenn meine Tochter mal krank ist", sagt er. Seine Frau trug seine Entscheidung mit, auch wenn es nun finanziell erst einmal eng ist. Sie war froh, dass ihr Mann für sie da sein konnte, als das Kind schließlich sechs Wochen zu früh auf die Welt kam.


Tipps: So verhandeln Sie mit dem Chef

Bevor ein werdender Vater mit seinem Vorgesetzten spricht, sollte er mit der Partnerin klären, was beide erreichen wollen, welche Kompromisse möglich sind – und was sie im Zweifel für die Elternzeit aufs Spiel setzen wollen. Außerdem erkundigt er sich am besten, ob im Unternehmen schon Männer Elternzeit genommen haben und wie das lief.

 

In der Regel ist es gut, den Wunsch nach Elternzeit früh anzusprechen, außer man fürchtet tatsächlich ernste Konsequenzen. Ein anfängliches Nein vom Vorgesetzten muss noch nichts bedeuten, sagt Nelles. "Manche Vorgesetzte können sich erst nicht vorstellen, wie sie den Mitarbeiter ersetzen sollen." Er rät Vätern, dem Chef Zeit zum Nachdenken zu lassen. Am schwierigsten ist es für Unter­nehmen, Fach- und Führungskräften ­eine Auszeit zu gewähren. Oft seien Teilzeit­lösungen einfacher.

 

"Eine häufige Lösung sieht so aus: Väter führen die ­Aufgaben fort, für die sie spezifisches Know-how haben, etwa mit zwölf Stunden pro Woche, gestalten ihre Arbeitszeit aber möglichst flexibel", so Nelles.

 

Das Gespräch sollte gut vorbereitet werden, Väter sollten dabei ihre Verhandlungsposition nicht unterschätzen, denn das Unternehmen hat ein Interesse daran, seine Mitarbeiter zu halten und eine teure Kandidatensuche zu ver­­meiden. Anlaufstellen bei ­Problemen sind etwa Väter e.V. in Hamburg oder das Väterzentrum in Berlin. Führt kein Weg zur Einigung, ist ein Stellen­­wechsel manchmal die einzige Lösung.


Manchmal bleibt nur die Kündigung

Auch Haller kündigte, obwohl er letztlich ebenfalls Elternzeit durchgesetzt hatte. Die Drohungen der Chefin gaben ihm das Gefühl, unter besonderer Beobachtung zu stehen. "Ich war an meiner Belas­tungsgrenze. Und ich wollte nicht als Führungskraft so eine Unternehmenskultur mittragen."

Volker Baisch ist überzeugt, dass Unternehmen es sich auf Dauer nicht leis­­ten können, solchen Druck auf junge Väter auszuüben. "Demografie und Fachkräftemangel erlauben das gar nicht", sagt er. "Viele Männer wollen heute ihre ­Karriere um die Familie herum planen, anders als noch ihre eigenen ­Väter. Wenn ein Chef ­ihnen das verweigert, suchen sie sich ­eine neue ­Stelle." Arbeitgeber brauchen diese Genera­tion, die erste Arbeitserfahrung hat, sich mit neuen Medien auskennt und auf dem aktu­ellen Forschungsstand ist. Und Unternehmen profitieren von väter­freundlichen Angeboten.

Kinderbetreu­ung stärkt soziale Kompetenzen

Zum einen können sie das Image der Firma verbessern. Zum anderen merken Chefs, dass Kinderbetreu­ung die Mitarbeiter fortbildet: Ein ehemaliger Telekom-Personalmanager sagte laut Baischs Studie: "Beispielsweise kommen viele männliche Mitarbeiter mit ­einer hohen sozialen Kompetenz aus der Eltern­zeit wieder, die wir ­ihnen so nicht hätten antrainieren können." Und: Familienfreundlichkeit steigert die Motivation der Mitarbeiter. Bisher sind selbst in familienfreundlichen Unternehmen die Maßnahmen oft nur auf Frauen zugeschnitten. ­Volker ­Baisch hat untersucht, was Väter wollen. Das Ergebnis: Viele wünschen sich ­einen freien Tag pro Woche und flexible Arbeitszeiten mit Home-Office-Option.

Haller und Schneider wissen noch nicht, wie es beruflich mit ihnen weitergeht, und sorgen sich, dass ihnen ihre Kündigung bei der Stellensuche Probleme bereiten könnte. "Ich rate zu Offenheit", sagt Berater Nelles. "Sie könnten etwa sagen, dass sie keine andere Möglichkeit gesehen haben als junger Vater, der Verantwortung in der Erziehung übernehmen will." Besser ein Vorstellungsgespräch scheitere an dieser Aussage, als dass die Väter von einem familienunfreundlichen Unternehmen ins nächste stolpern.

Bereut haben beide Väter ­ihre Entscheidung nicht. "Ich bin froh, dass ich mich von Anfang an um meine Tochter kümmern konnte", sagt Michael Haller. "Ich rate auch anderen Vätern dazu, so zu handeln. Damit Unternehmen umdenken müssen. Doch das kostet eine Riesen­menge Mut."

 

*Name von der Redaktion geändert



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Bildnachweis: /Ann-Christine Krings Photography, W&B/Privat, Strandperle/Westend61
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