Socken, Hemden, T-Shirts stapeln sich im Wäschekorb. Die letzte Tat des Tages. Müde reihen mein Mann und ich sie gemeinsam auf die Leine und fallen danach ins Bett. Zum Glück ist unser Sohn (2) heute nicht aufgewacht. Wir liegen nebeneinander auf dem Rücken und starren an die Decke. Die könnte mal frische Farbe vertragen. "Kannst du dich erinnern, wann wir das letzte Mal Spaß im Bett hatten?", fragt mein Mann. Ich überlege und kann mich nicht erinnern. Sex – was ist das? Lust – wo hast du dich versteckt? "Oh, heute schaffe ich aber nichts mehr", stöhne ich. "Ich auch nicht", höre ich in leiserem Ton. Beim Einschlafen wirbeln Bilder vergangener Tage durch meinen Kopf, Bilder von wilden, sexreichen Zeiten. Ich spüre ein leichtes Kribbeln zwischen den Beinen. War das ein Hauch von Lust? Es muss was passieren.
Die sexuelle Lust schwindet in den meisten Beziehungen über die Jahre dahin. Sie verkriecht sich zwischen Stress, nicht ausgetragenen Beziehungskonflikten und neuen beruflichen Plänen. "Bei Eltern kleiner Kinder tritt Unlust am häufigsten auf", sagt Reinhardt Kleber. Der Sexualtherapeut von der Spezialambulanz für sexuelle Störungen am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf behandelt seit vielen Jahren Paare. Er weiß: "Die Paardynamik wird durch ein Kind durcheinandergewirbelt." Frauen müssen sich mühsam in die Rollenwechsel zwischen Mutter und Geliebter hineinfinden, Männer sind manchmal eifersüchtig auf die enge Beziehung zwischen Mutter und Kind.
Dann sind Arbeit und Gespräche gefordert. "Damit die Lust wieder kommt, ist die Voraussetzung natürlich, dass sie vorher da war", sagt die Paar- und Sexualtherapeutin Karin Jörns aus Deidesheim. Einige Tage später stapeln sich bei uns insgesamt fünf Bücher – vom ambitionierten "100 Tage Sex" über handfeste Ratgeber bis zum psychologischen Fachbuch. Daneben liegen ein Porno für Paare und eine Tube Gleitgel. Wir betrachten das Ensemble und verschieben praktische Erprobungen auf einen anderen Tag. Schlafpanik. "Man muss sich nicht immer sorgen, wenn es nicht klappt", sagt Karin Jörns. "Sexualität ist ein Arrangement, nur selten wollen beide Partner über längere Zeit das Gleiche." Mal wollen beide, schaffen es aber im Alltag nicht. "Dann haben sie vor allem ein Zeitmanagement-Problem", sagt Jörns.
Ein anderes Mal will der Mann und die Frau nicht, dann wieder ist es umgekehrt. Kein Grund zur Sorge, solange kein Druck entsteht. "Wenn einer drängelt, kann das beim anderen zu Unlust führen", so Kleber. Zu ihm kommen häufig Männer und fragen: "Können Sie meiner Frau wieder zu sexueller Lust verhelfen?" Aber auch viele Männer leiden unter der Vorstellung, immer Lust haben zu müssen, und werden zu Verweigerern. "Die Unlust kann chronisch werden, wenn es nicht zur Aussprache kommt", warnt der Therapeut.
Eine Woche später stapeln sich unsere Errungenschaften noch immer unberührt auf dem Tisch. Im Bett ist nichts passiert. Wir blättern in den Büchern und amüsieren uns über Massagegriffe für den Penis mit tollen Namen wie "Twist and Shout". Drehen und schreien? Mein Mann blickt beim Gedanken daran nicht sonderlich animiert. Der Porno für Paare, immerhin als meistverkaufter Paarporno Deutschlands beworben, erweist sich als schlecht gedrehte Begegnung einer Frau mit Arschgeweih und ihres langhaarigen Liebhabers. Es ist, als würde man nach Mitternacht sich räkelnde Frauen auf einem Sportsender beobachten. Nur dass es hier noch einen Typen dazu gibt. Mehr passiert nicht. Von anregender Wirkung keine Spur. Dann lieber schlafen. Ich lese im Bett noch in "100 Tage Sex". Dem Paar geht es wie uns. Liebevolle Beziehung, Kinder, Job, Freunde – alles da außer Sex. Der ist irgendwie verschwunden. Also beschließen sie, jeden Tag miteinander zu schlafen. 100 Tage lang. Wow.
"Über Sex zu reden ist schwieriger, als welchen zu haben", sagt der amerikanische Sexualtherapeut David Schnarch. Aber zu sagen, was man will, ist ein entscheidender Punkt für guten Sex. "Es gibt nur sehr wenige Menschen, die gar keine Lust haben, aber viele, die wenig Lust auf die Sachen haben, die ihr Partner oder ihre Partnerin will", fasst Kleber seine Erfahrungen zusammen. "Sie müssen über Sex sprechen wie über ihre Urlaubsplanung", rät Expertin Jörns. Ja okay, aber wie schafft man das zwischen Windeleimer und Abwasch? Nicht zu lange warten, einfach anfangen. "Es ist wie beim Sport. Erst fällt es schwer, sich zu überwinden, aber dann kommt der Spaß von allein", sagt Jörns.
Ich glaube, wir müssen einfach loslegen, sage ich beim Frühstück. Wir verabreden uns für den Abend. Ich leiste mir neue Unterwäsche und schiele zum Erotikshop auf der anderen Straßenseite. Brauchen wir etwas? Handschellen, Dildos? Lieber einen guten Wein. Auf dem Weg nach Hause bin ich aufgeregt wie beim ersten Date. Nachdem unser Kleiner schläft, breiten wir im Wohnzimmer eine Decke aus, zünden Kerzen an, öffnen den Wein, löschen das Licht. Und nun? Erst mal reden. Langsam verlagert sich unser Gespräch von Alltagsdingen auf andere Themen, und irgendwann fangen wir an, einfach so. Lust ist am Anfang eher weniger dabei. Aber sie kommt. Und zwar gewaltig. Wir sind sprachlos. War es wirklich so leicht?
"Es ist sehr wichtig, einen zeitlichen und örtlichen Rahmen für Gespräche und körperlichen Kontakt zu finden", sagt Kleber. Nur dann können Eltern sich wieder in liebende Partner verwandeln und haben die Chance, dass die Lust zurückkommt. Großeltern einspannen, einen Babysitter engagieren, egal was: Zeit für Entspannung muss sein. Am besten beginnt man mit der Planung dann, wenn es noch prima läuft.
Und wenn alles Reden und Probieren nicht hilft? Dann können sowohl organische Probleme wie Schmerzen und Krämpfe bei der Frau die Ursache für Unlust sein als auch Konflikte in der Partnerschaft. In diesem Fall sollte man sich Unterstützung bei einem Experten suchen. Sexual- und Paartherapeuten helfen, über Wünsche und Konflikte in der Beziehung zu sprechen. "Wir geben unseren Paaren Aufgaben nach Hause, mit denen sie sich wieder annähern und ein neues Verhältnis zueinander finden können", sagt Kleber.
Mein Mann und ich verabreden uns jetzt regelmäßig. Klingt unromantisch. Ist es aber gar nicht. Es beamt uns zurück in eine Zeit, in der wir frisch verliebt waren und uns trafen, ja, auch zum Sex. Es weiß ja schließlich jeder, was läuft, wenn man duscht, sich aufbrezelt und nach dem Kino die Nacht miteinander verbringt. Als Nächstes haben wir ein Wochenende geplant. Ausschließlich fürs Bett. Ohne Schlafpanik und ohne Kind. Ich rufe gleich die Oma an.
Unsere Experten:
Karin Jörns ist Paar- und Sexualtherapeutin in Deidesheim (bei Mannheim)
Reinhardt Kleber
Reinhardt Kleber ist Sexualtherapeut von der Spezialambulanz für sexuelle Störungen am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Carmen Marxa / Baby und Familie;
03.06.2011, aktualisiert am 03.06.2011
Bildnachweis: W&B/privat, Thinkstock/ Pixland
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