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Aufklärung: Mama, was ist Sex?

Irgendwann tauchen sie auf: die Fragen rund um das Thema Sexualität. Wir haben den Psychologen und vierfachen Vater Professor Dr. Konrad Weller gefragt, wie Eltern kindgerecht aufklären


Wieso hat Mama so einen dicken Bauch? Kinder können sehr neugierig sein…

Hast du einen Pullermann, Mama? Wie kommt das Baby in den Bauch? Und wie kommt es wieder raus? Irgendwann geht es los mit den Fragen, bei denen Eltern manchmal erröten und das Gespräch gern in unverfängliche Gefilde lenken. Aber niemand entkommt neugierigen Kindern. Und Eltern möchten ihren Nachwuchs zu einem unverklemmten Umgang mit Sexualität und dem eigenen Körper erziehen. Aber wie stellt man das am klügsten an?

Herr Weller, fällt es Eltern immer noch schwer, aufzuklären?

Wir leben in einem sexualkulturell aufgeklärten Land. Den meisten Eltern bereitet es keine Probleme, ihrem Kind zu erklären, wie das Baby in den Bauch der Mutter kommt. Aber wenn die Fragen kniffliger werden, dann beginnen die Schwierigkeiten.


Ab wann interessieren sich Kinder für das andere Geschlecht und für Sexualität?

Schon im zweiten Lebensjahr unterscheiden Kinder zwischen Männern und Frauen. Da urteilen sie noch mithilfe von Bart oder Kleidung. Ein Jahr später sind Penis und Scheide ein Thema. Wenn man Fünfjährige fragt, was Sex ist, beschreiben sie, dass Mama und Papa sich lieb haben, der Penis in die Muschi gesteckt wird und dann ein Baby entsteht. Manche Kinder untermalen dies noch mit entsprechenden Handbewegungen. In diesem Alter ist das Interesse riesig, da hört man am Rand eines Kindergeburtstages schon mal einen Jungen ein Mädchen fragen, ob er mal ihr Loch sehen dürfe.

Das ist für manche Erwachsene nun doch etwas schockierend. Wie verhält man sich dann?

Man muss das in der jeweiligen Situation entscheiden. Solange es im Einvernehmen zwischen zwei Gleichaltrigen passiert, ist es manchmal besser, einfach wegzuhören. Aber natürlich darf auf keinen Fall irgendeine Form von Gewalt auftreten. Kinder müssen lernen, „Stopp, das möchte ich nicht“ zu sagen und ein solches Nein auch zu akzeptieren. Dies gilt für alle Lebenssituationen. Es ist toll, wenn Eltern entspannt mit Nacktheit umgehen und beispielsweise zusammen mit dem Nachwuchs baden. Aber wenn die Tochter nach dem Penis des Vaters greift, sollte man „Stopp, das mag ich nicht“ sagen. Kinder verstehen das.

Kinder haben eine Phase, in der sie sich ständig selbst berühren. Wie geht man damit um?

Alle Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie weisen darauf hin, dass Masturbation eigentlich ein positives Entwicklungszeichen ist. Kinder entdecken meist durch Zufall, wie sie sich selbst Lust bereiten können. Eltern sollten dann mit ihren Sprösslingen über Anstandsregeln und Intimität reden: Es wird nicht überall gepupst und gepopelt, und man greift sich auch nicht überall in den Schritt.

Nicht jedem fällt es leicht, freizügig mit seinen Kindern zu sprechen. Was raten Sie Eltern, denen das Gespräch über Sexualität schwerfällt?

Es gibt tolle Bücher, die Eltern kaufen können. Dann lesen sie einfach vor, was darinsteht, und müssen sich noch nicht mal selbst etwas ausdenken. Ein Gespräch ergibt sich von allein. Außerdem bleibt den Eltern nicht alles überlassen. Es gibt viele Lehrpläne für Vorschulkinder, und in einem guten Kindergarten wird auch über das Thema gesprochen.

Wie ausführlich müssen Kinder denn überhaupt Bescheid wissen?

Für Zweijährige reicht es, wenn sie wissen, dass Jungs einen Penis und Mädchen eine Scheide haben. Später bilden die Kinder eigene Vorstellungen aus, sind aber noch unsicher. So denken Mädchen manchmal, dass ihnen irgendwann auch ein Penis wächst, Jungen erwarten, später auch ein Kind gebären zu können. Mit vier bis fünf Jahren wollen Kinder dann meist einen Erwachsenen heiraten – die Tochter den Papa oder der Sohn die Mama. Mit solchen Angeboten testen sie, ob sie begehrenswert sind. Wenn sie wissen, wie der Akt abläuft, gibt es schon mal ein Koitusangebot. Im Kindergarten teilen die Mädchen oft die Jungs ein: Wer küsst wen, wer heiratet wen? Mit Schulbeginn kennen sich die Kinder dann meist gut aus, sie haben auch einen großen Wortschatz.

Nun sind Penis und Scheide ja Begriffe, die die wenigsten Erwachsenen im Alltag nutzen, was halten sie von anderen Wörtern?

Kinder sollten die Fachbegriffe kennen. Aber es ist natürlich völlig in Ordnung, wenn im Alltag Worte wie Schniedel oder Muschi genutzt werden. Da müssen Eltern überlegen, mit welchen Worten sie sich wohlfühlen.

Wie verhalte ich mich, wenn mein Kind mit Worten wie Nutte oder Schwuli nach Hause kommt?

Das ist ein Nebenprodukt der eigentlich positiven Sexualaufklärung. Besonders Jungs testen solche Worte aus. Dann müssen Erwachsene sagen: „Stopp, das möchte ich nicht.“ Die meisten Dinge, zum Beispiel die gleichgeschlechtliche Liebe, lassen sich auch Kindern sachlich erklären.

Was können Eltern tun, damit ihre Kinder einen entspannten Umgang mit ihrem Körper und ihrer eigenen Sexualität erlernen?

Das Wichtigste ist eine liebevolle, zärtliche Zuwendung der Eltern von Anfang an. Dann können schon Säuglinge sichere Bindungen aufbauen. Später sollten Mama und Papa der kindlichen Neugier entgegenkommen und altersgerecht Fragen beantworten. Erziehung bedeutet in diesem Fall, zu wissen, was das Kind schon versteht.



Annett Zündorf / Baby und Familie; 10.03.2011
Bildnachweis: Fotolia/Pavel Losevsky/2011

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