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Was bekommt das Ungeborene alles mit?

Sie sind viel schlauer als bislang gedacht: Im Mutterleib bereiten sich Babys ganz gezielt auf das Leben vor. Vor allem das Wohlbefinden der Mutter hat einen starken Einfluss auf sie


Spürt es das Ungeborene, wenn Mama oder Papa die Hand auf den Bauch legen?

Wie sehen die Menschen aus, welche Tiere tummeln sich im Regenwald? Und wie funktioniert die Gemeinschaft, in die das Baby hineingeboren wird? Bei den Mbuti, einem Pygmäenstamm im Kongo in Zentralafrika, zieht sich jede Schwangere, sobald sie ihr Ungeborenes spüren kann, zurück und beschreibt ihrem Kind singend die Welt, in die es geboren wird. Die Melodie und der Text sind das erste Erbe der werdenden Mutter an ihr Kleines. Das Lied begleitet das Kind anschließend sein Leben lang, wird immer wieder gesungen, etwa bei wichtigen Feiern.

Dahinter steckt der tief verwurzelte Glaube: Ungeborene bekommen, auch in der Abgeschirmtheit des Uterus, schon jede Menge von ihrer Außenwelt mit. Ein Gedanke, der für die westliche Forschung relativ neu ist. Lange Zeit galt das Ungeborene nämlich als passiver Passagier im Mutterleib, unfähig, beispielsweise Schmerzreize zu registrieren und zu verarbeiten.


Baby übt schon im Mutterleib gezielt

Doch die Forschungsergebnisse von Neurobiologen, Psychologen und Verhaltensbiologen kommen inzwischen zum Schluss: Schon als Ungeborenes durchläuft ein Baby auch eine psychische Entwicklung. Es reagiert auf seine Umwelt – und es übt gezielt Fertigkeiten ein. Dank moderner Ultraschalltechnik lässt sich heute gut beobachten, wie Winzlinge in ihrer schützenden Höhle agieren: „Der Schatz an eigenen, bereits im Mutterleib gemachten Erfahrungen, den jedes Baby mit auf die Welt bringt, ist weitaus größer als bisher angenommen“, erklärt Gerald Hüther, Professor für Neurobiologie aus Göttingen.

Schon im Alter von zehn bis zwölf Wochen lässt sich erkennen, dass das Kleine plötzlich ganz schön aktiv wird. Das Baby rollt sich von einer Seite auf die andere, streckt und beugt den Rücken, rudert mit den Armen. Ärzte im südafrikanischen Johannesburg beobachteten diese Aktivitäten bei 46 Schwangeren – und machten dabei schon deutliche Persönlichkeitsunterschiede aus. Der ausdauerndste Mini-Sportler hielt siebeneinhalb Minuten Herumwirbeln ohne Unterbrechung durch. Das faulste Kleine dagegen gönnte sich schon nach fünf Minuten ein Päuschen. Für Hirnphysiologe Hüther ganz klar „ein übendes Verhalten. Es zeigt, dass die Grundlagen für alle späteren Leistungen des Menschen schon während der embryonalen Frühentwicklung angelegt werden“.

Ungeborenes nimmt Umgebung mit allen Sinnen auf

Die Haut ist das erste Sinnesorgan, das seine Funktion aufnimmt. Bereits im Alter von acht Wochen reagiert ein Embryo, wenn man ihn zart berührt. Das Kleine sucht aber auch aktiv nach Kontakt mit seiner Umgebung. Ultraschallaufnahmen zeigen, wie Kinder mit der Nabelschnur spielen oder die Plazenta als kuscheliges Kissen benützen. Zwillingskinder stupsen sich gegenseitig an und berühren sich mit ihren Händen. „Natürlich spürt das Baby auch, wenn der Vater oder die Mutter die Hand auf den Bauch legen“, berichtet Dr. Ludwig Janus, Arzt und psychoanalytischer Psychotherapeut in Heidelberg mit Spezialisierung auf vorgeburtliche Erfahrungen.

Sehen und Hören gelten als sogenannte Fernsinne des Menschen. Sie sind pränatal angelegt, „aber sie brauchen den Reiz von außen, um sich zu entwickeln“, sagt Hüther. So zeigt sich, dass Föten im Alter von 18 Wochen schon die Augen öffnen. Und zwischen der 20. und 24. Woche löst ein Hörreiz motorische Reaktionen beim Baby aus. Bei lauten Geräuschen erschrickt es, bei leisen Tönen scheint es interessiert zu lauschen. Dass Ungeborene auch in der luftdichten Hülle des Mutterleibes schmecken können, hält US-Psychologe und Buchautor Dr. David Chamberlain für „sehr wahrscheinlich“: Studien zeigen, dass Ungeborene im letzten Schwangerschaftsdrittel stündlich etwa 15 bis 40 Milliliter Fruchtwasser schlucken. Wird ins Fruchtwasser eine bitter schmeckende Substanz gespritzt, hören Babys sofort mit der Mahlzeit auf. Umgekehrt schlucken die Kleinen doppelt so viel, wenn das Fruchtwasser per Spritze mit Saccharin versüßt wurde.

Psyche der Mutter beeinflusst das Kind

Viele Mütter wissen ohnehin instinktiv, was Wissenschaftler erst langsam entdecken. „Die Beziehung zwischen Mutter und Baby ist wechselseitig. Das Kleine entwickelt sich auch aufgrund der inneren Verfasstheit der Mutter“, so Psychologe Janus. Gefühle wie Angst oder Wohlbefinden können Embryos zum Beispiel schon erkennen und am eigenen Leib spüren. „Das Ungeborene macht vom ersten Tag Erfahrungen, die es für später in seinem Gehirn abspeichert“, erklärt Hüther. Wenn die Mutter zum Beispiel Angst vor dem Vater hat, spürt das Kleine dies ganz unmittelbar. „Die Bauchdecke zieht sich zusammen, Stresshormone werden ausgeschüttet, das Herz rast“, erläutert Hirnforscher Hüther. Und das Ungeborene erstarrt. „Dabei findet eine Kopplung zwischen dem Zusammengedrücktwerden im Mutterleib und dem brüllenden Vater statt“, glaubt der Experte. Das Resultat: Nach der Geburt verfällt das Baby in eine ähnliche Starre, wenn der Vater wieder laut wird.

Aber auch positive Erfahrungen speichert das Kleine ab – für Forscher wie Janus „eine wichtige Voraussetzung fürs spätere Leben“. Fühlt sich die Mutter wohl, schlägt ihr Herz ruhig und gleichmäßig, entspannt sich auch das Kleine. Besonders gut scheint das im Zusammenhang mit Singen und Musik zu funktionieren. Immer wieder berichten Menschen, dass sie zum Beispiel Geräusche wiedererkennen können, die sie vorgeburtlich vernommen haben. Der kanadische Dirigent Boris Brott etwa entdeckte als junger Mann, dass er bestimmte Stücke kannte, ohne sie je zuvor bewusst gehört zu haben. Als er dem Phänomen auf den Grund ging, fand er heraus, dass seine Mutter, eine Cellistin, diese Stücke während der Schwangerschaft hartnäckig geübt hatte. Die Erinnerungsfähigkeit gilt aber nicht nur für Mozart, sondern auch etwa für die Melodie einer englischen Seifenoper: Neugeborene von Müttern, die während der Schwangerschaft täglich eine solche Sendung gesehen hatten, beruhigten sich sofort, sobald sie die Erkennungsmusik hörten. Psychologe Chamberlain plädiert deshalb dafür, dem Baby schon während der Schwangerschaft Schlaflieder vorzusingen: „Sie können nach der Geburt eine ungewöhnlich starke, beruhigende Wirkung auf das Baby haben.“

Wenn Ungeborene so viel lernen, macht es dann Sinn, sie vorgeburtlich zu trainieren? „Sicherlich wird aus keinem Kind ein Musiker, nur weil man ihm Mozart vorspielt“, sagt Gerald Hüther. Und Kanton-Chinesisch-Beschallung bringt das Baby in puncto Fremdsprachen im Leben auch nicht weiter. Aber: „Mütter sollten wissen, wie wichtig es für ihr Ungeborenes ist, dass sie sich wohlfühlen“, sagt Psychotherapeut Janus. Beim Spazierengehen entspannen, sich glücklich über den Bauch streicheln, das Baby die Stimme des Vaters hören lassen – „das schafft beste Voraussetzungen dafür, dass das Kleine sich prima entwickelt“, so Janus.




Bildnachweis: Strandperle/Tetra Images

Anne-Bärbel Köhle / Baby und Familie; aktualisiert am 08.01.2014,
Bildnachweis: Strandperle/Tetra Images

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