Schwanger: Test auf B-Streptokokken sinnvoll?

Schwangeren werden beim Arzt viele IGe-Leistungen angeboten. Sollen sie sich auf Streptokokken der Gruppe B testen lassen?
von Beatrice Sobeck, aktualisiert am 12.09.2016

Auf B-Streptokokken testen lassen? Infos bekommen Schwangere beim Gynäkologen

Banana Stock/RYF

Man möchte es sich gar nicht vorstellen, aber der menschliche Körper ist ein Tummel­platz für unendlich viele Bakterien. Die meisten sind harmlos. Manche können uns ganz schön in die Knie zwingen. Und einige sind richtig hinterhältig – etwa B-Strepto­kokken. Selten machen sie krank. Aber bei Schwangeren können sie zum Problem werden. Denn: Bleiben die kugelförmigen Bakterien unentdeckt, kann das Baby infiziert werden und schwer erkranken.

Alle Schwangeren sollten den Test machen

Weltweit, so belegen es Studien, hat jede dritte Schwangere B-Strepto­­kokken. "Aus Deutschland gibt es nur wenige Daten. Demnach sind hier nur circa 16 Prozent der Schwangeren betroffen", sagt Prof. Dr. Sven Schiermeier, Chefarzt der Frauenklinik am ­Marien-Hospital in Witten.


Prof. Dr. Sven Schiermeier ist Chefarzt der Frauenklinik am Marien-Hospital in Witten

W&B/Privat

Die Bakterien kommen in der natürlichen Darmflora­ vor. Sie siedeln meist im Anal­bereich und übertragen sich durch Schmierinfektion auf die ­Scheide. Die Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe empfehlen allen Schwangeren, sich zwischen der 35. und 37. Schwangerschafts­woche testen zu lassen. "Dazu nimmt der Frauenarzt je einen Abstrich aus dem Vaginal- und Analbereich. Das Ergebnis sollte am nächs­ten Tag vorliegen", so Sven Schiermeier.

Konnten Streptokokken nachgewiesen werden, ist das erst einmal kein Grund zur Panik. Das Ergebnis wird im Mutterpass vermerkt. Beginnen die Wehen, leiten die Ärzte in der Klinik auch die entsprechende Behandlung ein. Während der Geburt bekommt die werdende Mutter ein Antibio­tikum, das das Baby weitest­gehend vor einer Infektion schützt. "Das Risiko einer Infektion beim Neugeborenen verringert sich um 70 Prozent", sagt Professor Reinhard Berner, Kinderarzt und Infektiologe aus Dresden.


Prof. Dr. Reinhard Berner ist Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus in Dresden

W&B/Privat

Verfahren birgt immer noch Restrisiko

Die offiziellen Statistiken gehen allerdings von einem Infek­tionsrisiko aus, das etwa 20 bis 30 Prozent höher liegt. "Das hängt damit zusammen, dass viele Faktoren die Ergebnisse beeinflussen", so Berner. Etwa, ob der Test das richtige Ergebnis geliefert hat, denn es gibt keine 100-prozentige Sicherheit, dass das Laborergebnis auch stimmt.

Oder: Die Mutter hat überhaupt keinen Test gemacht, sei es aus Unwissenheit oder weil das Baby es sehr eilig hatte und schon vor der 35. Schwangerschafts­woche zur Welt kam. Ebenso ist es möglich, dass das Antibiotikum nicht in ausreichender Dosis, zu früh oder aber auch zu spät verabreicht wurde.

Keime gelangen ins Fruchtwasser

Aktuell erkranken in Deutschland 34 von 100 000 Neugeborenen aufgrund einer B-Streptokokken-Infektion. Gemessen an der Geburtenrate in Deutschland (2014: 715 000 Geburten) sind das ­etwa 250 Kinder jährlich. "Vor zehn Jahren waren es noch 50 Prozent mehr", sagt Reinhard Berner.

Zu einer Übertragung kommt es während der Geburt, sobald die Fruchtblase platzt. Die Keime aus dem Geburtskanal gelangen ins Fruchtwasser. Das Baby schluckt es – so geraten die Bakterien in den Magen-Darm-Trakt. Und mit dem ers­ten Atemzug besiedeln die Streptokokken auch die Lunge.


Die Übertragung der B-Streptokokken während der Geburt von der Mutter aufs Kind

W&B/Dr. Ulrike Möhle

Die Folgen: Das Baby kann eine Sepsis (Blutvergiftung) bekommen, an einer Lungenentzündung oder auch an einer Hirnhautentzündung erkranken. Mediziner unterscheiden zwischen sogenannten Früh- und Spätinfektionen. Erkrankt das Baby in den ersten sechs Lebenstagen, handelt es sich um eine Frühinfektion, die für die Hälfte bis zwei Drittel der Fälle­ sorgt. "Erste Symptome tauchen meistens innerhalb von 48 Stunden nach der Geburt auf. Die Kinder haben in der Regel eine Blutvergiftung", sagt der Kinderarzt. Erste Anzeichen: Die Haut des Säuglings wird grau. Herz- und Kreislauffrequenz sind auf­fällig. Das Baby trinkt schlecht, es bekommt eventuell Fieber. Abstriche aus Rachen, Ohren und von der Leiste spüren dann die Keime auf.

Spätinfektion innerhalb von drei Monaten möglich

Symptome der sogenannten Spätinfektion zeigen sich frühestens ab dem siebten Lebenstag, spätes­tens aber bis zum Ende des dritten Lebensmonats. Wie sich die Kinder bei dieser Variante anstecken, sei bislang noch unklar, sagt Kinderinfektiologe Berner. Es gibt drei Thesen:

  1. Die Keime kommen auch in den Brustdrüsen der Mutter vor.
  2. Die Keime werden zwar bei der Geburt übertragen, schlummern aber im Körper des Kindes.
  3. Übertragungen im Krankenhaus.

Etwa zwei Drittel der Kinder, die in­folge einer Spätinfektion erkranken, bekommen eine Hirnhautentzündung.

Alle betroffenen Kinder werden mindestens 14 Tage lang mit einem Antibiotikum in der ­Klinik behandelt. Bei bis zur Hälfte der Kinder ist mit bleibenden Schäden zu rechnen. Das können ­etwa ­­Entwicklungsverzögerungen oder -störungen sein, aber auch Krampfanfälle. "Fünf Prozent der Babys sterben. Das sind in Deutschland mehr als zehn Kinder im Jahr", so Kinderinfektiologe Berner.


Gibt es bald eine Impfung?

Nicht jedes Baby, dessen ­Mutter B-Strepto­kokken hat, wird auch tatsächlich krank, bestätigen beide Experten. Woran das liegt, könne­ man nur vermuten, so Mediziner Berner. "Offen­sichtlich hat das Immunsystem der Mutter Antikörper ­gebildet, und die schützen auch das Neugeborene." Diese Annahme lässt hoffen, dass man ­eine Impfung gegen B-Strepto­kokken entwickeln kann. Dazu gibt es tatsächlich schon Erkenntnisse: "Vorstudien aus Südafrika belegen, dass mit einer Impfung Anti­körper gebildet werden können", berichtet Berner. Was noch fehle, seien klinische Studien, die zeigen, dass die Krankheiten aufgrund ­einer B-Streptokokken-Impfung verhindert werden können. "Ich ­gehe davon aus, dass es in fünf bis zehn Jahren einen Impfstoff geben wird", so der Kinderinfektiologe.

Bis dahin kann man die Gefahr durch eine B-Streptokokken-Infektion nur eindämmen, indem man den Test macht. "Dass ­dies sinnvoll ist, erkennen auch immer mehr Krankenkassen und übernehmen die Kosten", sagt der Frauenarzt Schiermeier. Welche Krankenkassen das sind, erfahren Schwangere auf www.krankenkassen.de. Ist Ihre Krankenkasse nicht in der Liste aufgeführt, lohnt es sich nachzufragen. 

Gut zu wissen: Liegt ein Verdacht auf eine mögliche B-Streptokokken-Infektion vor, übernimmt jede Kasse die Kosten (ca. 30 Euro) für den Test.



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