Schwanger: Auf Toxoplasmose testen lassen?

Viele Ärzte raten Schwangeren zum Toxoplasmose-Test. Warum die Kassen die Kosten nicht immer übernehmen

von Daniela Frank, aktualisiert am 10.03.2017

Toxoplasmose: Manchmal sind mehrere Tests nötig

Thinkstock/Vadim Zholobov

Er kommt in rohem Fleisch, Katzenkot oder Erde vor – und dadurch womöglich auch auf ungewaschenem Obst und Gemüse: der Parasit Toxoplasma gondii. Die meisten Betroffenen bemerken gar nicht, wenn sie sich damit angesteckt haben. Bei manchen treten auch Fieber oder grippeähnliche Symptome auf, eventuell mit Lymphknotenschwellungen – allerdings erst zwei bis drei Wochen nach der Ansteckung. Die sogenannte Toxoplasmose muss in der Regel nicht behandelt werden, der Betroffene ist später lebenslang gegen eine weitere Ansteckung immun. Tritt die Erstinfektion jedoch in der Schwangerschaft auf, kann sie gefährlich werden: Schlimmstenfalls führt sie zu schweren Schäden beim Kind, zu einer Früh- oder Fehlgeburt.


Toxoplasmose: Jede dritte Schwangere ist immun

"Etwa 30 bis 70 Prozent aller Schwangeren sind immun, weil sie die Krankheit schon einmal durchgemacht haben", sagt Prof. Dr. Birgit Seelbach-Göbel, Präsidentin der Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. Diese Frauen brauchen sich über die Gefahr einer Toxoplasmose-Infektion in der Schwangerschaft keine Sorgen mehr machen. Schwangere, die keine Antikörper gegen die Krankheit haben, also nicht immun sind, sollten Infektionsquellen meiden. Diese Maßnahmen beugen einer Toxoplasmose-Infektion vor:

  • Wie alle werdenden Mütter zum Schutz vor Lebensmittelinfektionen kein rohes oder rosa gebratenes Fleisch sowie Rohwurst essen,
  • Obst und Gemüse vor dem Verzehr gut waschen.
  • Außerdem nach dem Hantieren mit den genannten Speisen sowie zum Beispiel nach dem Spielplatzbesuch und generell vor dem Essen und dessen Zubereitung die Hände gut waschen.
  • Bei der Gartenarbeit Handschuhe tragen und das Katzenklo nicht selbst reinigen.

Unter den Tieren sind die Überträger hauptsächlich Katzen. Aber viel mehr noch wird die Infektion übers Essen übertragen. Das zeigt sich auch daran, dass im Osten Deutschlands mehr Menschen gegen Toxoplasmose immun sind, weil dort mehr rohes Hackfleisch und Rohwurst verzehrt werden. Dem Robert Koch-Institut (RKI) werden jährlich zwischen 8 und 23 Fälle gemeldet, in denen sich ein Kind im Mutterleib mit Toxoplasmose infiziert hat. Das RKI geht jedoch seit jeher von einer erheblichen Dunkelziffer aus.

Im März 2016 erschien eine Studie mit belastbaren Schätzungen. Demnach infizieren sich jährlich rund 6.400 Schwangere neu mit Toxoplasmose, in knapp 1.300 Fällen geht die Infektion auf das Ungeborene über, sodass etwa 345 Neugeborene deutliche Symptome zeigen dürften. "Diese werden nur nicht immer mit einer Toxoplasmose-Infektion in Verbindung gebracht", sagt Seelbach-Göbel.

Kassen bezahlen den Test meist nicht

Schwangere können beim Arzt testen lassen, ob sie gegen Toxoplasmose immun sind. Allerdings: Die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen den Test nicht immer – außer, es liegt ein begründeter Verdacht auf eine Infektion mit Toxoplasmose vor. Ob ein solcher Verdacht besteht, beurteilt der Arzt. Ansonsten gilt der Test oft als individuelle Gesundheitsleistung (IGeL) und kostet in der Regel zwischen 14 und 16 Euro. "Seit zehn oder zwanzig Jahren befürworten viele Ärzte, dass die Kassen ein Screening einführen, aber man konnte sich bisher nicht einigen", sagt Seelbach-Göbel. "Im Vergleich zu anderen Krankheiten, auf die getestet wird, wäre das sicher empfehlenswert." In anderen Ländern gebe es schon lange ein solches Screening – zum Beispiel in Österreich.

Der Test liefert jedoch nicht immer ein eindeutiges Ergebnis: Werden sogenannte IgM-Antikörper im Blut der Schwangeren festgestellt, muss durch weitere Tests ermittelt werden, ob die Infektion schon länger zurückliegt oder noch akut ist. Diese Abklärungstests bezahlen in der Regel die Kassen, da ja ein Verdacht auf eine Infektion vorliegt. Werden keine Antikörper im Blut der Schwangeren festgestellt, muss der Test laut Empfehlung des Robert Koch-Instituts (RKI) in achtwöchigen Abständen wiederholt werden, um eine Neuinfektion zu entdecken. In diesem Fall geschieht das wiederum meist auf eigene Rechnung der Schwangeren. "Die Mehrheit der Ärzte rät den betroffenen Frauen entsprechend dieser Empfehlungen, sich testen zu lassen", sagt Seelbach-Göbel.

Dr. Silke Thomas, die im Bereich evidenzbasierte Medizin des Medizinischen Dienstes des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (MDS) arbeitet, gibt zu Bedenken: "Wenn man wirklich ein Screening einführt, wären bei sehr vielen Frauen im Laufe der Schwangerschaft sehr viele Tests nötig, die noch dazu keine eindeutigen Ergebnisse liefern. Ist der erste Test negativ, muss dieser in bestimmten Abständen wiederholt werden und die Frau muss sich während der gesamten Schwangerschaft damit befassen, womöglich Toxoplasmose zu bekommen und ihr Kind damit anzustecken. Dies halten wir für eine große psychische Belastung."

Ungeborenes wird nicht immer angesteckt

Wichtig zu wissen: Die Infektion geht bei Weitem nicht immer auf das Ungeborene über: Laut Zahlen des Robert Koch-Instituts aus dem Jahr 2000 in etwa 15 Prozent der Fälle während des ersten Schwangerschaftsdrittels, rund 24 Prozent während des zweiten und zirka 64 Prozent während des dritten Drittels. Mit der Schwere der Schäden verhält es sich jedoch andersherum: Geht die Infektion in der Frühschwangerschaft auf das Kind über, sind die Schäden meist schwerer oder es kommt zu einer Fehlgeburt. "Typische Schäden sind zum Beispiel Leberschäden, Gelbsucht, Augenentzündungen, ein Wasserkopf oder auch ein zu kleiner Kopf", sagt Seelbach-Göbel. Gegen Ende der Schwangerschaft treten dagegen oft leichtere Schäden auf oder solche, die zunächst nicht sichtbar sind, sondern erst Monate oder Jahre nach der Geburt zum Vorschein kommen. "Das können Blindheit, Taubheit, Epilepsie oder Entwicklungsstörungen sein", so Seelbach-Göbel.

Das RKI empfiehlt, die Infektion der Mutter in der Frühschwangerschaft mit einem Antibiotikum, nach der 16. Schwangerschaftswoche mit einer Kombination aus einem Antiparasitikum und einem Antibiotikum sowie Folinsäure zu behandeln. Mit einer Fruchtwasseruntersuchung kann ermittelt werden, ob die Infektion auf das Ungeborene übertragen wurde. Diese kann jedoch in seltenen Fällen zu einer Fehlgeburt führen. Ist das Ungeborene infiziert, wird bis zum Ende der Schwangerschaft behandelt, teilweise auch noch nach der Entbindung.

Streitfrage: Nutzen der Behandlung ausreichend belegt?

Kritikpunkt der Kassen: Der Nutzen der Behandlung während der Schwangerschaft sei noch nicht ausreichend untersucht. Das gibt auch das RKI so an, beruft sich jedoch auf eine Empfehlung des Arbeitskreises Toxoplasmose am Paul-Ehrlich-Institut, die besagt, dass die Behandlung der Schwangeren trotzdem nicht vorenthalten werden kann. "Im Jahr 2012 konnten wir in einer großen Studie zeigen, dass die Behandlung wirksam ist", sagt Professor Dr. Uwe Groß, der den Arbeitskreis Toxoplasmose am Paul-Ehrlich-Institut leitet. Die Studie erschien Ende März 2012 im Fachblatt Clinical Infectious Diseases. "Dass die Therapie greift, hatten wir auch vorher schon an mehreren Studien ablesen können."

Die in Deutschland empfohlene Behandlung führe dazu, dass die Infektion seltener auf das Ungeborene übergeht und weniger Schäden auftreten. Damit sie wirksam ist, muss die Therapie allerdings sehr früh einsetzen, sodass eigentlich nicht nur alle acht bis zehn, sondern alle vier Wochen ein Test auf Toxoplasmose gemacht werden müsste.

Viele Ärzte empfehlen den Test

"Die große Zahl an Tests, die nötig wären und die noch dazu unsicher sind, zusammen mit der nicht ausreichend untersuchten Behandlung und insgesamt möglichen Schäden – das alles führt zu unserer zurückhaltenden Einstellung gegenüber dem Test", sagt Silke Thomas vom MDS. Alle Schwangeren sollten die empfohlenen Hygienemaßnahmen zum Kontakt mit rohem Fleisch, Erde und Katzenkot beachten.

Viele Ärzte folgen jedoch der Linie des RKI und empfehlen den Test. Auch einige Kassen bezahlen den Toxoplasmose-Test mittlerweile als Screening-Leistung. Der Schwangeren bleibt also nichts übrig, als sich gut zu informieren, sich ausführlich vom Arzt zum Für und Wider des Tests beraten zu lassen – und dann dessen Nutzen selbst abzuwägen.



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