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Kinderwunsch verschoben: Eizellen einfrieren lassen?

Ein Kind, ja, aber bitte erst viel später. Junge Frauen können ihre Eizellen einfrieren ­lassen – und so die Familien­planung verschieben. Doch Experten warnen vor gesundheitlichen und seelischen Risiken


Ganz schön aufwendig: Eingefrorene Eizellen werden nach dem Auftauen künstlich befruchtet und der Frau eingesetzt

Rockröhre Gianna ­Nannini: mit 54 Jahren zum ersten Mal Mutter einer Tochter. Schauspielerin Holly Hunter brachte im Alter von 47 Jahren Zwillinge zur Welt – als Erstgebärende. Und Soraya Lewe-Tacke, die Mutter von Schmuse­sängerin Sarah Connor, wurde mit 50 noch mal Mama von Zwillingen.

Ob die Kinder tatsächlich auf natürlichem Weg gezeugt wurden – oder ob Reproduktionsmediziner nachgeholfen haben: Darüber schweigen die späten Promimütter meist. Aber sie vermitteln den Eindruck, dass man ganz easy Kinder in jedem Alter kriegen kann. Auch dann, wenn es natürlicherweise zu spät dafür wäre.


Social freezing

Ein Wunschtraum auch für ganz normale Frauen, die aus Jobgründen oder weil sie noch nicht den richtigen Partner gefunden haben, ihre Familienplanung verschieben müssen. Tatsächlich: „Im Prinzip ist heute alles machbar“, sagt Dr. med. Wolf Bleichrodt, Gynäkologe und Reproduktionsmediziner aus München, der eine staatlich akkreditierte Gewebebank für Spermien betreibt. Auch Frauen können ihre Eizellen vorsorglich für eine spätere Schwangerschaft einfrieren lassen. „Die Frage bleibt aber“, so Bleichrodt: „Ist es auch sinnvoll und ethisch vertretbar?“

„Social freezing“ nennt er ­einen Trend, der aus den englischsprachigen Ländern nun auch nach Deutschland überschwappt. Mit „sozialem Einfrieren“ ist das Schockfrosten von eigenen Eizellen zu einem Zeitpunkt gemeint, „zu dem die Frau in der Blüte ihrer Fruchtbarkeit steht“, erklärt der Arzt. Nach einer Hormonstimulierung, bei der der Körper dazu gebracht wird, möglichst viele Eizellen zu produzieren, werden diese anschließend unter einer leichten Betäubung entnommen und in Stickstoff bei minus 196 Grad gelagert. Kryokonservierung heißt das Verfahren. So liegen die Eizellen bereit, allzeit verfügbar, sollten die Frauen sich zu einem späteren Zeitpunkt in ihrem Leben für eine Schwangerschaft entscheiden. Dann werden die Eizellen aufgetaut, mit den Spermien des Partners im Reagenzglas befruchtet und der Frau wieder eingesetzt. Eine Option, die es „erst seit Kurzem gibt“, erklärt Dr. med. ­Andreas Tandler-Schneider, Reproduktionsmediziner aus Berlin und im Vorstand des Bundesverbandes ­­Reproduktionsmedizinischer Zentren Deutschlands e.V.


Neue Methode: Vitrifikation

Zwar gelingt es schon seit den ­1980er-Jahren, befruchtete Eizellen unbeschadet einzufrieren. Bei unbefruchteten Exemplaren klappte das aber lange nicht. Eizellen gehören nämlich zu den größten Körperzellen, enthalten besonders viel Wasser – und das bildet beim lange üblichen Verfahren des langsamen Einfrierens zerstörerische Kris­talle. Erst eine Art Schockfros­ten in Stickstoff, die sogenannte Vitrifikation, ermöglicht es seit ungefähr sechs Jahren, unbefruchtete Eizellen zu konservieren. „Etwa 80 Prozent der eingefrorenen Zellen überstehen den Auftauprozess“, erklärt Experte Tandler-Schneider. Ring frei für eine neue Form der Familienplanung?


„Vitrifiziere deine Eizellen. Entscheide, wann du Mutter sein willst!“ Mit diesem Slogan wirbt eine große, international operierende Fruchtbarkeitsklinik auf seiner Homepage. Klingt bestechend: Mit Anfang, Mitte 20 lässt man sich als Frau die Eizellen entnehmen. „Mit etwa 27 Jahren hat eine Frau den Zenit ihrer Fruchtbarkeit erreicht“, erklärt Tandler-Schneider. Bis dahin sind die Eizellen von exzellenter Qualität, genetisch noch relativ unbeschädigt und optimal befruchtungsfähig. Einmal eingefroren, lassen sie sich ewig lagern. Schluss mit dem Ticken der biologischen Uhr: Mit dem tiefgefrorenen Babybausatz könnte man noch als Greisin schwanger werden – mit demselben unbeschädigten Genmaterial wie mit 20.

Gesundheitliche Risiken

Was auf den ersten Blick nach selbstbestimmter Familienplanung aussieht, beurteilen viele Experten äußerst kritisch: „Ich würde niemals einer 20-Jährigen dazu raten, aus sozialen Gründen ihre Eizellen einzufrieren“, sagt etwa Tandler-Schneider. „Dazu sind der Aufwand und die gesundheitlichen Risiken viel zu hoch.“ Das hat mehrere Gründe.

Normalerweise produzieren die Eier­stöcke einer Frau in einem Monatszyklus nur eine einzige ­Eizelle. Für eine künstliche Befruchtung viel zu wenig. Denn häufig klappt eine Befruchtung im Reagenzglas nicht beim ersten Mal. Also braucht es Eizell-Reserven für weitere Versuche. Damit der Körper mehr Eizellen ausspuckt, stimulieren ihn die Ärzte mittels Hormonen, bringen die Eierstöcke dazu, mehr Material zu produzieren. Nicht ganz risikolos. Die Hormone haben Nebenwirkungen, führen häufig zu Stimmungsschwankungen und Gewichtszunahme – und können schlimmstenfalls zu einer Überstimulation führen, die etwa mit Zys­ten und schweren Durchblutungsstörungen einhergehen. Um die Eizellen aus dem Eierstock zu punktieren, braucht es zudem meist eine Vollnarkose.

Hohe Kosten

Ein weiteres Risiko: Der Gesetzgeber erlaubt, bei einer künstlichen Befruchtung einer Frau bis zu drei befruchtete Embryonen einzusetzen, um die ­Chance auf eine Schwangerschaft zu erhöhen. „Damit steigt natürlich auch die Gefahr einer Mehrlingsschwangerschaft“, erklärt Andreas Tandler-Schneider. Dazu ­kommen die Kosten: „Mindestens 2000 ­Euro kostet es, die Frau zu ­stimulieren, die Eizellen zu entnehmen und einzufrieren“, erklärt Gynäkologe Bleichrodt. Die Lagerung in Stickstoff schlägt mit etwa 300 Euro im Jahr zu Buche. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten fürs Tiefkühlen grundsätzlich nicht.

Auch ethische und rechtliche Fragen stellen sich: Wie lange etwa dürfen die Eizellen aufgehoben werden? Die Rechtslage dazu ist nicht eindeutig. Theoretisch könnte das Material für das Baby in spe endlos gelagert werden. „Im Prinzip kann eine junge Frau also in hundert Jahren die Eizelle ihrer Urgroßmutter erhalten“, erklärt Bleichrodt. Im Moment schreiben die Landesregierungen, die die Gewebebanken kontrollieren, meist vor, die Eizellen nicht länger als eine Generation aufzubewahren, „also maximal 25 Jahre“, sagt Bleichrodt. Einheitlich geregelt ist das in Deutschland jedoch nicht.

Bei Krankheit eine Option

Nur in wenigen Fällen rät Reproduktionsmediziner Tandler-Schneider deshalb Frauen dazu, Eizellen einfrieren zu lassen. „Wenn eine Patientin eine Chemotherapie erhält, die dauerhaft die Eierstöcke und die Eizellen schädigt, ist es sinnvoll, einen Vorrat an gesunden Eizellen einzufrieren“, so der Mediziner. ­Allerdings zahlen in diesem Fall die Kassen ebenfalls nicht. Auch Frauen, die mit Ende 30 noch nicht den richtigen Partner gefunden haben, sich aber später Kinder wünschen, kann es helfen, Eizellen zu konservieren. „Das sollte sich die Frau zuvor aber gründlich überlegt und mit ihrem Arzt diskutiert haben“, so Tandler-Schneider. „Eizellen einfach so aus Lifestyle-Gründen einzufrieren: ­Davon rate ich jedenfalls grundsätzlich ab.“

Auch seelische Aspekte spielen ­eine Rolle: Wie sieht man als Frau den eigenen Körper? Wie lange will man den Kinderwunsch tatsächlich verschieben? Was, wenn die Methoden der Reproduktionsmedizin versagen oder man den richtigen Partner doch nicht findet? Wer sich darüber keine Gedanken macht, riskiert, später in ein seelisches Loch zu fallen.

Für Tandler-Schneider würde sich die Diskussion um social freezing relativ schnell entschärfen, „wenn Deutschland für ein kinder- und ­­arbeitnehmerfreundlicheres Klima sorgen würde“, sagt der Mediziner. „Aber Praktikantin mit 30? Mutter mit 32? Und dann keinen Kindergartenplatz? Wer hat da schon die Nerven, als junge Frau Nachwuchs zu bekommen?“

Schwindende Chancen

Die Statistik zeigt: ­Jede fünfte Frau ist ­heute bei der Geburt ihres ­Kindes älter als 35 Jahre. Die Zahl derjenigen, die ­ihre Kinder noch später planen­, nimmt stetig zu. Dann aber hat die Fruchtbarkeit – also die Chance, auf natürlichem Weg ein Baby zu bekommen – schon dramatisch abgenommen. „Eine Frau mit 30 hat pro Monat noch eine etwa 20-prozentige Chance, schwanger zu werden“, erklärt Experte Tandler-Schneider. „Im Alter von 40 ist diese auf fünf Prozent gesunken.“ Der Grund dafür: Die Qualität der ­Eizellen, die schon von Geburt an in den Eierstöcken angelegt sind, schwindet.



Anne-Bärbel Köhle / Baby und Familie; 22.12.2011
Bildnachweis: Thinkstock/Hemera

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