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Kinderkriegen damals und heute: Was hat sich verändert?

Schwangerschaft und Geburt sind aufregende Ereignisse im Leben einer Frau. Wie haben sie frühere Generationen erlebt? Autorin Vanessa von Blumenstein-Langer sprach mit Mutter und Großmutter

Ich erfuhr es im Büro. Am Morgen hatte ich einen Termin bei meiner Frauenärztin gehabt und das Ergebnis war eindeutig: Ich war tatsächlich schwanger. Ich unterdrückte einen Freudenjauchzer und schloss mich erst einmal für ein paar Minuten auf der Toilette ein um mich heimlich zu freuen.


Schwangerschaftstest?“, ruft meine Oma Elisabeth, als ich ihr davon erzähle. „So was gab es damals nicht.“ Als sie erfuhr, dass sie ein Baby erwartete, war sie bereits im vierten Monat mit meiner Mutter schwanger. Das war kurz nach dem Krieg, im Jahr 1949. „Nachdem meine Periode länger ausgeblieben war, hatte ich einen Verdacht und ging zum Frauenarzt.“ Dieser Besuch beim Gynäkologen sollte der einzige während der gesamten Schwangerschaft bleiben.

Noch keine Vorsorgeuntersuchungen nach dem Krieg

Als wir das hören, blicken meine Mutter Gabriele und ich meine Oma ungläubig an. Keinerlei Vorsorge, keine Aufklärung darüber, was einen bei der Geburt erwartet? „Nichts“, sagt meine Oma. „Zwei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin kam eine Hebamme vorbei und tastete meinen Bauch ab um die Lage des Kindes zu bestimmen. Das war alles.“ Glücklicherweise lag meine Mutter richtig herum – mit ihrem Köpfchen nach unten, im Becken.

Ich denke an meine eigene Tochter: Sophia wollte sich partout nicht drehen und kam schließlich zwei Wochen zu früh per Kaiserschnitt zur Welt. Bei einer Vorsorgeuntersuchung stellte meine Frauenärztin fest, dass ich kaum noch Fruchtwasser hatte und schickte mich umgehend in die Klinik. Am nächsten Morgen hielt ich meine gesunde Tochter im Arm. Was wohl passiert wäre, wenn meine Oma in einer solchen Situation gewesen wäre? „Das hätte bis zur Geburt vermutlich niemand bemerkt. Und ich schon gleich gar nicht. Ich hatte ja keine Ahnung von irgendwas“, erzählt meine Oma.

Ahnungslos war sie auch, als schließlich mitten in der Nacht die Fruchtblase platze: „Weder ich noch mein Mann wussten was das ist.“ Mein Opa lief los und holte die Hebamme. Ein Krankenhaus gab es in dem kleinen Ort, in dem sie damals lebten, nicht. Lediglich das Altenheim verfügte über ein dürftig ausgestattetes Krankenzimmer. „Auf dem Weg dorthin zitterten mir im Auto vor Angst die Knie“, erinnert sich meine Oma. Die folgenden Stunden verharrte mein Opa auf einem Stuhl vor der Türe des Krankenzimmers – in der Hand ein Sträußchen rosa Hyazinthen.

Vater im Kreißsaal? In den Achzigern schon üblich

Dreißig Jahre später brach meine Mutter trotz Wehenschmerz beim Anblick meines Vaters in Gelächter aus: „Als er in den Kreissaal kam, trug er über seinen Klamotten einen weißen Overall und eine weiße OP-Haube“, erzählt sie. Das war Anfang der Achtzigerjahre so üblich – und anders als bei meiner Oma war es mittlerweile auch selbstverständlich, dass der werdende Vater bei der Geburt dabei war.


Was die medizinische Versorgung betraf, lagen Welten zwischen der Schwangerschaft meiner Mutter und der meiner Großmutter: Meine Mutter ging mindestens einmal im Monat zur Vorsorge bei ihrem Frauenarzt. Auch pränataldiagnostische Untersuchungen – etwa die Nackenfaltenmessung oder die Fruchtwasseruntersuchung – waren bereits Standard. Außer der verbesserten Ultraschalltechnik also eigentlich alles wie bei mir. „Ja, aber im Gegensatz zu dir galt ich mit meinen 31 Jahren damals bereits als Spätgebärende“, entgegnet meine Mutter. Außerdem war sie eine Risikoschwangere. Frauen mit komplikationslosen Schwangerschaften gingen seltener zum Frauenarzt.

Errungenschaft der heutigen Zeit: Die Nachsorgehebamme

Doch nicht nur die Vorsorge ist heutzutage engmaschiger geworden: auch die Nachsorge hat sich stark verändert. Als ich nach einer Woche endlich das Krankenhaus mit Sophia verlassen durfte, besuchte mich noch am selben Tag meine Nachsorgehebamme. Ich hatte bereits während meiner Schwangerschaft mit ihr Kontakt aufgenommen und sie kam die ersten zwei Wochen beinahe täglich zu uns nach Hause: Sie zeigte mir, wie ich meine Tochter richtig wickeln und waschen konnte. Sie kontrollierte, ob sich meine Gebärmutter gut zurückbildete, versorgte meine Kaiserschnittnarbe und Sophias Nabel. Als Sophia mit drei Wochen den ersten Schnupfen hatte und kaum mehr Luft durch ihr kleines Näschen bekam, kam sie spät abends noch vorbei und zeigte mir, wie ich meiner Tochter Nasentropfen in die winzigen Nasenlöcher träufeln konnte.

Und auch bei anfänglichen Stillproblemen saß sie mit uns auf dem Sofa und legte Sophia geduldig immer wieder in die richtige Position. „So eine Nachsorgehebamme ist vielleicht eine tolle Sache“, sagt meine Oma begeistert. Meine Mutter nickt. Als meine Oma damals nach ein paar Tagen mit meiner Mutter nach Hause kam, musste sie nicht nur das Neugeborene versorgen, sondern auch einkaufen, kochen und putzen: „Mein Mann hatte sich die erste Zeit zu Hause freigenommen“, erzählt sie. „Aber geholfen hat er mir nicht: Er hat sich den ganzen Tag ausgeruht und gelesen. Und ich musste auch noch seine Mutter versorgen.“

Tipp von Mama: Schwangerschaftstagebuch

Während ich den Erzählungen meiner Oma lausche, bin ich froh und dankbar, mein Baby unter solch günstigen Vorausetzungen bekommen zu haben. Denn meine Mutter und meine Oma sind sich einig: Es hat sich alles verbessert. Die Medizin und die Geburtshilfe haben seit den Fünfziger Jahren riesige Fortschritte gemacht, die Frauen sind wesentlich aufgeklärter – auch im Vergleich zu den Achtzigern, als mein Bruder und ich geboren wurden. „Manchmal bin ich jedoch froh, dass ich nichts von all den Gefahren gewusst habe“, sagt meine Oma. „Denn sonst wäre ich vor Sorge bestimmt ganz verrückt geworden.“

Als ich Sophia erwartete, tauschte ich mich intensiv mit meiner Mutter aus. Sie hatte  eine Art Schwangerschaftstagebuch geführt und so konnten wir gemeinsam nachlesen, wie es ihr damals so ergangen war. Sie gab mir den Tipp, auch ein solches Tagebuch zu führen: Ich besorgte mir ein kleines pinkfarbenes Büchlein, in das ich notierte wie ich mich fühlte, klebte jedes Ultraschallbild ein und Fotos meines wachsenden Babybäuchleins. Wenn ich jetzt darin blättere und meine fünf Monate alte Tochter betrachte, kann ich es kaum fassen, dass sie in meinem Bauch gewachsen ist. Und noch etwas habe ich von meiner Mutter gelernt: Die medizinischen Möglichkeiten zu nutzen, aber trotzdem kein bedingungsloses Vertrauen in sie zu haben. „Hör auf deinen Körper und dein Gefühl“, hatte sie gesagt. Das werde ich meiner Tochter später auch mal sagen.



Vanessa von Blumenstein-Langer / www.baby-und-familie.de; aktualisiert am 18.07.2013, erstellt am 29.03.2012

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