Eine Fehlgeburt verarbeiten

Paare entscheiden sich heute oft sehr bewusst für ein Kind. Endet die Schwangerschaft in einer Fehlgeburt, ist das ein herber Schlag. Was bei der Verarbeitung hilft

von Gerlinde Gukelberger-Felix, aktualisiert am 31.03.2016

Wie und wie lange eine Frau nach einer Fehlgeburt trauert, ist sehr unterschiedlich

Thinkstock/Hemera

Nicht jede Schwangerschaft verläuft glücklich. Manchmal endet sie frühzeitig in einer Fehlgeburt. Dabei stirbt der Embryo entweder mit einem Gewicht von weniger als 500 Gramm oder vor der 24. Schwangerschaftswoche im Mutterleib – danach spricht man von einer Totgeburt. Etwa 75 Prozent der Fehlgeburten treten schon im ersten Schwangerschaftsdrittel auf. Weil eine Schwangerschaft heutzutage oft früh festgestellt wird, bemerken Frauen eine Fehlgeburt häufiger. Wie gehen Frau und Mann mit dem Verlust um? Warum ist Trauerarbeit so wichtig? Fragen, die uns die Berliner Psychologin Bettina Strehlau, Hebamme und Heilpraktikerin für Psychotherapie, beantwortet.


Wovon hängt es ab, wie schlimm eine Fehlgeburt für eine Frau beziehungsweise ein Paar ist?

Das ist sehr individuell. Der Verarbeitungsprozess hängt beispielsweise davon ab, wie sehr ein Paar sich das Kind gewünscht hat und wie lange bereits ein Kinderwunsch besteht. Ist der Kinderwunsch groß, ist damit eine Lebensperspektive verknüpft. Eine Fehlgeburt macht diese Perspektive erst einmal zunichte. Bei einer ungewollten Schwangerschaft hängt der empfundene Schmerz davon ab, ob sich eine Frau zum Zeitpunkt der Fehlgeburt dazu entschlossen hatte, das Kind auszutragen, ob sie noch hin- und hergerissen war oder sich womöglich schon für eine Abtreibung entschieden hatte. Die Gefühle schwanken dann zwischen Trauer und Erleichterung. Von den jeweiligen Bedingungen hängt auch die Dynamik des Trauerprozesses ab.

Welche Rolle spielt die Dauer der Schwangerschaft?

Sie ist nicht so entscheidend, weil man nicht allgemeingültig sagen kann, dass eine Frau nach zwölf Wochen eine stärkere Bindung zum Kind hat als nach acht Wochen. Es gilt auch: Je häufiger eine Frau eine Fehlgeburt erlebt, desto schwerer ist es, diese zu verarbeiten.

Warum fällt es überhaupt so schwer, Fehlgeburten zu akzeptieren?

Das ist ein Paradoxon in unserer Gesellschaft. Eigentlich wissen wir alle, dass es nur bei maximal einem Drittel der befruchteten Eier zu einer Schwangerschaft kommt und insbesondere die ersten drei Schwangerschaftsmonate eine kritische Zeit darstellen. Aber wir leben in einer Gesellschaft, in der quasi alles als machbar und beherrschbar gilt. Und beim Projekt Schwangerschaft möchte man nichts dem Zufall überlassen. Eine Fehlgeburt ist jedoch etwas, das wir nicht kontrollieren können.

Suchen manche Frauen die Schuld bei sich?

Natürlich. Fragen, wie "Was habe ich falsch gemacht?" "Habe ich zu viel getanzt?", "Habe ich zu viel gearbeitet, zu viel Kaffee getrunken?", "Habe ich etwas versäumt?" stellen sich viele betroffene Frauen. Wir Menschen suchen immer nach Zusammenhängen, die sich im Einzelfall aber nicht herstellen lassen. Bei einer Fehlgeburt hat man weder als Frau versagt, noch hat man durch zu viel Stress den Tod des Ungeborenen verschuldet. Es ist wichtig, das Schuldgefühl abzulegen. Solange es besteht, kann der Trauerprozess nicht abgeschlossen werden. Vorwürfe aus dem Umfeld sind völlig kontraproduktiv.

Wie sollten sich Familie, Freunde und Bekannte nach einer Fehlgeburt denn verhalten?

Das Empfinden und die Verarbeitung des Kindsverlustes sind sehr individuell. Ebenso die Zeit, die für das Trauern nötig ist. Darauf sollte sich das Umfeld einstellen und den Betroffenen ihre Trauer lassen. Das Wichtigste für die Menschen, die eine betroffene Frau – und den Mann – begleiten, ist es, den Mut aufzubringen, diese direkt auf ihre Bedürfnisse anzusprechen, zu fragen: "Was brauchst Du – was wünschst Du Dir von uns?"

Als Aufmunterung gedachte Äußerungen wie "Das nächste Mal klappt es bestimmt" oder  "Das war doch noch kein richtiges Kind. Das war doch nur ein Embryo" sind nicht hilfreich. Das gilt auch für Phrasen wie "Es war wohl das Beste", "Besser jetzt als später" oder "Sei froh, das Kind wäre nicht normal gewesen". Es ist auch falsch so zu tun, als wäre nichts geschehen oder das Thema in Gesprächen zu meiden.

Was bedeutet es, aktiv Trauerarbeit zu leisten?

Es ist wichtig, sich mit den zentralen Fragen "Was habe ich verloren?", "Wie wäre mein Leben weitergegangen?" auseinanderzusetzen. Aber es ist nicht so, dass man das Geschehene einmal gedanklich durchspielt und dann ist alles gut. Die Erlebnisse, Gedanken und Empfindungen zum Zeitpunkt der Fehlgeburt kommen immer wieder hoch, aber sie werden im Verlauf der Zeit und bei einer gesunden Trauer weicher und verlieren ihre Kraft.

Bei einer Fehlgeburt erfolgt bis zur 14. Schwangerschaftswoche eine Ausschabung. Wie empfinden die Frauen die Zeit bis zum Eingriff?

Das ein- oder zweitägige Warten auf die Ausschabung ist für die betroffenen Frauen sicher schlimm. Zugleich ist diese Zeit, in der sich die jeweilige Frau bewusst mit ihrem Verlust auseinandersetzen kann, für den Verarbeitungsprozess wichtig.

Hat eine berufstätige Frau nach einer Fehlgeburt Anspruch auf eine Krankschreibung?

Ja, sie wird meist für zirka 14 Tage krankgeschrieben, sofern die Fehlgeburt vor der 12. Schwangerschaftswoche stattgefunden hat. Tritt sie erst später auf, hängt es von dem behandelnden Gynäkologen oder Hausarzt ab, ob die betroffene Frau länger als 14 Tage krankgeschrieben wird. Aber Fakt ist, dass sie zurück im Arbeitsumfeld einfach wieder funktionieren muss; unabhängig davon, ob der Trauerprozess abgeschlossen ist. Manche Frauen brauchen mehr als ein Jahr zur Verarbeitung.

Und was passiert bei einer Fehlgeburt nach der 14. Schwangerschaftswoche?

Dann muss das Kind auf normalem Weg geboren werden. Für die Frauen ist das ein einschneidendes Erlebnis. Es braucht eine einfühlsame Begleitung durch den Gynäkologen, die Geburtsklinik und die Familie. Wenn das Umfeld nicht sensibel genug reagiert, kann es zu schweren Traumatisierungen kommen.

Wie erleben Männer den Verlust des ungeborenen Kindes?

Für Männer kann eine Fehlgeburt genauso schlimm sein wie für Frauen. Das hängt davon ab, wie intakt und innig die Beziehung eines Paares ist und was die Partner mit der Schwangerschaft verbunden haben.

Welche Folge kann es bei einem Mann haben, wenn er seine Trauer verdrängt?

Möglich sind große Ängste, wenn die Frau oder Freundin erneut schwanger wird. Mitunter ist es dann hilfreich, eine Therapie oder zumindest eine psychologische Beratung für sich selbst in Anspruch zu nehmen. Aber ob ein Mann das macht, hängt stark vom Umfeld ab, etwa wie offen es einer Psychotherapie gegenüber eingestellt ist. Aber fest steht auch: Eine gewisse Angst bei Mann und Frau, dass bei einer Schwangerschaft etwas schief läuft, ist normal. Eine Schwangerschaft ist ja eine große Veränderung im Leben.

Was passiert mit den Überresten von frühen Fehlgeburten oder tot geborenen Kindern?

Bei einer Fehlgeburt vor der 12. Schwangerschaftswoche werden die Kinder in der Pathologie aufbewahrt und zweimal jährlich in Sammelbestattungen durch die Klinik beerdigt. Jenseits der 14. Schwangerschaftswoche können die Eltern das Kind selbst beisetzen lassen – müssen das aber nicht. Auch dann besteht die Möglichkeit der Sammelbestattung.

An wen können sich betroffene Frauen und Männer wenden?

Es gibt im Internet Trauergruppen verwaister Eltern, wie beispielsweise die "Schmetterlingskinder" oder die "Leere Wiege". Weitere Anlaufstellen sind Selbsthilfegruppen, Psychologen, Psychotherapeuten und Hebammen. Es ist ganz wichtig, dass verwaiste Eltern Rituale haben oder Orte für sich und für ihre Trauer finden, wie zum Beispiel das Grab, das sie aufsuchen können. Sie können auch ein Bäumchen im Garten pflanzen oder irgendetwas in der Wohnung aufstellen, das symbolisch für das verlorene Kind steht und Teil ihres Lebens ist.



Medizinische Infos zum Thema

Ultraschalluntersuchung

Fehlgeburt: Viele Abgänge bleiben unbemerkt »

Die meisten Abgänge passieren, bevor sich die Eizelle einnistet. Manchmal verstirbt der Fetus auch später. Was der Arzt dann tut »

Schwangere Frau

Newsletter für Schwangere

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Schwangerschaftsnewsletter »

Mutter mit Kind arbeitet vor dem Laptop

Entwicklungsnewsletter

Erhalten Sie alle zwei Wochen Infos zum ersten Lebensjahr Ihres Kindes »

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages