Ein Baby aus dem Drucker

Firmen bieten an, nach Ultraschallbildern lebensechte Modelle vom Fötus zu drucken. Doch das ist erst der Anfang. Forscher hoffen, eines Tages mit dieser Technik Organe herzustellen

von Peggy Elfmann, aktualisiert am 18.12.2015

Sehen oder sogar berühren? 3-D-Ultraschallbilder (links) und Modelle (rechts) ermöglichen es

Your Photo Today/Superbild, Your Photo Today/Superbild Bildagentur GbR/Phanie, Thomson Reuters/Ints Kalnins

Ein Symbol der Liebe, ein kleines Wunder – das sollen sie sein, diese kleinen Plas­tiken. Sie sind eine Nachbildung des Ungeborenen, hergestellt mit dem 3-D-Druckverfahren. Dabei werden anhand von dreidimensionalen Ultra­­schallaufnahmen Skulpturen oder Büs­ten gedruckt. Schwangere und ihre Partner könnten so früh eine Bindung aufbauen und hätten eine Erinnerung an die ­besondere Zeit, schreiben Gerard und ­Katie Bessette auf ihrer Homepage. Sie sind Gründer einer US-Firma, die 3-D-Babys druckt. Dieses Schwangerschafts-Souvenir können werdende Eltern auch hierzulande erwerben. "Gönnen Sie sich noch mehr Vorsorge und eine wunderschöne Nachricht aus dem Bauch", heißt es auf der Website einer Leipziger Firma.


Teurer Marketing-Gag oder schöne Erinnerung?

Für knapp 300 ­Euro erhalten Eltern ein 12,8 Zentimeter großes ­­Gesichtsmodell des Fötus. Die Firma benötigt nur die Bilder vom 3-D-Ultraschall, der um die 20. Schwangerschaftswoche herum gemacht werden kann. Die Bilder werden am Computer aufbereitet, ein Spezial­drucker druckt einen Polymergips Lage für Lage überein­ander bis das Babygesicht fertig ist.

Frauenärztin Dr. Ute Germer vom Caritas-Krankenhaus St. Josef in Regensburg sieht das skeptisch: "Man hat dann zwar eine ­schöne Babyskulptur. Aber mit dem Original hat die meist nicht so viel zu tun." Das liege an den Ultraschallbildern. In der 20. Woche befindet sich noch relativ viel Fruchtwasser in der Gebärmutter, der Fötus bewegt sich ausgiebig. Dadurch lässt sich schlechter ein gutes Ultraschallbild machen. "Häufig sind Schatten oder kleine Beulen im Gesicht, oder der Fötus ist unscharf", sagt Germer. Werden die Bilder am Computer als Modell aufbereitet, müsse einiges "nach Fantasie ergänzt werden", so die Gynäkologin. Individuelle Merkmale, sofern sie überhaupt schon entwickelt sind, würden oft verloren gehen. "Für werdende Eltern ist es ein besonderer Moment, die Ultraschallbilder ihres Kindes zu sehen", sagt Germer. "Ich glaube aber nicht, dass ein 3-D-Modell die Bindung intensiviert."

Und was hat es mit dem Versprechen einer besseren ­Vorsorge auf sich? "Vielleicht könnte man die Modelle zu Ausbildungszwecken für angehende Ärzte verwenden, um ihnen beispielsweise bestimmte Fehlbildungen näherzubringen", sagt Germer. "Einen direkten medizinischen Nutzen ­sehe ich aber nicht. Da müsste die Auflösung besser werden und die Babys weniger zappeln beim Ultraschall." Zumindest der zweite Punkt wird es Medizinern weiterhin schwer machen, gute 3-D-Aufnahmen zu erhalten.

Zähne am Computer herstellen

In anderen medizinischen Bereichen hat das Verfahren schon Einzug gehalten: Zähne und Brücken oder Teile für künstliche Hüftgelenke werden bereits am Computer erstellt, ausgedruckt und Patienten eingesetzt. "Die Ver­fahren ermöglichen es trotz indus­trieller Herstellung indivi­duell zu arbeiten, was bisher nur mit Handarbeit möglich war. Zudem ist es häufig billiger", erklärt Jannis Breu­ninger. Der Produkt­designer hat am Fraunhofer IPA-Institut in Stuttgart Prothesen entwickelt, die über ein Start-up-Unternehmen Einzug in den Markt erhalten werden.

"­Eine Beinprothese ­etwa muss exakt angepasst werden. ­3-D-Scanner und -Drucker vereinfachen die Arbeit der Orthopä­dietechniker", sagt er. Gleichzeitig seien feinere Struktu­­ren und komplexere Geometrien möglich. Zum Drucken verwendet er ein spezielles Kunststoffpulver, das in dünnen Schichten auf eine Plattform aufgetragen und anschließend mittels Laser verschmolzen wird.

Herzklappen aus dem Drucker?

Wissenschaftler hoffen, dass 3-D-Drucker eines Tages Organe herstellen können. "Der Bedarf an Spenderherzen oder -herzklappen ist immens. Gedruckte Organe wären die Rettung", sagt Dr. Martin Glöckler, stellvertretender Leiter der kinderkardiologischen Abteilung am ­­Universitätsklinikum Erlangen. Weltweit beschäftigen­ sich Forscher mit dem Thema. "Echtes ­Gewebe aus dem 3-D-Drucker gibt es noch nicht", stellt Dr. Cora Lüders-Theuerkauf vom Deutschen Herzzentrum in Berlin klar. Sie entwickelt in ­Kooperation mit der TU Berlin mithilfe von 3-D-Druck Herzklappengerüste, die sie anschließend mit menschlichen Zellen besiedelt. "Abstoßungs­reaktionen könnten vermieden und ein Mitwachsen, das bei kleinen Kindern wichtig ist, erreicht werden", erklärt Lüders-Theuerkauf. Noch ist dies eine ­Zukunftsvision.

Doch schon heute spielt die neue Technologie eine Rolle in der Kinderkardiologie. Modelle von Baby­herzen werden etwa gedruckt, um Eltern oder Medizinstudenten über Herzfehler zu informieren. "Die größte Hilfe ist aber gar nicht das gedruckte Modell, sondern der 3-D-Datensatz", sagt ­­Glöckler. In seiner Klinik arbeiten die Ärzte seit zwei Jahren routinemäßig mit dreidimensionalen Computer-Mo­dellen. Basis sind dabei hoch auf­­ösende Computertomografie-Bilder. "Heute führen wir Herzoperationen durch, die früher nicht möglich waren, einfach weil uns Informationen gefehlt haben", so Glöckler. "Jetzt wissen wir viel mehr und retten so manches Kinderleben."



Bildnachweis: Your Photo Today/Superbild, Your Photo Today/Superbild Bildagentur GbR/Phanie, Thomson Reuters/Ints Kalnins
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