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Bluthochdruck während der Schwangerschaft

Sie kann für Mutter und Ungeborenes zur tödlichen Bedrohung werden: Präeklampsie. Ihre Symptome und wie der Arzt behandelt


Wichtige Kontrolle: Bei Schwangeren wird regelmäßig der Blutdruck gemessen

Nie im Leben wäre Ingrid D. darauf gekommen, dass mit ihrer Schwangerschaft ­etwas nicht stimmen könnte. 24 Wochen lang fühlte sich die Apothekerin, als könne sie Bäume ausreißen. „Und dann war mir auf einmal übel. Aber ich dachte, ich hätte einfach etwas Falsches gegessen“, erinnert sie sich.

Mehrere Tage schlug sie sich im Frühjahr 2000 mit dem vermeintlich verdorbenen Magen herum, dann schickte ihre Frauen­ärztin sie ins Krankenhaus. Dort maß man ihren Blutdruck, der zum ers­ten Mal in der Schwangerschaft zu hoch war. Eine Blutuntersuchung bestätigte, dass Ingrid D. an einer­ schweren Schwangerschafts­erkrankung litt: dem Hellp-­Syndrom. Dabei drohen Blutungen, Leberschäden, Nierenversagen und ein Riss des Mutterkuchens.


Präeklampsie verursacht Hälfte ­der Todes­fälle bei Schwangeren

Bei Ingrid D. hatte sich eine­ schwere Form der Präeklampsie ausgebildet, die binnen kürzester Zeit zu gravierenden Komplikationen führte. Von der Erkrankung habe sie vorher nie gehört, erinnert sich die Mittvierzigerin. ­Das Bewusstsein dafür ist heute größer: Die Präeklampsie, oft fälschlich Schwangerschaftsvergiftung genannt, beschäftigt Grundlagenforscher und Gynäkologen beständig. Nicht ­ohne­ Grund: Die Multisystemerkrankung tritt weltweit bei zwei bis acht Prozent aller Schwangerschaften auf – und ist für fast die Hälfte ­aller Todes­fälle von Müttern in der Schwangerschaft verantwortlich. Definiert wird die Prä­eklampsie durch das Neuauftreten von Bluthochdruck (ab 140 zu 90 mmHg) und erhöhte Eiweißausscheidungen im Urin. Möglich sind auch Wassereinlagerungen. Meist kommt die Erkrankung nicht vor der 20. Schwangerschaftswoche vor.



Dr. Florian Herse ist Diplom-Ingenieur für Biotechnologie und forscht am Max-Delbrück-Centrum für molekulare Medizin in Berlin über Präklampsie

Bluthochdruck gefährdet auch das Kind

Für das Ungeborene ist die Erkrankung gefährlich. Sauerstoff­mangel­­versorgung und Wachstums­verzögerungen drohen. Auch ist eine­ Frühgeburt möglich. Die Mutter­ muss streng überwacht werden: Steigt ihr Blutdruck stark an, sind Nieren- oder Leberschäden möglich. Zudem können Komplikationen auftreten: zum einen die Eklampsie, die zu Hirnödemen, Nierenversagen, Krampfanfällen und Netzhautschäden führt. Zum anderen das Hellp-Syndrom: Hier kommt es zu einem Blutzerfall und zu hohen Leberwerten sowie dem Absinken der Thrombozytenwerte. Beide Phänomene können binnen Stunden lebensbedrohlich werden.



PD Dr. med. Stefan Verlohren ist Gynäkologe an der Klinik für Geburtsmedizin der Charité Berlin

Oft bleibt nur der Kaiserschnitt

Nur ein Notkaiserschnitt rettete Ingrid D. damals. Ihre Tochter, die bei der Geburt nur 570 Gramm wog, verlor nach fünf Tagen den Kampf ums Leben. Noch heute nimmt Ingrid D. die Erinnerung an diese Zeit mit. Groß war die Angst, sie könne bei einer erneuten Schwangerschaft wieder ein Kind verlieren. Fast ­jede vierte Frau, die schon einmal unter Präeklampsie gelitten hat, ist auch in einer weiteren­ Schwangerschaft betroffen. Ein erhöhtes Risiko­ haben zudem Erstgebärende mit Übergewicht, Nieren­erkrankungen, Bluthochdruck oder Diabetes­ sowie Schwangere über 40 Jahre. Präeklampsie tritt öfter bei Mehrlingsschwangerschaften auf – und bei Frauen, in deren Familie es die Erkrankung bereits gegeben hat.

Ingrid D. wollte kein Risiko­ eingehen. „Ich habe mir ­einen spezialisierten Arzt gesucht, der­ die zweite Schwangerschaft betreut hat“, erzählt sie. Er hat sie unter anderem mit ­Acetylsalicylsäure behandelt und ihr wegen Auffälligkeiten im Immunsystem Immunglobuline verabreicht. Die Schwangerschaft wurde streng überwacht. Im Januar 2003 gebar Ingrid D. ­eine gesunde Tochter. Seither bemüht sie sich um Aufklärung, engagiert sich in der „Arbeitsgemeinschaft Gestose-Frauen“, die sich mit verschiedenen Schwangerschaftserkrankungen befasst.

Frühe Erkennung entscheidend

Allein die Geburt des Kindes und damit die Entfernung der Plazenta aus dem mütterlichen Körper kann die Erkrankung stoppen. „Bei der Präeklampsie haben wir es immer mit zwei Patienten zu tun“, sagt PD Dr. med. Stefan Ver­­lohren, Gynäkologe an der Berliner Charité und zurzeit am St. George’s Hospital in London tätig. „Wir stehen vor der Herausforderung, im Sinne des Kindes die Schwangerschaft so lange wie möglich zu erhalten und gleichzeitig die Mutter nicht länger als nötig Gefahren auszusetzen.“ Es sei daher entscheidend, das Problem früh zu erkennen. Zur Vorbeugung könne man Schwangeren mit hohem Risiko­ Acetylsalicylsäure verabreichen. Mit Blutdrucksenkern­ kann man zudem versuchen, den Zustand­ der Mutter so optimal wie möglich zu erhalten.

Je früher die Krankheit erkannt wird, desto eher ist es möglich, den Verlauf zu mildern, indem man den Frauen Ruhe­ verordnet. Außerdem können Magnesium­-­Gaben sinnvoll sein. All dies bekämpft aber nur die Symptome, nicht die Krankheit selbst. Der Gerinnungshemmer Heparin habe sich inzwischen als nicht nutzbringend erwiesen, sei aber noch verbreitet, so Verlohren. „Wichtig­ ist, gegebenenfalls dem Fötus Medikamente zur Lungenreife zu verabreichen“, erklärt der Mediziner. „Und die Mutter muss rechtzeitig in eine Klinik mit Perinatalzentrum überwiesen werden, damit das Baby im Fall einer Frühgeburt bestmöglich versorgt wird.“


So können Schwangere Bluthochdruck vorbeugen und erkennen

– Regelmäßig zur Vorsorge gehen: Dort misst der Gynäkologe den Blutdruck und untersucht den Urin auf verdächtige Eiweißausscheidungen.

 

– Folgende Symptome umgehend vom Frauenarzt abklären lassen: Sehstörungen, Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel, Lichtempfindlichkeit, rasch ­entstehende Wassereinlagerungen, vor allem im Gesicht und an den Händen, Krampfanfälle.

 

– Sich ins Krankenhaus begeben,­ wenn Beschwerden wie starke Schmerzen im Oberbauch, selten auch im ­Rücken, auftreten. Diese können Anzeichen eines Hellp-Syndroms sein.

 

– Generell gilt: Schwangere sollten sich gesund ernähren, regelmäßig ­mo­­derat bewegen und Stress vermeiden. Diese Maßnahmen werden von Ärzten auch empfohlen, um allgemein Blutdruck­erkrankungen vorzubeugen. Ein abso­­luter Schutzfaktor gegen ­Präeklampsie sind sie aber nicht.


Forscher: Ursachen von Präeklampsie noch unklar

Das große Problem bei der Behandlung der Präeklampsie ist noch immer, dass niemand genau weiß, wie sie ausgelöst wird. Dr. Florian Herse, Experte für Bio­technologie, arbeitet gemeinsam mit Kollegen im Max-Delbrück-Centrum für molekulare Medizin in Berlin an der Beantwortung dieser Frage. Inzwischen ist er überzeugt davon, dass bestimmte Zellen, sogenannte Trophoblasten, bei Frauen mit Prä­eklampsie nicht ausreichend tief in die Gebärmutterschleimhaut einwachsen. Das führt dazu, dass der im Lauf der Schwangerschaft nötige Umbau von Blutgefäßen in der Gebärmutter gestört ist. Dieser ist aber wichtig, um den Embryo ausreichend mit Nährstoffen zu versorgen.

Zudem haben die Forscher herausgefunden, dass bei Frauen mit Präeklampsie bestimmte Enzyme, die im Körper eigentlich als Blutdrucksenker wirken, eine Erhöhung des Blutdrucks bewirken. Die Wissenschaftler hoffen nun, dass ein besseres Verständnis der Präeklampsie neue Behandlungsansätze eröffnet. „In Versuchen ist es möglich, dieses Enzym zu blockieren und damit den Krankheitsverlauf zu mildern“, sagt Herse. „Außerdem hoffen wir, Marker für die Früherkennung entwickeln zu können.“ Eine Präeklampsie-Arbeitsgruppe an der Charité, an der auch Stefan Verlohren betei­ligt ist, hat bereits ­einen Frühtest mitentwickelt. Er trifft Aussagen über das Verhältnis von zwei Botenstoffen, die im Mutterkuchen produziert werden. Ist es verändert, deutet das auf eine Prä­­eklampsie hin. Die Tests sind allerdings erst an spezialisierten Zentren verfügbar, ein flächendeckendes Screening gibt es nicht.

Doppler-­Ultraschall und Symptome weisen auf Präeklampsie hin

Bislang zeigt oft erst eine Doppler-­Ultraschall-Untersuchung, ob eine Schwangere bedroht ist, und auch das nicht immer. Dabei misst der Arzt die Geschwindigkeit des Blutflusses in den Gebärmutterarterien. Stellt er hier einen erhöhten Widerstand fest, bedeutet dies ein Alarmzeichen. Die Untersuchung wird meist im Rahmen der Fein­diagnostik um die 20. Schwangerschaftswoche gemacht. Klarheit gibt es aber in der Regel erst mit dem Auftreten der Symptome.

Forscher Florian Herse jedenfalls ist sehr froh darüber, dass inzwischen viel besser darüber aufgeklärt wird. „Als meine Frau vor zwei Jahren mit unserem ersten Kind schwanger war, hat niemand darüber gesprochen, warum es so wichtig ist, regelmäßig den Blutdruck zu messen und den Urin zu untersuchen. Jetzt, beim zweiten Mal, sieht das zum Glück schon ganz anders aus.“




Bildnachweis: Thinkstock/Creatas, W&B/Privat

Dr. Susanne Kailitz / Baby und Familie; aktualisiert am 17.03.2014,
Bildnachweis: Thinkstock/Creatas, W&B/Privat

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