Bluthochdruck in der Schwangerschaft

Sie kann für Mutter und Ungeborenes zur tödlichen Bedrohung werden: Präeklampsie. Ihre Symptome und wie der Arzt behandelt

von Dr. Susanne Kailitz, aktualisiert am 05.09.2016

Wichtige Kontrolle: Bei Schwangeren wird regelmäßig der Blutdruck gemessen

Thinkstock/Creatas

Präeklampsie, unter ­diesem Begriff können sich vermutlich die wenigsten Schwangeren spontan etwas vorstellen. Die umgangssprachliche Bezeichnung "Schwangerschaftsvergiftung" lässt erahnen: Es geht um ­eine ernste Komplika­tion – im schlimmsten Fall kann sie tödlich enden. Die Ursachen der Erkrankung, die früher auch EPH-Ges­tose genannt ­wurde und etwa zwei bis drei Prozent ­aller Schwangeren betrifft, sind bis ­heute unklar. Die Symp­tome fallen oft unspezifisch aus, was die Diagnose erschwert.

Symptome meist ab der 20. Schwangerschaftswoche

Fest steht: "Die Plazenta nistet sich in der achten bis 13. ­Woche schlecht ein. In der Folge gelangen schädliche Stoffe in den mütterlichen Kreislauf", erklärt Dr. Dietmar Schlembach, Chefarzt der Klinik für Geburtsmedizin am Vivantes Klinikum Neukölln in Berlin. "Sie wirken sich, zeitversetzt, negativ auf das Gefäßsystem der Mutter aus, wahrscheinlich, sobald ein gewisser Schwellenwert überschritten ist." Etwa ab der 20. Schwangerschaftswoche können sich erste Vorboten zeigen. Sie reichen je nach Schwere­grad von leichten Kopfschmerzen über Flüssigkeitseinlagerungen im Gewebe bis hin zu starken Oberbauchschmerzen und Erbrechen.


Dr. Dietmar Schlembach ist Chefarzt an der Vivantes Geburtsklinik Neukölln in Berlin

Monique Wuestenhagen

Engmaschige Überwachung

Für eine Präeklampsie müssen laut Definition nur zwei ­Kriterien erfüllt sein: Bluthochdruck und erhöhte Eiweißwerte im Urin. "Das tatsächliche klinische ­­Spektrum ist aber sehr breit gefächert", so Dr. Stefan Ver­lohren, Oberarzt der Klinik für Geburts­medizin an der Berliner ­Charité. Beschränkt sich das Krankheitsbild auf ­erhöhte Eiweiß­werte im Urin und ­einen erhöhten Blutdruck (ab 140/90 mmHg), überwacht der Gynäkologe die Schwan­gere in der Regel engmaschiger. Teilweise verordnet er blutdrucksenkende Mittel.


Dr. Stefan Verlohren ist Oberarzt an der Klinik für Geburtsmedizin der Charité Berlin und leitet dort die Arbeitsgruppe Präeklampsie

Birgit Formann

Eklampsie: Komplikation mit Krampfanfällen

Schwerere Verläufe machen ­immer ­einen stationären Aufenthalt erforderlich. "Bei ­einer Eklampsie etwa treten in der Schwanger­schaft, während oder nach der Geburt Krampfan­fälle auf, die sowohl für die Schwangere als auch für das Kind lebensbedrohlich werden können", sagt Ver­lohren. Beispielsweise sind ­­eine Plazentaablösung oder ein Nierenver­sagen möglich. "In seltenen Fällen steigt der Blutdruck sehr schnell sehr hoch, so dass es bei der Schwangeren zu Durchblutungsstörungen im Gehirn bis hin zum Schlaganfall kommen kann", so Schlembach.

HELLP-Syndrom: Gestörte Leberfunktion

Das HELLP-Syndrom gilt als weitere schwere Komplikation. Hier treten Störungen der Leberfunktion und der Blutgerinnung auf, zum Teil ­ohne ­dass der Blutdruck ansteigt. Oberbauchschmerzen sind ein Warnzeichen. "Deshalb sollte jede Schwangere bei Schmerzen im Oberbauch oder hinter dem Brustbein, bei plötzlich auftretenden Schwellungen vor allem im Gesicht, bei sehr ­rascher Gewichtszunahme oder bei Übelkeit und Erbrechen sofort den Frauen­arzt auf­­suchen und nicht erst zum Hausarzt gehen."

Klare Prognose mittlerweile möglich

Bisher war es nahezu unmöglich, bei ersten Verdachtssymptomen vor­herzusagen, ob sich tatsächlich ­eine Präeklampsie entwickelt. Nun ließ sich anhand einer internationalen Studie zeigen, dass das Verhältnis bestimmter Eiweiß-Boten­stoffe im Blut eine mögliche Ges­tose zuverlässig ausschließen oder vorhersagen kann. Dabei geht es um ­einen bestimmten Trennwert. Stefan Verlohren, Senior-­Autor der Studie: "Frauen, deren Wert unter 38 liegt, erkranken mit 99,3-prozentiger Sicher­heit inner­halb ­einer Woche nicht an Prä­eklampsie." Das klingt für Laien nicht spektakulär, bietet den Betroffenen jedoch eine große Entlastung. Sie müssen kurzfristig keine plötzliche Verschlechterung ihres Zustandes fürchten. Statt stationär aufgenommen zu werden, dürfen sie sich zu ­Hause schonen. Ein auffälliger Wert dagegen kann bei Frauen mit gering ausgeprägten Symptomen ein Anlass sein, sie intensiver zu überwachen.

Frühe Präeklampsie besonders problematisch

Je früher sich Anzeichen einer Präeklampsie zeigen, desto problematischer für Mutter und Kind. Die eigentliche Therapie besteht in der zeitnahen Entbindung und der Entfernung des Mutterkuchens. Erst dann erholt sich das Gefäßsystem der Mutter im Normalfall wieder vollständig. "Das stellt uns bei einer frühen Eklampsie in der 24. Woche vor ein Dilemma: Wie können wir die Schwangerschaft möglichst verlängern, um dem Kind mehr Zeit zur Entwicklung zu geben, ohne Mutter und Kind zu schaden?", so Chefarzt Schlembach. Lässt sich der Blutdruck medi­kamentös einstellen und droht dem Kind keine Mangelversorgung, werden Schwangere meist ­intensiv überwacht, um noch einige Wochen zu gewinnen. Hier hilft der neue Bluttest, der noch keine Kassenleistung ist, Ärzte und betroffene Frauen besser auf drohende Komplikationen vorzubereiten.

Neue Behandlungsmethode wird erforscht

Ein neuer Therapieansatz, der derzeit nur in wenigen Zentren und unter strengem Studienproto­koll genutzt wird, ist die sogenannte Blutwäsche. "Dabei wird der problematische Botenstoff, das Eiweiß sFlt-1, gezielt aus dem Blut entfernt", so Verlohren. "Die Methode steckt noch im experimentellen Sta­dium und kommt momentan wirklich nur in Einzelfällen infrage." ­Eine schnelle Heilungsmöglichkeit steht also noch nicht zur Verfügung. Bis dahin sollten Frauen aufmerksam für Frühwarnzeichen bleiben und wissen, ob sie zu ­einer Risikogruppe zählen.

Risikofaktoren kennen

"­Gerade ­junge Erstgebärende sind eher gefährdet, eine Präeklampsie zu entwickeln. Aber auch bei Mehrlingsschwangerschaften oder nach Kinderwunschbehandlungen besteht ein höheres Risiko", sagt Schlembach. Bestehende Auto­immunerkrankungen, Diabetes, Bluthochdruck oder andere voran­gegangene Herz-Kreislauf-Probleme sind für Schwangere ebenfalls ein Grund, den Arzt beim kleinsten Verdacht um Rat zu fragen. Frauen, die bereits eine Präeklampsie erlitten haben, haben bei einer weiteren Schwangerschaft zwar ein leicht erhöhtes Erkrankungsrisiko, die Beschwerden können aber auch völlig ausbleiben.


Die Warnzeichen

Kopfschmerzen: Sie sind ein Grund, den Blut­druck vom Gynäkologen kontrollieren zu lassen

Wassereinlagerungen: Bei plötzlich auftretenden Schwellungen – vor allem im Gesicht –, bitte sofort zum Frauenarzt!

Hoher Blutdruck: Werte ab 140/90 mmHg sind zu hoch und ein Fall für den Frauenarzt. Er misst den Blutdruck auch bei jeder Vorsorge­untersuchung

Oberbauchschmerzen, Übelkeit und Erbrechen: Bei diesen Symptomen bitte sofort zum Frauenarzt!

Das Baby wächst nicht richtig: Auch das kann auf eine Präeklampsie deuten und wird beim Ultraschall vom Gynäkologen kontrolliert

Eiweiß im Urin: Erhöhte Werte sind ein Symptom der Präeklampsie. Der Arzt kontrolliert den Wert bei jeder Vorsorgeuntersuchung



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