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Schlafwandeln: Meist sind Kinder betroffen

Geistert Ihr Kleines nachts durch die Wohnung? Kein Grund zur Sorge. Schlafwandeln ist im Kindesalter relativ häufig, verschwindet später aber in der Regel wieder. Worauf Sie dennoch achten sollten


Nächtliche Tour: Kinder leiden viel häufiger unter Schlafwandeln als Erwachsene

Eine Gestalt läuft wie ferngesteuert mit ausgestreckten Armen und wehendem Schlafrock nachts durch die leeren Straßen, scheinbar angezogen von einem unbekannten Ziel – dieses Klischee eines Schlafwandlers kennen die meisten. „So etwas kommt höchstens im Märchen vor“, sagt Schlafmediziner Professor Joachim Ficker vom Klinikum Nürnberg. „Ich habe noch nie gesehen, dass ein Schlafwandler das Haus verlässt.“ Die meisten Betroffenen würden laut Ficker lediglich etwas an ihrem Bettzeug herumnesteln oder sich aufrichten und mit eigenartigem Gesichtsausdruck umhersehen. „Selten stehen sie auf, gehen herum oder machen sinnlose Dinge“, sagt er.

Von dem Schlafphänomen sind fast ausschließlich Kinder betroffen: Laut der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin zählen bis zu 30 Prozent der Kinder zwischen vier und sechs Jahren zu den Schlafwandlern. Die Schlafstörung verschwindet bei bis zu 80 Prozent von ihnen mit der Pubertät völlig – bei den übrigen tritt sie nach dem 20. Lebensjahr wieder vereinzelt auf. Im höheren Alter ist sie sehr selten.


Vorsicht: Verletzungsgefahr

Doch wie kommt es zu dem seltsamen nächtlichen Verhalten? Beim Schlafwandeln befindet sich das Gehirn in einem Schlafstadium wie dem REM-Schlaf oder dem Tiefschlaf. Zusätzlich laufen dort aber verschiedene motorische Prozesse ab, die normalerweise nur auftreten, wenn man wach ist.

Im Schlaf wälzen sich die meisten von uns lediglich etwas umher, ziehen dem Bettgenossen die Decke weg oder schmatzen gelegentlich. Ein Schlafwandelnder hingegen richtet sich im Bett auf, sieht sich um, spricht oder ruft unverständliche Dinge, springt aus dem Bett oder läuft im Zimmer herum. Oft hat er dabei einen eigenartigen Gesichtsausdruck und blickt ins Leere. Weil der Betreffende eigentlich schläft, ist er nicht richtig orientiert und kann keine komplexen Handlungen durchführen. Er ist in diesem Zustand zum Beispiel nicht fähig, ein Bild zu malen oder einen Brief zu schreiben.

Außerdem ist ein Schlafwandelnder für andere in der Regel keine Gefahr – für sich selbst jedoch oft schon. Gehört Ihr Kleines zu den Schlafwandlern, die aus dem Bett aufstehen, ist deshalb Vorsicht geboten: „Vor allem Kinder verletzen sich beim Schlafwandeln häufig“, sagt Ficker. Sie tappen im Zimmer herum, hantieren sinnlos mit Spielzeug und können dabei leicht stolpern oder stürzen. „Manche Schlafwandler essen auch etwas“, sagt Ficker. „Das kann gefährlich werden, wenn sie Dinge essen, die eigentlich nicht essbar sind.“ Kinder würden dann zwar nicht einfach in ihr Spielzeug beißen, könnten aber zum Beispiel vergessen, von einer Tafel Schokolade vor dem Verzehr das Papier abzumachen.

Lieber nicht aufwecken

Abgesehen vom Verletzungsrisiko wirkt sich Schlafwandeln nicht direkt negativ auf die Gesundheit aus. Deshalb besteht die Behandlung hauptsächlich darin, zu verhindern, dass sich der Umherirrende wehtut. Eltern schlafwandelnder Kinder sollten gefährliche Gegenstände und Stolperfallen in dessen Zimmer aus dem Weg räumen sowie Türen, Fenster und Treppenabsätze abschließen.

Wenn der Nachwuchs nachts aus dem Bett aufsteht, sollten sie sich langsam nähern, beruhigend auf ihr Kind einreden und es vorsichtig wieder ins Bett lenken. „Früher gab es dringende Warnungen davor, den Betreffenden aufzuwecken“, sagt Ficker. „Aber da passiert nichts Schlimmes.“ Allerdings sei das Kind dann wach und hätte wahrscheinlich Probleme, wieder einzuschlafen. Außerhalb seines Bettes von Mutter oder Vater geweckt zu werden, kann dem Kleinen einen gehörigen Schreck einjagen. Schlafwandelnde können sich in der Regel nicht daran erinnern, aufgestanden zu sein.

Medikamente nur im Ausnahmefall

Verschiedene Medikamente können das Schlafwandeln zwar unterdrücken. Davon, die Störung generell damit zu behandeln, hält Ficker aber wenig. „Medikamente würde ich nicht einsetzen, wenn es nicht unbedingt sein muss“, sagt er. Ausnahmen seien zum Beispiel, wenn das Kind an einem Zeltlager oder einer Ferienfreizeit teilnimmt, wo keine entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden können.

Manchmal haben Eltern oder Kind außerdem Angst vor negativen Reaktionen anderer. Dies ist laut Ficker jedoch kontraproduktiv. „Mein Rat an die Eltern ist, die Situation nicht zu dramatisieren und auch nicht von Arzt zu Arzt zu hetzen auf der Suche nach einer wirksamen Behandlung“, sagt Ficker. Das setze das Kind nur unter Stress. Stress gilt neben Infekten, Fieber und Schlafmangel als Auslöser von Schlafwandeln. „Je weniger Stress die Eltern dem Kind wegen des Schlafwandelns machen, desto weniger schlafwandelt es“, sagt Ficker.

Für eine optimale Beratung und Therapie sollten Eltern deshalb am besten direkt zu einem Schlafmediziner gehen. Dieser wird zunächst versuchen, herauszufinden, ob es sich tatsächlich um Schlafwandeln oder eine andere Schlafstörung handelt. Ist die Diagnose gestellt, wägt der Arzt die nötigen Schritte genau ab und bespricht sie mit den Eltern.




Bildnachweis: Shotshop/Crazy Mother, Fotolia/mmPhoto

Daniela Frank / www.baby-und-familie.de; erstellt am 14.10.2011
Bildnachweis: Shotshop/Crazy Mother, Fotolia/mmPhoto

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