Anmelden | Registrieren
Drucken

Asperger-Autismus: Talentierte Sonderlinge

Asperger gilt als eine Form des Autismus. Die Patienten verfügen oft über spezielle Fähigkeiten. Was steckt hinter dem seltsamen Leiden?


Rätselhafte Persönlichkeiten: Kinder mit Asperger können sich nicht gut in andere einfühlen und tun sich daher in sozialen Situationen oft schwer

Was ist noch normal – und was ist schon krank? Wenn es um die seelische Gesundheit, um das Verhalten eines Kindes geht, ist die Frage besonders für Laien nicht leicht zu beantworten. Aufmerksamkeitsgestört oder lebhaft? Traurig oder depressiv? Und eben auch: in sich gekehrt oder autistisch? „­­Eine genaue Trennlinie lässt sich auch für Experten nicht immer ziehen“, sagt Dr. Ulrich Diehl, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Bergisch Gladbach.

Er jedenfalls verzeichnet „eine Flut von Eltern“, die mit ihren Kindern in die Praxis kommen, weil sie befürchten, ihr Kleines könnte unter dem Asperger-Syndrom leiden. Häufig erscheinen die Kleinen auf Empfehlung des Lehrers oder der Erzieherin. Asperger ist eine Unterform des Autismus, eine „Autismusspektrumsstörung“, wie Forscher sagen. Psychiater fassen sie unter „tiefgreifender Entwicklungsstörung“ zusammen.


Offenbar beschäftigen sich immer mehr Menschen mit dem seltsamen, eher seltenen Leiden. Auch Sigrun Eder, Psychologin an den Salzburger Landeskliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie, berichtet: „In unsere Ambulanzen kommen in den letzten Jahren vermehrt Eltern, weil sie glauben, ihr Kind könne Asperger haben.“ Von einer „Modediagnose“ will der Kinderpsychiater Diehl nicht sprechen. Aber ihm fällt auf: „Bis vor etwa 20 Jahren ging man davon aus, dass von 10 000 Kindern eines an Asperger litt. Heute schätzen Experten wie der dänische Facharzt für Kinderpsychia­trie Ole Sylvester Jorgensen, dass zumindest in Dänemark eines von 200 Kindern davon betroffen ist. Jungen leiden, mehreren Studien zufolge, viermal häufiger an Asperger als Mädchen. Die amerikanische Interessengruppierung „Autism speaks“ spricht sogar davon, dass eins von 110 Kindern eine Autismusspektrumsstörung entwickelt.



Dr. med. Ulrich Diehl ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychatrie in Bergisch-Gladbach

Dramatisch gestiegene Fallzahlen: Was hat sie so in die Höhe getrieben? Mehrere Faktoren kommen zusammen. „Inzwischen gibt es deutlich verfeinerte Diagnosekataloge für Erkrankungen, beispielsweise von der Weltgesundheitsorganisation“, erklärt  Diehl.­­­ Sie führen dazu, dass Kinder heute genauer untersucht werden können. Das hat auch Vorteile: „Je früher wir die Krankheit erkennen, desto besser können wir sie behandeln“, sagt der Arzt. Ein weiterer Faktor: „Eltern sind heute wesentlich hellhöriger geworden, wenn sich die Beziehung zu ihrem Kind schwierig gestaltet“, sagt Eder. „Und jeder kann im Internet alle möglichen Erkrankungen nachlesen.“



Sigrun Eder ist Psychologin an den Salzburger Landeskliniken für Kinder- und Jugendpsychatrie

Asperger ist ein facettenreiches Syndrom. „Manche Kinder sind ein Mys­­terium“, sagt Kinderpsychologin Eder. „Und vieles bei Asperger bewegt sich im Graubereich.“ Die Betroffenen wirken seltsam, tun sich in sozialen­ Situationen schwer, können sich nicht in andere einfühlen oder ­ihre Gesichtsausdrücke interpretieren. Oftmals sind die kleinen Patienten auffällig ungeschickt. ­Ihre Sprachentwicklung verläuft zunächst normal. Größere Kinder und Erwachsene fallen dann aber durch ihre kons­truierte, überkorrekte, gelegentlich künstliche Wortwahl auf. Die Sprachmelodie ist meist monoton, die Stimme zu tief oder zu hoch.

Viele Betroffene haben merk­würdige­­ Vorlieben, für die sie sich unglaubliche Kenntnisse aneignen. Sie wissen alles über Mozart-Opern oder die Mondlandung – oder horten­ Informationen über Dinosaurier. Asperger ist zwar mit dem Autismus verwandt, aber während kindliche Autisten häufig unterdurchschnittlich intelligent sind, verfügen Asperger-Kinder meist über eine normale bis überdurchschnittliche Intelligenz.

Das Leiden zu diagnostizieren gestaltet sich schwierig. „Bei Kindern mit Asperger kann man erst nach dem vierten bis sechsten Lebensjahr klare Anzeichen erkennen“, sagt Diehl. Mehrere Stunden dauert es, bis eine Diagnose steht: Gespräche mit den Eltern und dem Kind stehen an, eine genaue körperliche Untersuchung und Tests führt der Arzt durch. Sigrun Eder lässt die Kleinen im Rahmen der Untersuchung beispielsweise „nachmachen, wie man die Zähne putzt“. Die Zähne mit der Bürste schrubben: Das können die kleinen Autisten. Aber so tun, als ob, quasi als Spiel ohne ­Zahnbürs­te, das funktioniert nicht. Genauso wenig wie ein spontanes Rollenspiel mit Spielfiguren. Dazu fehlt ihnen die Fähigkeit nachzuahmen und zu imaginieren. „Fantasievoll sind sie trotzdem, nur anders“, erklärt Eder.

Oft fällt schon in der Kita­ auf, dass das Kind anders ist: Es zieht sich zurück, es reagiert heftig auf Veränderungen. „Meist erleben Erwachsene aber solche Kinder nicht als psychisch gestört, sondern als Mensch mit einer besonderen Persönlichkeit“, so Diehl. Dazu kommt: Andere psychische Leiden haben auf den ersten, oberflächlichen Blick ähnliche Symptome, etwa frühkindliche Bindungsstörungen oder eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung.

Asperger gibt es zudem in verschiedenen Ausprägungen – von etwas seltsam bis schwer gestört. Ab wann gilt ein Kind also als behandlungsbedürftig? Für Diehl gibt es ein alles entscheidendes Kriterium: „Wenn sein Verhalten die Durchführung eines normalen Alltags stört, dann muss man etwas unternehmen.“ Er rät Eltern und Pädagogen jedenfalls, Kinder nicht vorschnell in eine Schublade zu stecken. „Vieles an Verhalten, was Erwachsene früher als ,vielleicht seltsam, aber noch normal‘ akzeptiert haben, gilt heute schon als behandlungsbedürftig“, sagt er. Er warnt: „Wir können diagnostische Mittel immer weiter verfeinern. Aber wer lange genug untersucht, findet am Schluss zwangsläufig irgendein Leiden.“

Ist die Störung diagnostiziert, kann man einem Teil der Patienten gut helfen. Dazu gehören spezielle Elternschulungen sowie Kompetenztrainings für die Kinder, die in Rollenspielen lernen, wie sie sich im sozialen Umfeld verhalten: „etwa Blickkontakt aufnehmen oder angemessen in Kontakt treten“, erklärt Diehl. Körperliche Symptome kann ein Ergotherapeut behandeln. „Viele der Kinder können normal zur Schule gehen“, so Diehl. „Einige kommen sogar im Gymnasium mit.“ Allerdings gibt es häufig Ärger mit den Klassenkameraden. „Asperger-Kinder sind ideale Mobbing­opfer, weil sie sich nicht auf andere Menschen einlassen und auf Verletzungen nicht angemessen reagieren können“, erklärt Diehl. Mit häufig fatalen Folgen: „Die Kinder wissen, dass sie anders sind. Sie fühlen sich oft sehr einsam, und viele leiden an Depressionen.“ Asperger gilt als chronische Störung, die die Betroffenen ihr Leben lang begleitet.

Die positive Nachricht: Viele Kinder haben gute Chancen, später ein eigen­­ständiges, „normales“ Leben zu führen. So wie etwa die Mitarbeiter einer ­­Schweizer Informatik-Firma. Sie sind akribischer als andere ihres Fachs, ihre Fehlerquote beim Arbeiten geht gegen null – und das schätzen die Kunden, die mit dem Unternehmen zusammenarbeiten. Dass die Mitarbeiter nicht besonders erpicht auf Kontakt und manchmal etwas schweigsam sind, stört keinen. „Asperger-Persönlichkeiten“, sagt Eder, „können unglaublich faszinierend sein.“

Suche nach den Ursachen

Woran liegt es, wenn ein Kind an Asperger oder ­einer anderen Form einer Autismusspektrumsstörung erkrankt? In der Forschung werden mehrere Ursachen diskutiert. So zeigte eine Studie an 664 ­Kindern in den USA und Kanada unlängst: Kinder, die ­bereits ein Geschwister mit einer Autismusspektrumsstörung haben, haben ein deutlich erhöhtes ­Risiko, ebenfalls eine solche Erkrankung zu entwickeln. „Die bisherigen Forschungsergebnisse sprechen über­wiegend für eine Beteiligung genetischer Faktoren, für Hirnschädigungen oder für Hirnfunktionsstörungen“, erklärt Professor Volker Faust von der Arbeitsgemeinschaft Psychosoziale Gesundheit aus Ravensburg.­ Bis in die 1960er-Jahre galt noch die These: Autismus entstehe aufgrund der emotionalen Kälte der Mutter.­ „Das ist inzwischen klar widerlegt“, so Faust.



Anne-Bärbel Köhle / Baby und Familie; 15.12.2011
Bildnachweis: W&B/Privat, W&B/Privat, Thinkstock/Stockbyte

Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren  »

Braucht(e) Ihr Kind einen Schnuller?

Memo-Spiele

Unsere Kartenaufdeck-Spiele, das ähnlich wie das klassische Memory® funktioniert »

Auf www.apotheken-umschau.de

Medikamentencheck

Nebenwirkungen und Wechselwirkungen von Arzneien überprüfen »

© Wort & Bild Verlag GmbH & Co KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages

Apotheken Umschau mit den Themen Krankheiten von A-Z, Symptome, Medikamentencheck, Laborwerte, Heilpflanzen, Hausapotheke, Abnehmen, Gesundheitsvideos, Arzt- Apothekensuche, Gehirn-Jogging und Sport
Senioren Ratgeber mit Informationen rund um Krankheiten, Medikamente, gesund alt werden, altersgerechtes Wohnen, Pflege und Finanzen
Diabetes Ratgeber mit den Schwerpunkten Diabetes Typ 1 und Diabetes Typ 2: Symptome, Behandlung und Ernährung bei Zuckerkrankheit