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Baby-Blues oder Wochenbettdepression?

Von leichter Traurigkeit bis hin zur Depression: einige Tage nach der Geburt kann es bei Müttern zu extremen emotionalen Schwankungen kommen. Wann es ein Baby-Blues ist und wann eine Wochenbettdepressionen dahinter steckt

Mutter mit Baby

Traurigkeit neben Glücksmomenten: Nach der Geburt leiden viele Frauen unter dem Baby-Blues

Neun Monate unbändige Vorfreude auf das Baby, gefolgt von stundenlangen Strapazen der Wehen und endlich das Wunder der Geburt. Und dann? Sollte nicht eigentlich Euphorie und ein unbeschreibliches Glücksgefühl einsetzen? Stattdessen: heulendes Elend und nagende Schuld- oder Versagensängste.

Grundsätzlich gilt es zwischen den verschiedenen Krankheitsbildern, die nach der Geburt (postpartal) auftreten können, zu unterscheiden. Das postpartale Stimmungstief, der so genannte Baby-Blues, ist ein häufig auftretender Gemütszustand, der beinahe 80 Prozent aller frisch gebackenen Mütter ereilt. "Der Baby-Blues hat eine natürliche Erklärung," verdeutlicht Dorle Heilbock, Hebamme aus Weilheim. "Er tritt fast bei jeder Frau auf, die stillt, da es eine Folge der ausgeprägten hormonellen Umstellung nach der Geburt ist."


Der Hormonspiegel, vor allem Östrogen und Progesteron, sinkt nach der Geburt plötzlich. Gleichzeitig produziert der Körper der Frau nach der Niederkunft das Hormon Prolaktin, das für die Milchbildung verantwortlich ist. Der hormonelle Wechsel, der auch noch weitere Hormone betrifft, kann zu starken Stimmungsschwankungen führen. Weitere Symptome können Müdigkeit, Erschöpfung, aber auch Traurigkeit und eine erhöhte Empfindsamkeit sein. "Dieser Zustand kann in etwa sieben Tage andauern, hört aber meistens dann wieder auf, wenn die Wöchnerinnen die Klinik verlassen und in ihre gewohnte Umgebung zurück kommen", so Heilbock.

Die Wochenbettdepression oder peripartale Depression tritt in den ersten zwei Jahren nach der Geburt auf, kann sich aber schon in den ersten Wochen nach der Entbindung bemerkbar machen. In Deutschland sind jährlich etwa zehn bis 20 Prozent aller Mütter betroffen. Die Dunkelziffer dürfte bedeutend höher sein. Denn welche Frau gesteht sich schon gerne ein, dass sie statt dem ersehnten Mutterglück nur Frustration und Überforderung fühlt?

Die Symptome einer Wochenbettdepression können sich auf unterschiedlichste Art und Weise äußern. Diplom-Pädagoge Remigiusz Gadomska, kommissarischer Geschäftsführer der Familienschule Fulda, die einen eigenen Wochenbett-Krisendienst eingerichtet hat, erklärt diese wie folgt: "Die Depressionen äußern sich meist in einer heillosen Überforderung. Gefühle von Traurigkeit, Empfindsamkeit, Reizbarkeit, aber auch Erschöpfung und Ruhelosigkeit sind häufige Anzeichen." Viele Frauen reagieren nach der Geburt auch extrem ängstlich oder mit Konzentrationsstörungen. Die Frauen fühlen sich isoliert, unverstanden und nicht fähig, mit dem Neugeborenen umzugehen. Die zwiespältigen Gefühle, die man seinem Kind gegenüber hegt, führen zu Schuldgefühlen, Versagensängsten, Niedergeschlagenheit, im schlimmsten Falle sogar zu Suizidgedanken.

"In unserer Gesellschaft ist es immer noch üblich, dass die Frau nach der Geburt glücklich zu sein hat. Das ist so ein starker Druck, der auf den Frauen lastet, dass sie diesen depressiven Zustand nach der Geburt zu verbergen versuchen," so Gadomska. "Dabei ist es ganz wichtig, dass sich die Mütter in diesem belastenden Zustand einen oder mehrere Gesprächspartner suchen. Die Strategie, die Depression zu unterdrücken und zu verstecken, macht meistens alles nur noch schlimmer."

Wichtig ist außerdem, dass sich die Mutter unbedingt Unterstützung bei Freunden und Familie, aber auch professionelle Hilfe bei Selbsthilfegruppen oder Ärzten holt. "In fast jeder Stadt gibt es inzwischen entsprechende Einrichtungen und ein gut funktionierendes Netzwerk. Auch Hebammen kennen sich mit diesem Thema sehr gut aus", weiß Gadomska. Oft helfen bei diesen Depressionen allerdings keine beruhigenden Worte mehr. Schwere Wochenbettdepressionen oder gar Psychosen müssen professionell, medikamentös und mitunter auch in einer Klinik behandelt werden.

Die Ursachen für diese Krankheitsbilder können ganz unterschiedlich sein. Neben den bereits erwähnten hormonellen Ursachen spielen auch seelische, körperliche und soziale Faktoren eine Rolle. In der Vergangenheit liegende Schwangerschaftskomplikationen oder traumatische Erlebnisse können genauso zu dieser Reaktionsform führen wie Veranlagung oder mangelnde Unterstützung durch den Partner. Meistens sind es mehrere Umstände, die eine Mutter in diese seelische Ausnahmesituation schlittern lassen. Entscheidend für die Wöchnerinnen sei die Erkenntnis, so Gadomska, "dass sie mit diesen Problemen nicht alleine stehen und dass es ganz normal ist, wenn man erst in die Rolle der Mutterschaft hineinwachsen muss. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass man nur pures Glück nach einer Geburt empfindet."

Entscheidend ist aus diesem Grund eine sinnvolle Aufklärungsarbeit vor der Geburt und gegebenenfalls auch gezielte Präventionsarbeit bei vorbelasteten Frauen. Natürlich will man schwangeren Frauen keine Angst machen, in dem man sie mit den möglichen dramatischen Stimmungslagen nach der Geburt konfrontiert. Auch Gadomska weiß: "Das ist wahrlich nichts, mit dem man in einem Geburtsvorbereitungskurs Werbung für die zukünftige Mutterschaft machen kann. Aber inzwischen gibt es wirklich immer mehr Einrichtungen, Hebammen und Gynäkologen, die bereits im Vorfeld tolle Präventionsarbeit leisten." Wenn Frauen bereits während der Schwangerschaft mit depressiven Zügen auffallen oder bei einer früheren Geburt schon unter einer Wochenbettdepression litten, gilt eine besonders intensive Unterstützung nach der Entbindung: viel Schlaf, wenig Besuch, verstärkte Betreuung des Babys durch Klinikpersonal oder den Partner.

Als wirkungsvolles Vorbeugeinstrument hat sich die Edinburgh-Postnatal-Depression-Scale (EPDS) von Cox bewährt. Dieser Fragebogen hilft bereits im Vorfeld zu klären, ob Frauen nach der Geburt zu peripartalen Depressionen neigen. Eine intensive Betreuung vor und nach der Geburt durch den Gynäkologen ist dabei Voraussetzung. Eine gezielte Prävention wird wahrscheinlich die Depression nicht verhindern, aber sie schafft die besten Voraussetzungen, dass diese auch schnell wieder verschwindet.



Sandra Schmid / www.baby-und-familie.de; 25.02.2011
Bildnachweis: PhotoDisc/ RYF

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