Was hilft bei schwerem Liebeskummer?

Liebeskummer kann krank machen, sagen Forscher. Die möglichen Symptome reichen von Schlaflosigkeit bis zu Magenschmerzen. Was hilft, wenn der Trennungsschmerz übergroß wird?

von Julia Schulters, aktualisiert am 29.01.2015

Ein Wochenende auf dem Sofa reicht oft nicht: Liebeskummer kann krank machen

Jupiter Images GmbH/Goodshot

Die Flugzeuge im Bauch waren gelandet. Bei Christiane Wolf* hatten sie nicht sanft aufgesetzt, sondern krachten mit voller Wucht auf den Boden. Die Gefühle waren irgendwo abgestürzt, ohne Vorwarnung, ganz plötzlich. Und sie hinterließen ein Trümmerfeld. "Dieser Liebeskummer", sagt sie, "das war das Schlimmste, was mir je in meinem Leben passiert ist." Als ihr Mann sie und ihre damals dreijährige Tochter verließ, fühlte sich Christiane Wolf vor allem hilflos.

Sie schlief kaum noch, aß fast nichts mehr und machte sich ständig Vorwürfe: "Ich habe mich immer wieder gefragt, was ich falsch gemacht habe", erzählt die Hamburger Schauspielerin. Antworten fand sie keine. Stattdessen nagte die Sehnsucht nach ihrem Mann an ihrer Seele, und ihr Körper rebellierte gegen den Schlafentzug und das Hungern: Sie bekam Magenkrämpfe, ihre Haut war von einem Ausschlag übersät, und ihr Rücken schmerzte bei jeder Bewegung. Ihr Traurigsein war außer Kontrolle geraten, kein Vergleich zu jedem Trennungsschmerz, den sie bis dahin erlebt hatte.


Prof. Dr. med Harald Gündel ist Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Ulm

W&B/Privat

Trennungsschmerz kann krank machen

Liebeskummer – es hört sich so harmlos an. Herzschmerz fühlen. Liebeskrank sein. Das klingt immer ein bisschen nach Teenie-Roman oder Sonntag­abend-Schmonzette im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, aber nicht nach einem ernsten Leiden. Doch Forscher haben längst herausgefunden, wie sehr Liebeskummer und Trennungsschmerz unser körperliches Befinden beeinflussen. "Intensive Gefühle wie Sehnsucht und Liebe können die Regelkreise unseres Körpers ganz schön durcheinanderbringen", sagt Professor Dr. med. Harald Gündel, Direktor der Klinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Ulm. "Untersuchungen haben gezeigt, dass bei Menschen mit Liebeskummer ähnliche Hirnareale aktiviert sind wie bei Drogenabhängigen."

Trotzdem reagieren nicht alle Liebeskummer-Geplagten gleich. "Jeder Mensch hat Schwachstellen, individuelle Ventile, über die der Seelenstress sich zeigt", erklärt Gündel. Das können bei dem einen Magenschmerzen sein, beim anderen Durchfall oder Schlaflosigkeit. Christiane Wolf fühlte sich irgendwann so schlecht, dass sie daran zweifelte, je wieder glücklich zu werden. "Ich hatte das Gefühl, nicht mehr Herr meiner selbst zu sein", erzählt sie.


Daniela van Santen ist Coach und betreibt eine Liebeskummer-Praxis in Hamburg

W&B/Privat

Bei Beschwerden Hilfe holen

Noch Wochen nach der Trennung schrieb sie ihrem Mann nächtelang E-Mails und SMS. Eine Antwort bekam sie nie. "Ich hasste mich hinterher dafür, tat es aber am nächsten Tag wieder", erzählt sie. Auch ihre Freunde zogen sich zurück. Sie wollte ihre Ratschläge nicht annehmen, und auf Sprüche wie "Jetzt reiß dich doch mal zusammen" oder "langsam muss es aber doch mal besser werden" reagierte Christiane Wolf empfindlich und wütend. Und dann war da noch das schlechte Gewissen gegenüber ihrer kleinen Tochter. Auch wenn sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen: "Die Angst, auch noch als Mutter zu versagen, war riesengroß", erzählt sie.

Hilfe fand Christiane Wolf in der Coaching-Praxis von Daniela van Santen. Die Hamburger Beraterin hat sich darauf spezialisiert, gebrochene Herzen zu kitten. Sogenannte Liebeskummerpraxen und Herzschmerz-Ambulanzen gibt es mittlerweile in fast jeder großen deutschen Stadt. Die Internetplattform Sextra von pro familia bietet bei Gefühlschaos sogar Beratung via Internet an. Kostenlos und anonym.

Mütter haben es besonders schwer

Daniela van Santens Konzept heißt: Systemisches Coaching. Es geht darum, zuzuhören, für klare Gedanken zu sorgen, Perspektiven zu suchen und das Selbstbewusstsein wieder aufzupäppeln. Eine Stunde Beratung kostet 100 Euro, Notfalltelefonate nachts und am Wochenende inklusive. Beim dreistündigen Erstgespräch gibt’s Rabatt.

"Wer in meine Praxis kommt, hat meist sehr schweren Liebeskummer", sagt Daniela van Santen. Dahinter stecken Geschichten vom Verlassen- und Betrogenwerden. Und meist ist die große Liebe der Auslöser. Das tut besonders weh. "Je intensiver und einzigartiger jemand die Gefühle in einer Beziehung empfunden hat, desto mehr schmerzt es, wenn die Liebe in die Brüche geht", erklärt sie. Bei Frauen dauere der Trennungsschmerz oft viel länger als bei Männern. "Sie suchen die Schuld bei sich und kommen aus der Gedankenspirale nicht mehr heraus." Besonders schwer haben es Mütter. Sie funktionieren nur noch und wollen sich den Kindern zuliebe zusammenreißen. Dazu kommt, dass sie dem Ex-Partner nicht aus dem Weg gehen können, weil sie sich meist weiterhin gemeinsam um den Nachwuchs kümmern. "Manchmal kommt dann der Zusammenbruch", sagt van Santen.

Reden hilft beim Verarbeiten

Christiane Wolf erlebte ihn während der Arbeit. Die Schauspielerin sah ihren Ex-Mann mit seiner neuen Freundin in der Theaterpause. "Ich schrie, weinte, lag auf dem Boden und kam einfach nicht mehr hoch", erzählt sie. Ein Telefongespräch mit der Beraterin brachte sie schließlich dazu, zurück auf die Bühne zu gehen.

"Reden, zeitlich dosiert, ist ein sehr wichtiger Bestandteil bei der Verarbeitung von Kummer", sagt Gündel. Ob die Freundin oder ein professio­­neller Coach der bessere Ansprechpartner ist, müsse jeder selbst herausfinden. Gefährlich wird es, wenn sich aus dem Liebeskummer eine echte Depression entwickelt und starke körperliche Beschwerden oder gar lebensverneinende Gedanken dazukommen. "Dann ist der Gang zum Arzt oder Psychologen sicherlich der einzig richtige Weg", sagt Experte Gündel.

Zeit heilt die Wunden

Auch wenn Gespräche Erleichterung bringen: Den Liebeskummer im Freundeskreis pausenlos zu thematisieren hält Daniela van Santen für wenig zielführend. Sich stattdessen nur noch abzulenken und die Traurigkeit zu verdrängen sei aber ebenso wenig eine Lösung. "Die richtige Balance zu finden ist für manche schwer", sagt die Beraterin. Traurig zu sein gehöre genauso dazu wie Wut zu haben auf den Ex-Partner. Hat man die verschiedenen Phasen des Liebeskummers durchlebt, stehen die Chancen gut, auch wieder glücklich zu werden. So wie Christiane Wolf. Heute geht es ihr wieder gut. Drei Jahre nach ihrer Trennung hat sie ihre neue Liebe geheiratet.

 

*Name von der Redaktion geändert



Bildnachweis: Jupiter Images GmbH/Goodshot, W&B/Privat
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