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Serie Teil 3:
Bei sexuellen Konflikten miteinander sprechen

Was tun, wenn nach der Geburt eines Babys unter der Bettdecke Flaute herrscht? Psychiater Hans-Joachim Maaz rät jetzt zum Nachdenken und gemeinsamen Reden


Zweisamkeit stärken: Probleme überwinden schafft Nähe

Wenn ein Baby kommt, nutzen Paare ihr Bett oft nur noch für eins: zum Schlafen. Völlig normal, findet der Psychiater, Psychoanalytiker und Autor Dr. Hans-Joachim Maaz („Die neue Lustschule“, Verlag C. H. Beck). Aber auch ein Grund, darüber nachzudenken, wie die Lust wieder zurückkehren könnte.


An fehlender Zeit allein liegt es in den meisten Fällen nicht, wenn junge Eltern keine Lust mehr auf Sex haben. Was steckt dann dahinter?
Mit einem Baby treten plötzlich wieder uralte, seelische Verletzungen und Befürfnisse zu Tage. Und die werden in dieser Situation auf den Partner übertragen. Viele Männer haben beispielsweise Bedürfnisse nach Mütterlichkeit, die ihre Partnerin auch erfüllt – bis das Baby kommt. Männer reagieren dann gekränkt, sind eifersüchtig, wenn sich die Mütterlichkeit jetzt ausschließlich auf das Kleine konzentriert. Gleichzeitig vergessen junge Mütter vor lauter Baby oft, dass sie Frauen mit erotischen Bedürfnissen sein dürfen. Über solche Mechanismen müssen Paare sprechen.


Klingt nach angestrengtem Nachdenken – und das soll mit spontanem Sex zusammengehen?

Darüber nachdenken und reden muss man ja erst, wenn es ein Problem gibt. Aber dann ist es einfach wichtig, sich darüber Gedanken zu machen, warum man keine Lust hat. Ist man nur zu müde? Oder hat man vielleicht Angst vor einem Versagen oder das Bedürfnis, den anderen zu bestrafen? Vielleicht ist man gerade enttäuscht, fühlt sich bedrängt und so weiter. Genauso hilfreich ist es, sich darüber klar zu werden, warum man Sex haben möchte – auch wenn der andere vielleicht nicht will. Am besten formuliert man solche Gedanken nach dem Ich-weil-Prinzip. Also: „Ich will Sex haben, weil ich mich entspannen will, Zärtlichkeit suche, mir nicht sicher bin, ob du mich noch liebst ...“ Das kann man erst mal für sich überlegen und dann dem Partner mitteilen.

 

Wieso ist es wichtig, die inneren Triebfedern so genau zu kennen?

Die sexuellen Bedürfnisse von zwei Menschen unterscheiden sich hinsichtlich Motivation, Häufigkeit, Art und Weise des Vollzugs. Diese völlig normale Verschiedenheit lädt aber nachgerade dazu ein, alle möglichen inneren Spannungen und Unzufriedenheiten daran festzumachen. In solchen Diskussionen sind zweifellos beide im Recht, schließlich gibt es keine Norm, auf die man pochen kann. Sex bietet dann den Vorwand für das Austragen tiefer Konflikte, gerade weil er nah und intim ist. Das ist aber den meisten Menschen nicht bewusst.

 

Was passiert in solchen Momenten?

Dann wird Sexualität auf Kosten der Lust und des gemeinsamen Spaßes dazu missbraucht, seelische Probleme auszutragen. Tiefenpsychologisch gesprochen: Weil man Opfer frühkindlicher Verletzungen gewesen ist, verdirbt man sich auch als Erwachsener noch den Lebensgenuss und wird zum Täter gegen sich selbst und seinen Liebs ten. Dagegen gibt es nur die Möglichkeit, selbst die Verantwortung für die Verbesserung der Lage zu übernehmen, sich über seine eigenen Motive bewusst zu werden, aber auch nachzufragen: Wie geht es eigentlich meinem Partner?

 

Was raten Sie jungen Paaren konkret?

Zu verstehen, dass sexuelle Lust ein komplexes Geschehen ist. Es besteht aus körperlicher Lust und der Lust an Beziehung. Je nachdem, wo die Probleme liegen, kann man dann Hinweise geben. Will ein Paar die körperliche Lust verbessern, helfen zum Beispiel Tiefenatmung, Stöhnen, Muskelentspannung. Für die Beziehung ist wichtig: Man sollte zum Beispiel keine stillen Erwartungen an den Partner richten, sondern die eigenen Bedürfnisse kommunizieren. Spätestens wenn sexuelle Konflikte entstehen, sollten Paare sich Zeit nehmen, über alles miteinander zu sprechen, eventuell auch mit Hilfe eines Psychotherapeuten.

 

Mit Verlaub: Wird Sex nicht manchmal schlichtweg etwas überbewertet?

Absolut nicht. Er bietet uns die Gelegenheit, Nähe zu schaffen und alte seelische Verwundungen zu überwinden. Guter Sex ist eine gemeinsame, unter Umständen auch eine lebenslange Entwicklungsaufgabe. Und: Er bietet eine hervorragende Möglichkeit, sich zu entspannen.



Anne-Bärbel Köhle / Baby und Familie; 19.02.2010, aktualisiert am 25.06.2010
Bildnachweis: Fotolia/Momentimages/2010

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