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Gibt es die große Liebe?

Kurze Antwort: Ja und nein. Experten sind da unterschiedlicher Meinung. Sie wissen aber auch: Ohne starke Gefühle haben Beziehungen keine Chance


Die lebenslange Liebe, wer träumt nicht davon?

Rein rechnerisch betrachtet ist sie schon mal das reinste Märchen. Die eine einzige große Liebe unseres Lebens, der Mensch, der perfekt zu uns passt und den wir nie verlassen: „So etwas gab es noch nie“, sagt der Hamburger Paartherapeut und Autor Michael Mary.

„Lässt man nur die eine große Liebe gelten, und zählt man die Untreuen, die in Trennung Lebenden, die Geschiedenen, die Singles, die Wiederverheirateten und andere an der Liebe Gescheiterten zusammen, so muss man 90 Prozent der Bevölkerung die Erfahrung jener sagenumwobenen wahren Liebe absprechen.“ Na toll!


Warum also träumt dann immer noch ein Heer an Verliebten vom nie endenden, exklusiven Glück zu zweit? Vier von fünf jungen Menschen glauben Umfragen zufolge an die große Liebe. Und das, obwohl sich die Scheidungsrate in den vergangenen 30 Jahren nahezu verdoppelt hat.

Sie glauben daran, weil es das Phänomen vielleicht doch gibt, aber unter Umständen mehr als einmal. Weil wir vielleicht denjenigen oder diejenige treffen könnten, der oder die doch perfekt zu uns passt. „Bei der großen Liebe entsteht sehr schnell ein starkes Band der Vertrautheit. Man kennt sich erst seit drei Wochen, aber es kommt einem vor, als wären es schon mehrere Jahre“, sagt der Psychologe Professor Wolfgang Hantel-Quitmann von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg – selbst seit mehr als 30 Jahren verheiratet. Dieses Gefühl erinnere an schöne Zeiten in vorhergegangenen Beziehungen und sei eine gute Basis für eine glückliche Partnerschaft. Allerdings nur zunächst.

Einig sind sich alle Experten nämlich in einem Punkt: Die totale Fusion der Herzen passiert nur, wenn wir uns verlieben. Und sie hält auf gar keinen Fall lebenslang an. Untersuchungen zufolge währt der emotionale Höhenflug 18 Monate bis maximal drei Jahre. Und das hat solide Überlebensgründe, zeigen Messungen der Gehirnaktivitäten von Verliebten.

Die Glückshormone schießen über, in unserem Gehirn laufen biochemische Prozesse ab, die man sonst eher bei Schizophrenen findet. Das hält auf Dauer dem Alltag nicht stand. „Die romantische Vorstellung von Liebe führt die Partner früher oder später ins Drama, denn sie erhebt zwar die intensivsten, aber auch gerade die vergänglichsten Empfindungen zur Grundlage der Beziehung“, sagt der Schweizer Paartherapeut und Autor Professor Jürg Willi. Wie also kann man das Glücksgefühl in den schnöden Alltag hinüberretten? Wie bleibt uns der Glaube an die große Liebe, wenn der erste Rausch verklungen ist?

Rezept eins:
„Erinnern Sie sich immer mal wieder gemeinsam daran, wie die Liebe begann“, rät die Autorin und Psychologin Ursula Nuber aus Weinheim. Die Verliebtheit mag enden. Aber ein gemeinsames Schwelgen in den früheren großen Gefühlen, die feste Überzeugung, den Richtigen gefunden zu haben, ist ein wichtiger Stabilisator einer Lebensgemeinschaft. Denn das führt dazu, dass man sich mit der Beziehung auch dann identifiziert, wenn es einmal kriselt und der andere gerade alles andere als perfekt wirkt.

Rezept zwei:
Sorgen Sie für Aufregung. Herzklopfen, Adrenalin, das den gesamten Organismus durchflutet: Dieses Gefühl sollte man sich auch in längeren Beziehungen immer mal wieder zurückholen, rät der US-Psychologe Arthur Aron. Der Forscher teilte Ehepaare, die im Schnitt länger als 14 Jahre verheiratet waren, in zwei Gruppen ein: Der einen verschrieb er jede Woche eineinhalb Stunden einer aufregenden gemeinsamen Tätigkeit: Ski fahren, zum Tanzen gehen, ein neues Hobby ausprobieren, ein Konzert besuchen.

Die andere Gruppe musste sich mit Aktivitäten begnügen, die sie zwar als angenehm, aber nicht als sonderlich aufregend empfand: Freunde besuchen und gemeinsam kochen etwa. Zehn Wochen später befragte der Forscher die Paare nach ihrem Beziehungsglück. Die erste Gruppe war mit ihrer Partnerschaft viel zufriedener als zuvor. Bei der anderen Gruppe hatte sich emotional nichts verändert. Liebe ist, glaubt der Forscher, wenn man sich immer wieder auf die Suche nach dem Kick macht – gemeinsam.

Rezept drei:
Glauben Sie an die Beziehung – aber richtig. Die Münchner Psychologen Professor Klaus Schneewind und Dr. Eva Wunderer haben in einer Studie mit mehr als 600 verheirateten Paaren festgestellt: Die Vorstellung, die zwei Menschen von der Beziehung haben, entscheidet in hohem Maß über die Dauer der Partnerschaft.

Gibt es nämlich Ärger, dann halten jene besser durch, die der festen Überzeugung sind, dass sich zwei Menschen erst zusammenraufen müssen. Wer annimmt, dass die Liebe über die erste Verliebtheit hinaus wachsen kann, dass sie sich im Lauf der Beziehung verändert und entwickelt, ist deutlich glücklicher als jemand, der Liebe für eine Fügung hält.



Anne-Bärbel Köhle, Baby und Familie; 14.02.2011
Bildnachweis: PhotoDisc/RYF

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