Wer in Indien abstehende Ohren hat, freut sich. Denn Segelohren sind dort ein Zeichen für hohe Intelligenz. Hierzulande machen sie Betroffenen dagegen oft das Leben schwer. Kinder bekommen Spitznamen wie Dumbo, Segelflieger oder Elefantino. Und selbst mancher Erwachsene verspottet die Kleinen, fragt, ob sie mit Prinz Charles verwandt sind oder besonders gut hören. Natürlich können sie nicht besser hören als andere – aber auch nicht schlechter. Aus medizinischer Sicht haben Segelohren keinerlei Nachteile.
„Abstehende Ohren sind keine Krankheit“, sagt Kinderchirurg Dr. Henning Giest vom St. Joseph Krankenhaus in Berlin. „Für Kinder, die mit ihren besonderen Ohren leben können, gibt es keinen Grund für einen Eingriff“, bekräftigt auch Professor Ralf Siegert, Hals-Nasen-Ohren-Arzt am Prosper-Hospital in Recklinghausen. „Und sollten sie als Jugendliche oder Erwachsene doch noch unglücklich werden: Für eine Operation ist es nie zu spät.“
„Hänseleien und neugierige Blicke können psychisch sehr belasten“, begründet Siegert. „Krankenkassen übernehmen die Kosten für den Eingriff bei stark veränderten oder fehlgebildeten Ohrmuscheln.“ Für Privatversicherte gibt es allerdings keine einheitliche Regelung. Eltern sollten sich am besten schon vor der Operation erkundigen.
Etwa fünf Prozent der Kinder kommen mit abstehenden Ohren zur Welt, bei einem Teil der Kleinen ist nur ein Ohr betroffen. Genau wie Gesichtszüge, Mund oder Nase werden auch Ohrrelief und -form vererbt. „Spielart der Natur“, nennt das Hals-Nasen-Ohren-Arzt Siegert. „Meist ist der innere Knick, die Antihelixfalte, zu flach oder gar nicht ausgebildet“, erklärt Kinderchirurg Giest. „Das Ohr knickt nicht wie üblich in Richtung Kopf ab.“ Manchmal ist auch die Ohrhöhle zu groß und hält das Ohr vom Kopf fern, oder das Ohrläppchen steht ab.
Doch welche Ohrform ist noch normal, und wann empfindet man ein Ohr als abstehend? „Um das herauszufinden, haben wir in einer Studie mehr als tausend Ohren mit dem Computer vermessen“, erzählt Siegert. „Ist die äußere Kante des Ohres mehr als 2,8 Zentimeter vom Kopf entfernt, spricht man heute von Fehlbildung.“
Ein idealer Zeitpunkt für die Operation ist das Vorschulalter – aus medizinischer wie aus psychologischer Sicht: „Ab dem sechsten Lebensjahr wachsen Ohren kaum noch, der Knorpel ist aber noch weich und lässt sich gut verformen“, erklärt Chefarzt Giest. Viele Eltern wollen ihrem Nachwuchs auch Hänseleien in der Schule ersparen – und lassen ihn deshalb vor der Einschulung operieren.
Die OP wird von Ärzten verschiedenster Fachrichtungen durchgeführt: von Kinderchirurgen, Hals-Nasen-Ohren-Ärzten, plastischen Chirurgen und Mund-Kiefer-Gesichts-Chirurgen. „Wichtig ist, dass der Operateur viel Routine hat“, sagt Experte Siegert. Eltern sollten deshalb nachfragen, ob der Arzt häufig abstehende Ohren anlegt.
Ist der Operateur gefunden, empfiehlt es sich, genau mit ihm durchzusprechen, wie man sich die Ohren nach dem Eingriff wünscht. Denn das ästhetische Empfinden von Arzt und Betroffenem kann verschieden sein. Die Operationsmethode hängt von der Form des Ohres ab. Ist die Antihelixfalte nicht richtig ausgebildet, bearbeiten die Ärzte das Ohr so, dass ein Knick entsteht.
„Wenn man in den Knorpel ritzt oder schneidet, verbiegt er sich. Mit Fäden justieren wir dann ganz genau“, beschreibt Siegert. Die meisten Chirurgen öffnen das Ohr dafür von hinten. Entstehen Narben, sind sie so nicht gleich sichtbar. „In vielen Fällen kann das Ohr auch nur durch unter die Haut versenkte Nähte in die gewünschte Form gebracht werden“, ergänzt Giest.
Ist die Ohrhöhle zu groß, entfernen die Ärzte oft etwas Bindegewebe dahinter. So rutscht die Ohrmulde näher an den Kopf heran. Und spezielle Matratzennähte bringen abstehende Ohrläppchen in die richtige Position.
Der Eingriff dauert pro Ohr etwa eine Stunde und wird bei Kindern unter Vollnarkose gemacht. Ein paar Stunden später dürfen sie wieder nach Hause. Komplikationen treten nur selten auf, bestätigen beide Experten. „Aber es kann zu Nachblutungen oder Wundheilungsstörungen kommen“, erklärt Siegert. „Ist das Ergebnis nicht zufriedenstellend, gibt es manchmal Nachoperationen.“ Patienten, die zu Narbenwucherungen (Keloiden) neigen, raten Ärzte in der Regel von vornherein von einer Operation ab.
Schmerzen haben die kleinen Patienten höchstens in den ersten Tagen nach dem Eingriff. Doch Schmerzzäpfchen können Abhilfe schaffen. In der ersten Woche schützt ein Verband die empfindlichen Ohren. Danach sollten die Kinder noch sechs Wochen lang nachts ein Stirnband tragen und beim Toben etwas vorsichtig sein. Nach zwei Monaten sitzt die neue Ohrform, und über Witze mit Benjamin Blümchen können Kinder und Eltern jetzt wieder lachen.
Tina Haase / Baby und Familie;
15.04.2010, aktualisiert am 26.06.2012
Bildnachweis: plainpicture GmbH & Co. KG/Millennium
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