Neurodermitis-Behandlung: Geduld und Pflege

Psyche, Ernährung, Umwelt: Um den Auslöser für Neurodermitis zu finden, ist oft etwas Suchen nötig. Dann gilt: Haut intensiv pflegen
von Franziska Draeger, Anne-Bärbel Köhle, aktualisiert am 14.01.2016

Die passende Hautpflege zu finden, ist bei Neurodermitis sehr wichtig

W&B/Stefanie Aumiller, Thinkstock/istock

Die Haut hat ein unergründliches Eigen­leben. Sie schuppt, juckt und nässt plötzlich – und niemand weiß, was sie gereizt hat. Wenn ein Kind Neurodermitis entwickelt, versuchen Ärzte, Auslöser für die Schübe zu finden. Ein mühsamer Prozess. Und manchmal einer, der zu keinem Ergebnis führt. "Es kann an allem liegen. Oder an nichts", sagt Dr. Rainer Stachow, leitender Arzt der Fachklinik Sylt für Kinder und Jugend­liche.

Neurodermitis-Schübe: Auslöser häufig Nahrungsmittel

Bei vielen der Patienten, die in Stachows Klinik zu einer vierwöchigen Rehabilitation kommen, reagiert die Haut auf bestimmte ­Nahrungsmittel. "Am häufigsten werden Milch, Ei, Weizen, Fisch und Nüsse nicht vertragen", sagt der Arzt. Manchmal ­verschlimmert sich die Haut auch durch Obst, Fleisch oder ­Gemüse. Besonders betroffen sind Babys und kleine Kinder. Bei älteren ab dem Schulalter kommt auch eine sogenannte Inhalationsallergie als Auslöser in Betracht. Das kindliche Immun­system reagiert dann überschießend etwa auf Pollen oder Hausstaubmilben, oft ohne dass der Pa­­tient unter den sonst üblichen Symptomen wie Schnupfen und Augenbrennen leidet.

In einem ersten Gespräch versucht Arzt ­Stachow, den Kreis der hautreizenden Verdächtigen einzugrenzen. Dann fahndet er mit Blutuntersuchungen, Allergietests auf der Haut und sogenannten Nahrungsmittel­provokationen weiter. Ist der Auslöser gefunden, muss er künftig gemieden werden – dann geht es der Haut besser. So einfach kann das sein – und doch ist es oft schwierig, weil die Ergebnisse nicht eindeutig sind. "Kinder mit starker Neurodermitis sollten deshalb zu einem Kinderarzt mit allergologischer Zusatzqualifikation oder zu einem Dermatologen", sagt ­­Stachow. Beeinträchtigt die Kleinen die Haut sehr, können Eltern eine Rehabilitation beantragen. Sie dauert vier Wochen und verschafft Zeit, nach Ursachen zu forschen und Hilfe zu finden. "Ich warne aber davor, dass ­Eltern im Alleingang versuchen, Kinder auf ­Diät zu setzen, ohne genau zu wissen, was sie nicht vertragen", sagt Stachow. "Das ist ­eine ­unnötige Belastung für die Kleinen und kann zu Mangelernährung führen."

Der Reha-Antrag

Ob für Kinder mit Neurodermitis ein Reha-Aufenthalt bewilligt wird, entscheidet die Krankenkasse oder – was viele nicht wissen – die Rentenversicherung. "Letztere ist bei der Bewilligung viel großzügiger als die Kassen", sagt Rainer Stachow von der Fachklinik Sylt. Informationen finden Eltern unter: www.deutsche-rentenversicherung.de. Erst die Kategorie "Medizinische Rehabilitation" anklicken, dann "Rehabilitation für Kinder und Jugendliche".


Auch Stress kann Hautprobleme auslösen

Was aber, wenn sich trotz aller detektivischen Arbeit keine Auslöser finden lassen? Ein Faktor bei Neurodermitis ist immer auch die Seele. "Die Krankheit", sagt Dr. med Kurt-André Lion, leitender Arzt der Pädiatrischen Psychosomatik der Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen, "hat mit emotio­­naler Belas­tung zu tun." Alles, was zum Beispiel die Familie stresse, stresse auch das Kind. Werden Eltern arbeitslos, trennen sich, oder gibt es ­Ärger in der Schule, reagieren manche Kinder über die Haut. Allerdings: "Wen es trifft, lässt sich überhaupt nicht vorhersagen", so ­Lion. "Jeder kann erkranken, unabhängig vom Alter." Eltern bräuchten sich also keinerlei Vorwürfe zu machen, dass sie an der empfindlichen Haut ihrer Kinder schuld seien, sagt Lion.

Dennoch geht es ihm bei der Auslöserforschung besonders darum, die familiären Umstände seiner Patienten zu beleuchten. Mit den Eltern überlegen die Therapeuten etwa, wie sich Stressfaktoren reduzieren lassen und welche Strategien helfen, Stressmuster zu ändern, um so Selbstheilungsmöglichkeiten zu unterstützen. "In 80 Prozent der Fälle können wir so erreichen, dass es den Kindern langfris­tig mit der Haut besser geht", sagt ­Lion. In der Fachklinik Sylt setzen Ärzte zudem auf Patientenschulungen: "Familien entwickeln ein besseres Verständnis für die Krankheit und erfahren, wie man sie am besten managt", erklärt ­Stachow. "Dazu gehören vor allem die stadienangepasste Cremebehandlung und der Umgang mit dem Juckreiz." Patientenschulungen finden in vielen Kliniken, manchmal auch ambulant statt. Der behandelnde Arzt, Rentenversicherungsträger und Krankenkassen können Auskunft geben. Angebote finden Sie unter www.neurodermitisschulung.de.

Lebenslange Hautpflege erforderlich

Neurodermitis, so heißt es in den Richt­linien der Fachgesellschaften zu der Erkrankung, gilt als chronische oder chronisch-rezidivierende Erkrankung. Auf Deutsch: Man wird sie lebenslang nicht los. Tatsächlich kommt das Problem aber in allerlei Ausprägungen vor. "Manche Menschen haben nur wenige ­Male im Jahr einen Schub, bei anderen jagt ein Schub den anderen, und manche sind lange Zeit völlig beschwerdefrei", erklärt Stachow. Die gute Nachricht: Etwa 50 Prozent der Menschen, die als Kinder unter Neurodermitis gelitten haben, sind als Erwachsene weitgehend beschwerdefrei. Manche erleben vielleicht noch leichte Schübe, wenn die Haut etwa bei Stress oder in den kalten Jahreszeiten doch mal wieder gereizt reagiert. Aber mit guter Basispflege halten sie das Problem in Schach.

"Gut pflegen müssen sich Neurodermitiker eigentlich lebenslang", erklärt Prof. Dr. med. Matthias Augustin, Direktor des Instituts für Versorgungsforschung in der Dermatologie und bei Pflegeberufen am Universitäts­klinikum Hamburg-Eppendorf. "Sie brauchen Salben oder Cremes wie ein Diabetiker Insulin." Denn sie führen der Haut das zu, was sie selbst nicht ausreichend produzieren kann: Fett und Feuchtigkeit. So bleibt die schützende Hülle idealerweise stabil und bricht nicht auf. "Welche Pflege ein Mensch benötigt, ist absolut individuell", sagt Matthias Augus­tin. "Manche kommen mit einer Creme aus, andere brauchen drei unterschiedliche, je nachdem, wo welche Probleme am Körper auftreten." Wird die Haut trotzdem trocken und schuppig, setzt Augus­tin im zweiten Schritt Salben mit Hilfssubs­tanzen wie Zink, Gerbstoffen oder Harnstoff ein. Wenn das nicht greift, kommen bei akuten Schüben Kortison oder weitere Wirkstoffe zum Einsatz.

Wie gefährlich ist Kortison?

Ein Inhaltsstoff, vor dem viele Eltern Angst haben – zu Recht? "Kortison ist zunächst nichts anderes als ein körpereigener Wirkstoff", sagt Augustin. Leidet das Kind etwa unter akuten schweren Ekzemen, kann Kortison, auf die Haut aufgetragen, oder in schweren Fällen als Tablette geschluckt schnell Linderung bringen. Ist die Haut infiziert, wird es oft in Kombination mit Antiseptika verwendet. Allerdings: "Kortison verhilft nur zu einem Scheinsieg, die Ursachen sind damit nicht bekämpft", sagt Experte Augustin. Wie häufig und wie lange Kortison eingesetzt werden darf, hängt von den Umständen ab: "Ist es niedrig dosiert und wird es nicht täglich aufgetragen, kann man es über längere Zeit­räume verwenden", so Augustin. Innerlich sollte man es wegen der Nebenwirkungen, ­etwa Veränderungen im Stoffwechsel, nur kurz nehmen und auf dünne Hautpartien nur kurzfristig aufbringen. Die Strategie der Ärzte ruht auch auf kortisonfreien Cremes mit Wirkstoffen wie Pimecrolimus oder ­Tacrolimus. Sie beruhigen das überschießende Immun­system der Haut, sind aber ­teuer und nicht in allen Fällen für Kinder geeignet.

"Ein perfekter Hautzustand", sagt Stachow, "ist meist ohnehin nicht unser Ziel." Zwar wünschen sich viele Eltern, dass ­ihre Kinder endlich wieder heile Haut haben. "Uns kommt es aber vor allem darauf an, die Lebens­qualität der Kinder so zu verbessern, dass sie gut schlafen und sich gut entwickeln. Ein paar Pusteln sind Kindern meist egal, wenn sie den Alltag nicht beeinflussen!"


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