Neurodermitis: Immer mehr Kinder betroffen

Die komplexe Hautkrankheit verläuft in Schüben. Vor allem Kinder in Industriestaaten leiden zunehmend häufig daran. Was Eltern dagegen tun können

von Franziska Draeger, Anne-Bärbel Köhle, aktualisiert am 11.12.2015

Bei Neurodermitis ist die natürliche Barrierefunktion der Haut gestört

BrandXPictures/ RYF

Ein einzelner Mückenstich kann ganz schön nerven. Hundert Mückenstiche machen ­einen einfach nur verrückt. So ähnlich fühlt sich Neurodermitis oft an, eine rätselhafte Hautkrankheit, die immer mehr Kinder in Deutschland trifft. "Knapp zehn Prozent der Kinder leiden laut KiGGS-Studie an einer Neurodermitis", sagt Dr. med. Rainer Stachow, leitender Arzt der Fachklinik Sylt für Kinder und Jugendliche. Betroffene haben staubtrockene Haut, die schubweise von einem juckenden, geröteten Ausschlag erfasst wird.

Moderner Lebensstil fördert Neurodermitis

Studien belegen, dass vor allem Kinder in den Industriestaaten von dem Hautleiden betroffen sind. Welcher Aspekt des modernen Lebensstils genau Neurodermitis fördert, ist noch nicht klar. Die einen Forscher verdächtigen die Luftverschmutzung, andere exotisches Essen oder übertriebene Hygiene. "Früher war die Katzen­wäsche verbreitet, mit klarem Wasser", gibt Prof. Dr. med. Regina Fölster-Holst, ­Dermatologin am Universitätsklinikum ­Schleswig-Holstein in Kiel, zu bedenken. "Heute nehmen wir zig verschiedene Badezusätze und Duschgels, das strapaziert die Haut." Auch die Dämmung der Häuser könnte ein Grund sein, meint sie: "Mangelnde Durchlüftung führt zu mehr Schimmel­pilzen und Hausstaubmilben in der Wohnung. Auf beide können Neurodermitiker reagieren."


Wo sich Neurodermitis zeigt: Beim Baby sind folgende Stellen häufig betroffen: Kopf, Gesicht, Vorder­seite von Armen und Beinen, oft als Ekzem mit nässender Oberfläche. Bei Kindern zeigt sich Neurodermitis durch trockene, schuppende Stellen bis hin zu Ekzemen. Häufig betroffen: Armvorder- und Beinrückseiten. Jugendliche und Erwachsene ­haben oft sehr trockene Haut, aber auch schuppende Flächen und Ekzeme an Arm- und Kniebeugen, Händen, Füßen.

W&B/Jörg Neisel

Neurodermitis: Hautbarriere und Immunreaktion gestört

Zwei Bereiche sind bei Neurodermitikern gestört: Die Hautbarriere ist zu durchlässig, das Immunsystem überempfindlich. Die Haut ist der Schutzwall des Körpers. Sie hält Krankheitserreger draußen und lebenswichtiges Wasser drinnen. Die äußerste Hautschicht besteht aus toten Hornzellen, die man sich wie Backsteine vorstellen kann. Fette umgeben sie wie Mörtel. Bei Neurodermitikern teilen sich die Hautzellen zu schnell, ohne sich fertig zu entwickeln. Bestimmte Eiweiße in den Zellen sind funktionsuntüchtig. Die Fettschicht ist zu dünn, was die Haut rau und trocken macht. All dies führt dazu, dass der Schutzwall mikros­kopisch kleine Risse bekommt.

Wasser kann durch neurodermitische Haut leichter austreten, und verschiedenste Stoffe geraten leichter hinein. Teile von Eiweißen aus der Umwelt etwa dringen durch die Hornschicht, bis zur lebenden Schicht darunter. Darin tummeln sich Abwehrzellen, um den Körper gegen Erreger zu verteidigen, die den Schutzwall überwinden. Die meis­ten Eiweißstücke, die zu ihnen durchkommen, müssten die Immunzellen nicht weiter erregen. Sie stammen von Gräsern, von Staub oder aus der Kleidung und stellen keine Gefahr für den Körper dar. Irgendwann reagieren die Abwehrzellen trotzdem gereizt auf einen dieser Stoffe, sei es, weil er einem Eiweiß in einem Bakterium ähnelt oder einfach durch Zufall. Der ursprüngliche Reiz muss nicht unbedingt von ­außen kommen: "Das Immunsystem reagiert offen­bar auch auf körpereigene Elemente", sagt Prof. Dr. Carsten Schmidt-Weber, Leiter des Zentrums für Allergie und Umwelt in München. Schlagen Immunzellen Alarm, breitet sich eine Entzündung aus, die Haut wird stärker durchblutet und dadurch rot. Nerven in der Haut ­registrieren den Aufruhr und melden ihn ans Hirn – als Signal dient der Juckreiz. Besonders gemein: Die gereizte Haut besitzt mehr Nervenfasern, die Juckreiz melden als gesunde. Und doch sollte man besser nicht kratzen. Sonst wird die Haut noch stärker geschädigt, Bakterien dringen ein, die Entzündung verstärkt sich. Pusteln entstehen, es juckt noch mehr.

Krankheit kann verschwinden – aber auch schlimmer werden

Vieles an der Hautkrankheit ist noch ein Rätsel: Ist zuerst das Immunsystem gestört und schädigt dann die Hautbarriere oder umgekehrt? Mehr als 20 Gene wurden schon entdeckt, die wahrscheinlich mit Neurodermitis in Verbindung stehen. Das bekannteste ist das Gen für Filaggrin, ein Hauteiweiß. Neurodermitis ist vererbbar, aber wer die Anlage hat, bekommt nicht unbedingt die Krankheit. "Ein Teil der Neurodermitiker zeigt erst nach der Pubertät erste Symptome", sagt Prof. Dr. med. Ehrhardt Proksch, stellvertretender Direktor der Universitäts-Hautklinik Kiel.

Fest steht aber: Patienten können Glück oder Pech haben. Glück, weil die Neurodermitis im Lauf des Lebens nachlassen, sogar fast verschwinden kann. Haben sie Pech, bleibt die Krankheit bestehen – und sie entwickeln zusätzlich Allergien. Die Neurodermitis wird als Teil eines größeren Gesundheitsproblems gesehen, des ­atopischen Syndroms. Es umfasst zudem Allergien wie Heuschnupfen und aller­gisches Asthma. Das Phänomen heißt auch "Marsch der Allergien". Man erklärt ihn sich so: In den inneren Hautschichten werden Immunzellen gegen bestimmte Stoffe sensibilisiert, etwa gegen Hausstaubmilbenkot oder Tierhaare. Die Abwehrzellen wandern übers Blut etwa zu den Lungen und sorgen dort ebenfalls für eine Überempfindlichkeit, die sich als Asthma äußern kann. Selbst Lebensmittel-Allergien könnten ursprüng­lich über die Haut entstehen, vermuten Forscher.

Strategien gegen das Jucken

"Wie Eltern, die Neurodermitis oder Asthma haben, ihre Kinder vor der Hautkrankheit bewahren können, ist leider nicht klar", sagt Carsten Schmidt-Weber. Stillen ­wurde als Schutzfaktor gehandelt, doch eine Anzahl Studien hat das in Frage gestellt. Zu Haustieren gibt es widersprüchliche Ergebnisse: Hunde haben in einigen Studien das ­Risiko gesenkt – aber sicher ist der Zusammenhang nicht. Katzen erhöhten in manchen Studien das Neurodermitis-Risiko, in anderen senkten sie es. "Ich rate ­Eltern: Wenn Sie ein Haustier haben, behalten sie es, solange Sie bei Ihrem Kind keine Veränderungen wie etwa Hautausschlag, Atemnot oder Augen­tränen nach Haustierkontakt bemerken", sagt Regina Fölster-Holst. Eines sei bei Neurodermitis tabu: zu viel Seife und Shampoos, besonders wenn diese Duft- und Farbstoffe enthalten. Stattdessen sollten Eltern bei der täglichen Hautpflege darauf achten, zusatzarme Seife und Waschöle zu verwenden und Kinder nach dem Waschen einzucremen. Insgesamt ist die Haut von Neurodermitikern empfindlich, schon Kleidung aus Wolle kratzt typischerweise, Baumwolle, meist auch Kunstfasern, tragen sich angenehmer.



Was soll am besten in den Brei?

Baby wird mit Brei gefüttert

Allergien vorbeugen mit der Beikost  »

Früher rieten Experten: Fisch, Nüsse und Soja von Babys fernhalten. Nun deutet vieles daraufhin, dass ein früher Kontakt Allergien vorbeugt. Was bedeutet das genau? »

Mutter mit Kleinkind auf dem Schoß am Laptop

Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren »

Mutter mit Kind arbeitet vor dem Laptop

Entwicklungsnewsletter

Erhalten Sie alle zwei Wochen Infos zum ersten Lebensjahr Ihres Kindes »

Therapie

Mädchen cremt sich den Arm ein

Neurodermitis-Behandlung: Geduld und Pflege

Psyche, Ernährung, Umwelt: Um den Auslöser für Neurodermitis zu finden, ist oft etwas Suchen nötig. Dann gilt: Haut intensiv pflegen »

Vorsicht: Verwechslungsgefahr

Kind cremt sich das Gesicht ein

Schuppenflechte bei Kindern

Psoriasis bei Kindern wird häufig zunächst mit Neurodermitis verwechselt. Dank neuer Therapien lässt sie sich aber gut behandeln »

Bei Babys

Hautpflege

Beugt frühe Hautpflege Neurodermitis vor?

Neurodermitis ist die häufigste chronische Erkrankung bei Kindern, oft bricht sie früh aus. Studien lassen Eltern von Risikobabys hoffen. Unsere Expertin gibt eine Einschätzung »

Haben sie andere Freunde, seit Sie Eltern sind?

Geben Sie Ihrem Kind homöopathische Mittel?

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages