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Stammzellen: Heilung durch Nabelschnurblut?

Die Stammzellmedizin weckt große Hoffnungen. Einige Eltern bewahren deshalb das Nabelschnurblut ihres Kindes auf. Etabliert sind bislang aber nur wenige Methoden


Einige Eltern bewahren das Nabelschnurblut ihres Babys für den Krankheitsfall auf

Ein Thema, das meist erst in der Schwangerschaft persönlich wird: die vermeintliche Heilkraft der Stammzellen. Aus der Nabelschnur des Neugeborenen gewonnen, sollen sie Krankheiten kurieren oder gar Leben retten können, so die Verheißung. Werdenden Eltern stellt sich dann häufig die Frage, ob sie die ­Zellen direkt nach der Geburt für das eigene Kind einlagern wollen oder einer öffentlichen Stammzellbank zur Verfügung stellen.


„Wenn man über Stammzellen spricht, ist wichtig zu wissen, dass es mehr als eine Sorte gibt“, sagt Privatdozent Dr. med. Neysan Rafat vom Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Heidelberg. Denn die faszinierende Eigenschaft, sich in die verschiedensten Zelltypen und damit zum Beispiel in Haut- oder Nervengewebe zu entwickeln, haben in der Natur nur die sogenannten embryonalen Stammzellen (siehe Grafik). Aber: Diese tatsächlichen Alleskönner gibt es nur im wachsenden Embryo. Die Forschung an menschlichen Embryonen unterliegt in Deutschland jedoch dem Embryonenschutzgesetz und damit sehr strengen Auflagen.


Grafik: Der Weg der Stammzellen im Embryo

Tag 1 Noch sind Spermium und Eizelle zwei eigenständige menschliche Keimzellen. Nach der Befruchtung wandert der nun als Zygote bezeichnete frühe Embryo in die Gebärmutter, um hier weiter zu wachsen.

 

Tag 4 Jetzt hat sich die Zygote zu einer flüssig­keitsgefüllten Kugel entwickelt, dem Keimbläschen oder die Blastozyste. In ihrem Inneren befinden sich, als kleiner Haufen, die embryonalen Stammzellen. Sie sind der Grundstock für den Embryo.

 

Tag 14 Aus den Stammzellen, die zu Beginn noch alle die gleichen Fähigkeiten haben, entstehen drei verschiedene Zellverbände, die sogenannten Keimblätter. Ihre Lage im Keimbläschen entscheidet darüber, was sich aus den Zellen später entwickelt.

 

Tag 21 Aus den Keimblättern entwickeln sich die Organe. Gehirn, Augen und Herz machen den Anfang. Bis zur achten Schwangerschaftswoche haben sich dann auch alle anderen Organe und die Extremitäten gebildet.


Adulte Stammzellen aus dem Nabelschnurblut

Deshalb greifen Ärzte und Wissenschaftler auf die sogenannten adulten Stammzellen zurück, zu denen auch die Zellen aus dem Nabelschnurblut zählen. Ansonsten kommen diese Zellen an verschiedenen Stellen im menschlichen Körper vor, haben aber – im Vergleich zu den embryonalen Stammzellen – nur noch begrenzte Möglichkeiten der Weiterentwicklung. Je nach Organ, zum Beispiel Leber, Herz oder Haut, können sich die Stammzellen, die dort sitzen, nur zu den Zellen entwickeln, die dort benötigt werden. Ihre Aufgabe im Organismus ist es, den Körper immer wieder mit neuen Bestandteilen zu versorgen. So „lebt“ etwa ein rotes Blutkörperchen nur um die 120 Tage, dann löst es sich auf. Der Körper braucht also ständig Nachschub, und den liefern die spezialisierten Blut-­­Stammzellen.

Einsatz bei Blut- und Stoffwechselkrankheiten

Bereits jetzt unverzichtbar in der Medizin sind einige der adulten Stammzellen. Und das seit mehr als 40 Jahren. „Um Leukämien oder bestimmte andere Blutkrankheiten zu heilen, brauchen wir Blut-Stammzellen aus dem Knochenmark“, sagt Privatdozent Dr. med. Ingo Müller von der Klinik und Poliklinik für pädiatrische Hämatologie und Onkologie der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf (UKE). Seit 40 Jahren helfen Knochenmarkspenden blutkranken Patienten, indem sie, als Transplantat in den Blutkreislauf gespritzt, hier neue, gesunde Zellen bilden. Weitaus jünger ist die Stammzelltherapie bei bestimmten Stoffwechsel­erkrankungen. „Kinder, denen ein spezielles Enzym im Körper fehlt, entwickeln schlimme Hirnschäden durch giftige Abbauprodukte, die dieses Enzym eigentlich entfernen soll. Diese Aufgabe können Enzyme übernehmen, die aus transplantierten Stammzellen entstehen“, so Müller.

Noch im Stadium der Laborforschung ist ­eine Therapie gegen Nierenversagen, die ebenfalls auf Stammzellen aus dem Knochenmark setzt: „Wir versuchen, zerstörte Blutgefäße in den Nieren durch neue Stammzellen wiederaufzubauen“, erklärt Rafat, der als Kinder­nierenarzt für diese Studien bereits einen Forschungspreis erhielt. Er hofft, diese Methode in einigen Jahren bei Kindern anzuwenden, die an einem durch ­eine Infektion ausgelösten Nierenversagen leiden.

Stammzellspenden sind rar

Doch ein Problem haben sowohl Neysan Rafat in Heidelberg als auch Ingo Müller in Hamburg: Es gibt zu wenig Spenden. „Die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Menschen sich in den wichtigen Merkmalen der Stammzellen zu hundert Prozent ähneln, liegt bei eins zu einer Million“, sagt Müller, der am UKE auch den Bereich der pädiatrischen Stammzelltransplantation leitet. Ohne Übereinstimmung aber stößt der Empfänger-Organismus die fremden Zellen ab.

Ein weiterer Hoffnungsträger sind die Stammzellen aus Nabelschnurblut. Ihr Vorteil: Sie lassen sich leicht gewinnen, und manche Patienten vertragen sie besser als etwa eine Knochenmarkspende. Für eine komplette Transplantation reicht jedoch die Menge der Zellen pro Spende kaum aus. So müssen mehrere Spenden genommen werden, was häufig zu Abwehrreaktionen führt.

Bisher gibt es keine wissenschaftlichen Nachweise, dass Menschen mit ihren eigenen, nach der Geburt eingelagerten Nabelschnurblutproben von schweren Krankheiten geheilt werden können. An der Universitätsklinik Bochum transplantierten Ärzte vor einigen Jahren in einem Heilversuch einem kleinen Jungen mit Hirnschaden eigene Nabelschnur-Blutstammzellen. Nach der ­Operation entwickelte sich das Kind gut. Ob es jedoch wirklich die Stammzellen waren, die hier halfen, ist noch nicht ausreichend nachgewiesen, ­Studien fehlen bislang.

„Meist sind die krankheitsauslösenden Faktoren bereits in den Stammzellen verankert, eine Leukämie zum Beispiel, würde also wieder zurückkommen“, erklärt Transplantationsmediziner Müller. Er schätzt den Anteil an Patienten, die in Deutschland eine Transplantation von fremdem Nabelschnurblut bekommen, auf weniger als ein Prozent.




Bildnachweis: W&B/Astrid Zacharias Fotos: Focus / SPL, Panthermedia/ Paul Hakimata

Julia Jung / Baby und Familie; 25.06.2010, aktualisiert am 08.02.2013
Bildnachweis: W&B/Astrid Zacharias Fotos: Focus / SPL, Panthermedia/ Paul Hakimata

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