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Refluxkrankheit: Wenn Spucken gefährlich ist

Den meisten Babys stößt­ ihre Milch auf. Das ist völlig normal und in der Regel harmlos. Doch manchmal kann eine Erkrankung dahinterstecken. Wann Eltern aufpassen sollten


Spucken ist bei Babys normal – extremer Reflux schwer davon zu unterscheiden

An manchen Tagen dachte Christina Harmsen, sie würde verrückt werden: wenn wieder ein Arztbesuch mit ­ihrer kleinen Tochter hinter ihr lag, wenn ihr wieder einmal gesagt wurde, es gäbe kein Problem und sie solle halt zusehen, dass ihr Baby vernünftig trinkt und schläft. „Anna (Name v. d. Red. geändert) hat aber weder getrunken noch geschlafen, sondern immer nur geschrien. Jedes Fläschchen war ein Drama“, erinnert sich die Mutter. Das ging so weit, dass das kleine Mädchen (heute 7) untergewichtig war und Mangelerscheinungen zeigte. Schließlich suchte die Münchnerin selbst nach Lösungen. Sie entdeckte eine hochkalorische Spezialnahrung, mit der sie es schaffte, dass ihre Tochter wenigstens immer wieder minimal zunahm.



Dr. med. Steffen Reinsch ist Kinderarzt am Universitätsklinikum Dresden

Extremer Reflux führt zu Entzündungen

Erst nach drei Jahren erfuhr die Familie, was dem Kind wirklich fehlte: „Anna hatte einen schlimmen Reflux“, erzählt die Mutter. Dabei fließt Nahrungsbrei oder -flüssigkeit immer wieder zurück in die Speiseröhre. Bei Christina Harmsens Tochter löste dies eine Speiseröhrenentzündung dritten Grades aus. „Die Magensäure ist so hoch gestiegen, dass Anna außerdem permanent unter Mittelohrentzündungen litt.“ Das Fatale: Die ­Diagnose Reflux stand schon nach einer Ultraschalluntersuchung im ers­ten Lebensjahr der Tochter im Raum. Doch keiner der Ärzte nahm das Problem ernst, bis Familie Harmsen auf eine spezielle Untersuchung bestand. Denn Vater Sven war im Internet auf einen Fragebogen des Vereins „Refluxkinder“* gestoßen – und hatte festgestellt: Die meis­ten der dort aufgeführten Dinge trafen auf seine Tochter zu. Eine sogenannte ­pH-Metrie, bei der Messsensoren in die Speiseröhre und den Magen gelegt werden und den Säuregehalt über 24 Stunden hinweg aufzeichnen, bestätigte den Verdacht.


Dr. med. Peter Ahrens

PD Dr. med. Peter Ahrens ist Oberarzt an den Darmstädter Kinderkliniken Prinzessin Margaret

Spucken bei Babys normal

Dass es bei Anna bis zu einer eindeutigen Diagnose so lange gedauert hat, liegt auch daran, dass ein Reflux bei Kleinkindern nahezu normal ist. „Vor allem in den ­ers­ten Lebensmonaten läuft bei fast allen Kindern Nahrungsbrei aus dem Magen in die Speiseröhre“, erklärt Dr. med. Steffen Reinsch, Kinderarzt am Dresdner Universitätsklinikum. „Der Schließmuskel zwischen Magen und Speiseröhre muss erst ausreifen.“ Fast alle Eltern kennen das Phänomen, dass nach einer reichlichen Mahlzeit die Milch beim Baby quasi überschwappt. Das allein sei kein Grund zur Besorgnis, so der Kinderarzt. Da können Eltern erst mal entspannen. Meist gibt sich die Spuckerei bis zum Ende des ­ersten Lebensjahres von selbst. „Wenn aber zu sehen ist, dass ein Kind Gedeihstörungen hat, seine Nahrung sichtlich nicht verträgt, immer wieder erbricht oder etwa Atemprobleme bekommt, sollte man abklären, ob man es vielleicht mit einer Refluxkrankheit zu tun hat“, warnt Reinsch. Mediziner sprechen dann von einem gastroösophagealen Reflux.

Diagnose schwer zu stellen

Er kann auf Dauer zu schwerwiegenden Komplikationen führen wie schmerzhaften Entzündungen der Speiseröhre, Lungenentzündungen oder chronischer Bronchitis. Manchmal steigt der aggressive Magensaft so hoch, dass er bis ins Mittelohr gelangt und dort schmerzhafte Entzündungen auslöst. Organe können durch Mangelernährung geschädigt werden, die Zähne durch die Magensäure. Oft führen Schmerzen zu einem gestörten Schlaf. Wie viele Kinder tatsächlich die Refluxkrankheit haben, kann niemand sagen. Die Deutsche Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten schätzt, dass rund zehn Prozent der Bevölkerung an der gastroösophagealen Refluxkrankheit leiden; behinderte Kinder sind überdurchschnittlich häufig betroffen.

Therapie: Medikamente oder Operation

Weil die Symptome so vielfältig sind, fällt es niedergelassenen Kinder­ärzten häufig schwer, die richtige Diagnose zu stellen. Das hat Privatdozent Dr. med. ­Peter Ahrens, Oberarzt an den Darmstädter Kinderkliniken und Reflux-Fachmann, beob­achtet: „Nicht selten werden die Kinder dann auf Asthma behandelt, weil man bei ihnen Atemnot und eine Verengung der Atemwege festgestellt hat. Die Kinder erhalten Medikamente, die auch erst einmal zu einer scheinbaren Verbesserung führen, aber das Problem nicht lösen.“ Steht die Diagnose Refluxkrankheit, können manchmal säurehemmende Medikamente helfen. In wirklich schweren Fällen aber bringe nur eine spezielle Operation Hilfe, so der Experte. „Dabei wird der obere Teil des Magens um die Speiseröhre gewickelt und vernäht. Das verhindert den Rückfluss von Mageninhalt in die Speiseröhre.“ Der Eingriff geschieht unter Vollnarkose.

Auch Anna wurde auf diese Weise operiert. „Am Tag danach hat unsere Tochter zum ersten Mal seit ihrer Geburt die ganze Nacht durchgeschlafen“, erzählt ihre Mutter. „Und als sie aufwachte, hat sie angefangen zu essen. Seit diesem Tag haben wir wieder ein glückliches Familien­leben.“

 

* www.baby-und-familie.de übernimmt keine Haftung für die Inhalte externer Internetseiten




Bildnachweis: W&B/Privat, Fotolia/D. Ott

Dr. Susanne Kailitz / Baby und Familie;
Bildnachweis: W&B/Privat, Fotolia/D. Ott

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