Medikamente mit Alkohol für Kinder?

Viele pflanzliche und homöopathische Arzneimittel enthalten Alkohol. Sind diese Medikamente für Kinder geeignet?
von Julia Schulters, aktualisiert am 25.02.2016

Tropfen mit Alkohol fürs Kind: Ist das ein Problem?

W&B/Adrian Schätz

Man muss kein ausgewiese­ner Gesund­heitsexperte sein, um zu wissen, dass Alkohol für Kinder tabu­ ist. Umso überraschter sind viele Eltern,­ wenn sie sich die Packungsbeilage von Hustentropfen und anderen Medikamenten für ihren Nachwuchs durchlesen. In der Medizin für die Kleinen steckt Alkohol? Wie passt das denn bitte­ schön zusammen?

Was ist dran an der Angst?

Wenn Eltern sich darüber sorgen, ist das verständlich. "Alkohol ist nun mal ein Zellgift", sagt Apothekerin Dr. ­Katja Renner aus Wassenberg. Über den Blutkreislauf gelangt die Substanz zu den Organen­ im Körper. Im Hirn angekommen, beeinträchtigt sie verschiedene Prozesse: Das Sehvermögen verringert sich zum Beispiel, die Reaktionsfähigkeit nimmt ab. Gefährlich sind vor allem hohe Alkoholkonzentrationen im Blut: Ab einem Spiegel von ­­etwa zwei bis drei Promille­ können bei einem Erwachsenen Bewusstlosigkeit und Atemstillstand die Folge sein.

Dr. Katja Renner ist Apothekerin in Wassenberg (NRW)

W&B/Privat

Kinder laufen in der Regel nicht Gefahr, solche großen Mengen Alko­hol zu sich zu nehmen. "Erst recht nicht in Form von Medikamenten", stellt Dr. Burkhard Lawrenz, Kinder- und Jugend­arzt aus Arnsberg, fest. Fakt ist aber: Kinder vertragen die Subs­tanz viel schlechter als Erwachsene. Wesentlich­ kleinere Mengen Alkohol können bei ­ihnen schon eine kritische Blutkonzentra­tion verursachen. Das liegt unter anderem daran, dass sich Alkohol­ bei Kindern auf wenig Körperwasser verteilt, in denen sich der Stoff löst.

Dr. med. Burkhard Lawrenz ist Kinder- und Jugendarzt mit Praxis in Arnsberg

W&B/Privat

Dazu kommt: "Die Kleinen können­ Alkohol nicht so gut ab­bauen wie Erwachsene", erklärt Burkhard ­Lawrenz. Die Leber-Eiweiße, die Alkohol verstoffwechseln, sind weniger stark ausgeprägt. Auch das Wachstum scheint Alkohol zu beeinflussen. Babys, deren Mütter während der Schwangerschaft viel Alkohol getrunken haben, kommen oft zu klein und zu leicht auf die Welt.

Welche Bedeutung hat Alkohol in der Pharmazie?

Vor allem pflanzliche und homöo­pathische Zubereitungen enthalten Alko­hol, auf dem Beipackzettel auch häufig Ethanol genannt. "Er sorgt dafür, dass die Wirkstoffe aus den Pflanzenbestandteilen herausgelöst werden", sagt Apothekerin Katja Renner. Ein weiterer Vorteil: Alkohol bewahrt die Präparate vor dem Verderb und verlängert somit die Haltbarkeit des Arzneimittels. Außerdem verbessert er bei manchen Wirkstoffen die Aufnahme aus dem Magen-Darm-Trakt ins Blut. Wenn Hersteller den Alkohol bewusst weglassen, müssen sie sich andere Strategien überlegen, um diese Eigenschaften zu gewährleisten. Manche Firmen setzen ihren Medikamenten anstelle des Alkohols bestimmte Stabilisatoren oder Konservierungsmittel zu. Aber auch diese ­Inhaltsstoffe sehen viele Experten kritisch.

Beruhigend: Medikamente, die für Kinder zugelassen sind, enthalten lediglich geringe Mengen Alkohol. "Außerdem verabreicht man den Kindern in der Regel nur ein paar Tropfen", sagt Katja ­Renner. Heruntergerechnet auf die tatsäch­liche Einzeldosis ist die Alkoholmenge oft sogar geringer als in vielen Nahrungsmitteln des täglichen Bedarfs. Was viele nämlich nicht wissen: Auch bestimmte Gemüsesorten, Apfelsaft oder Johannis­beernektar und sogar Brot enthalten zum Beispiel etwas Alkohol. "Diese Nahrungsmittel nehmen Kinder im Gegensatz zur Medizin mehrmals am Tag und dauerhaft zu sich", erklärt Apothekerin Renner.

So baut der Körper Alkohol ab

Der Körper baut Alkohol zu ­einem kleinen Teil über Lunge, Nieren und Haut ab. Der allergrößte Teil wird allerdings in der Leber verstoffwechselt. Als ein Zwischenprodukt entsteht beim Abbau die Substanz Acetaldehyd, die viele schädliche Auswirkungen auf den Körper hat. Sie ist unter anderem für den typischen Kater am nächsten Morgen verantwortlich. ­Manche Menschen können die giftige ­Substanz nicht so gut verstoffwechseln. Viele Asiaten­ vertragen Alkohol aus diesem­ Grund deutlich schlechter.


Was sollte man bei der ­Anwendung beachten?

"Solange man die altersgerechte Dosierung bei alkoholhaltigen Medikamenten einhält, muss man keine Bedenken haben", sagt Lawrenz. Auch das Argument, die Kleinen würden früh an den Alkoholgeschmack gewöhnt, hält er für übertrieben. "Ein Kind wird sicher nicht später zum Alkoholiker, weil es ab und zu ein paar alkoholhaltige Tropfen bekommt", ist er überzeugt. Überdosieren sollten Eltern­ die Tropfen aber nicht – auch wenn es sich um scheinbar harmlose homöo­pathische Mittel­ handelt. "Man kann nicht ausschließen, dass Kinder dann mit Benommenheit reagieren", warnt ­­Lawrenz. Vorsicht ist auch bei Kindern geboten, die viele Medikamente einnehmen müssen. Nicht alle Mittel vertragen sich mit Alkohol. Daher sollte man auch die rezeptfreien Medikamente mit dem Arzt oder Apotheker absprechen! Gibt es die Möglichkeit zwischen einem alkoholhaltigen und einem alkoholfreien Präparat zu wählen, empfiehlt Lawrenz Letzteres. "Den Kindern tut man einen­ Gefallen", sagt er. "Erfahrungsgemäß hassen sie den bitteren Geschmack von Alkohol."


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