Keine Angst vor Kortison

Kortison hilft zum Beispiel bei Neurodermitis oder Allergien. Doch viele Eltern haben Bedenken, den Entzündungshemmer einzusetzen

von Franziska Draeger, aktualisiert am 27.01.2016

Kortisonsalbe hilft zum Beispiel bei Neurodermitis. Möglichst dünn auftragen!

W&B/Silvia Lammertz

"Wie oft gebt ihr euren Kindern­ ­ei­gentlich Kortison?" Das ist eine­ der brennendste­n Frage in Foren­ von­ Eltern­ kleiner Neurodermitiker. Es scheint,­ als wollten sie einander im Kortisonverbrauch­ unterbieten. "Es gibt­ eine regelrechte Kortison-Phobie", sagt­ Professorin Regina Fölster-Holst­,­ Haut­­ärztin und Allergologin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein. "Jede zweite­ Mutter reagiert skeptisch, wenn ich den Wirkstoff verschreibe. Doch diese­ Angst gründet auf einem gefährlichen Halbwissen", sagt die Medizinerin.


Prof. Fölster-Holst ist Dermatologin am Univer­­sitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel

W&B/Ronald Frommann

Was ist dran an der Angst?

Brüchige Knochen, Infektanfälligkeit und ein aufgequollenes Gesicht fürchten viele Eltern, wenn sie Kortison hören. "Diese Nebenwirkungen kann man nicht leugnen", erklärt Dr. Katja Renner,­ Apothekerin in Wassenberg. "Aber man muss sie relativieren." Solche Folgen drohen nur, wenn Kortison über längere Zeit täglich­ als ­Tablette eingenommen wird. Bei schwerem Rheuma zum Beispiel, oder­ einer­ gravierenden Autoimmun­erkrankung. Bei lokaler Anwendung, als Salbe oder Asthma­spray, sind meist nur lokale­ Effekte zu erwarten.


Dr. Katja Renner ist Apothekerin in Wassenberg

W&B/Privat

So kann die Haut vom Cremen auf Dauer dünn und empfindlich werden, im Rachenraum können sich Pilze vermehren, weil das Immun­­system dort geschwächt wird. "Diese große Angst vor dem Wirkstoff begründet das noch nicht", so Katja Renner.

Körpereigenes Hormon

Viele besorgte Eltern­ kann sie in ihrer Apotheke beruhigen, indem­ sie ihnen erklärt: "Kortison ist ein körpereigener Stoff." Daraus entsteht das sogenannte Stresshormon Cortisol,­ das die Nebennierenrinde jeden Tag mehrmals ausschüttet, zum Beispiel auch, wenn man kalt duscht. Das Hormon erfüllt viele Aufgaben im Körper: Es beeinflusst den Blutzucker, den Fettstoffwechsel, und es wirkt entzündungshemmend.


Wie wirkt Kortison?

Kortison wird im Stoffwechsel zu Cortisol verarbeitet, einem körpereigenen Hormon. Dieses sorgt dafür, dass in Stresssituationen möglichst viel Energie bereitgestellt wird, und verstärkt unter anderem den Abbau von Eiweiß und Fetten. Im Immunsystem dämpft es überschießende Reaktionen. Es hemmt die Aktivität und die Bildung bestimmter­ Zellen der Körperabwehr. So hält es Entzündungen in Schach.


Welche Bedeutung hat Kortison in der ­Behandlung?

Die entzündungshemmende Wirkung machen sich Ärzte zunutze. Kortison dämpft Immunreaktionen, die bei Allergien oder Neurodermitis aus dem Ruder laufen. "Ohne den Wirkstoff ­wären mir schon viele Patienten gestorben", sagt Regina Fölster-Holst. Wenn ein Kind zum Beispiel von einer Biene gestochen wird und einen allergischen Schock erleidet, ist Kortison gemeinsam mit Adrenalin lebens­­rettend. Asthmatiker können durch regelmäßiges Inhalieren ruhig atmen und sind voll belastbar. Das Kortison schwächt die allergische Immunreak­­tion ab, die dazu führt, dass sich die Bron­chien verengen, bis man glaubt zu ersticken. Kinder, die schwere Neurodermitis haben, profitieren, weil Kortison binnen Stunden den Juckreiz vertreibt. Schon am nächsten Tag sieht die Haut deutlich besser aus. "Dann ändert sich auch die Hautflora", sagt Fölster-Holst. "Schädliche Bakterien gehen zurück."

Erst wenn man das Mittel über ­einen langen Zeitraum anwendet, wird die Haut dünn und verletzlich. "Man kann sich das so vorstellen: Das Kortison gibt den Immun­zellen eins drauf", sagt Fölster-Holst. "Aber auch anderen Zellen in der Haut." Katja Renner: "Es gibt aber ein paar Tricks, um die Neben­wirkungen von Kortison möglichst gering zu halten."

Was sollte man bei der ­Anwendung beachten?

Tabletten nimmt man am besten morgens. Dann ist der körpereigene Kortisonspiegel am höchsten. Asthmatiker­ sollten sich nach einer Spraydosis den Mund ausspülen.­ Das senkt das Risiko­ eines Pilzbefalls. Kortisonsalbe sollte dünn­ aufgetragen werden. Offene Haut braucht zusätz­lich eine antibiotische Salbe, damit eindringende Bakterien das geschwächte Immunsystem nicht überrumpeln.

Manchmal verschreibt der Arzt neben einer Kortisoncreme einen ­Calci­neurin­inhibitor. "Im Akut­fall hilft oft nur Kortison", so Fölster-Holst. Calcineurininhibitoren, die schwächer, aber zielgerichteter wirken, eignen sich für Phasen, in denen die Haut nicht voll im Aufruhr ist, sowie für empfindliche Hautareale,­ ­etwa im Gesicht. An diesen­ Stellen sind Ärzte mit dem Verschreiben von Kortison­ sowieso vorsichtiger. "Nicht einfach die Salbe­ des älteren­ Geschwis­­ters verwenden", warnt Fölster-Holst. Für alle­ Kortisonpräparate­ gilt: nicht abrupt absetzen,­ sondern aus­schleichen.­ Nur so kann der Körper die eigene­ Kortison­produktion schnell genug wieder hoch­fahren. Gerade eine längerfristige Therapie mit Kortison sollte immer mit dem Arzt abgesprochen sein.



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