Medikamente für Kinder: Das sollten Sie wissen

Schmerzmittel, Antibiotika, Kortison – wenn Kinder Medikamente nehmen müssen, gibt es einiges zu beachten. Und: Bestimmte Wirkstoffe sind für sie nicht zugelassen

von Anne-Bärbel Köhle, 04.04.2013

Bekommt ein Kind Medikamente, gelten andere Regeln als für Erwachsene

W&B/Fotolia

Die gute Nachricht: Viele gefährliche Erkrankungen lassen sich heute in den Griff bekommen. Einstige Epidemien wie Kinderlähmung oder Diphtherie haben ihren Schrecken verloren: Sie werden durch eine gute Impfstrategie oder durch geeignete Medikamente in Schach gehalten. Sogar Krebs lässt sich oft heilen: 70 Prozent aller Kinder, die hierzulande daran erkranken, werden wieder gesund. Bei den vergleichsweise häufigen kindlichen Leukämien „liegt die Heilungsrate sogar bei mehr als 80 Prozent“, sagt Dr. Birka Lehmann vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in Bonn. Denn gerade in diesem Fall gibt es viele Studien sowie Register, auf die Ärzte international zugreifen können.


Viele Medikamente für Kinder nicht zugelassen

Die schlechte Nachricht: Schnupfen, Husten, Fieber – für gängige Arzneien, die in den niedergelassenen kinderärztlichen Praxen verordnet werden, gibt es zwar meist ausreichende Erfahrung. Aber leider reicht das nicht. Denn wenn Kinder kompliziertere oder chronische Erkrankungen entwickeln oder viel zu früh geboren werden, fehlt es oft an für sie zugelassenen Medikamenten.

Das Problem dabei: Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Ihr Körper hat einen anderen Fett- und Wasseranteil. Die Organe sind noch nicht ausgereift, der kindliche Stoffwechsel reagiert manchmal auf Arzneien ganz anders als der von Erwachsenen. Neugeborene etwa bauen Wirkstoffe langsamer ab, weil Leber und Nieren noch nicht ausgereift sind. Bei Kindern über zwei Jahre arbeitet der Stoffwechsel dagegen schneller, und der Körper scheidet die Stoffe rascher aus. Einfach für Erwachsene zugelassene Medikamente auf das Gewicht des Kindes herunterrechnen bringt also gar nichts – im Gegenteil: Es ist sogar gefährlich.

Off-label-use: Üblich, aber riskant

Seit 2007 gilt zwar in Deutschland eine EU-Verordnung, die Pharmaunternehmen dazu verpflichtet, Medikamente auch für Kinder zu testen. Aber: Bis heute stehen immer noch haufenweise Studien für wichtige Wirkstoffe aus. „Besonders fehlt es an getesteten Medikamenten gegen schwere Infektionserkrankungen, in der Kinderpsychiatrie, der Kinder-Intensivmedizin und bei Narkosemitteln“, erklärt Lehmann.

Kinderärzte sind deshalb häufig gezwungen, zu Medikamenten zu greifen, die für Kleine nicht zugelassen sind. Dieser sogenannte off-label-use ist aber riskant. Es gebe, so berichtet die European Medicines Agency EMA, „genug Hinweise, dass Kindern damit geschadet wird“. Die Nebenwirkungen seien oftmals viel gravierender als bei getesteten Medikamenten und reichten von Magenproblemen bis zu Wachstumsstörungen. Welche späten Folgen der Einsatz solcher Medikamente habe, lasse sich ebenfalls nicht abschätzen, warnt die Behörde. Denn schließlich befinde sich der kindliche Körper noch im Wachstum.

Problem: Kassen zahlen nicht alle Medikamente

Das zweite Problem: „Nicht alle Medikamente, die ein Kind braucht, werden von den gesetzlichen Kassen bezahlt“, moniert der Berliner Kinderarzt Fegeler. Gerade bei banaleren Erkrankungen wie Erkältungen müssen die Eltern für sogenannte OTC-Produkte in die Tasche greifen (siehe unten). Der wissenschaftliche Beirat der Bundesapothekerkammer bezeichnet dies als „gesundheitspolitisch verfehlt“. Man müsse damit rechnen, dass die Ärzte den Kindern vermehrt erstattungsfähige Medikamente verordnen. Die Konsequenz: Womöglich erhalten kleine Patienten dann Wirkstoffe, die (noch) nicht unbedingt notwendig sind.


Dr. med. Birka Lehmann arbeitet am Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in Bonn

W&B/Privat

Hoffnung: Mehr klinische Studien

„Wir brauchen deutlich mehr klinische Studien an Kindern“, sagt Expertin Birka Lehmann. „Aber viele Eltern haben Angst davor, ihren Sohn oder ihre Tochter in eine solche Untersuchung einzubeziehen. Hier brauchen wir mehr Offenheit und eine bessere Information.“ Wenn Kinder schwere Erkrankungen haben, sind Eltern oftmals bereit, ihr Kind an Studien teilnehmen zu lassen, nicht aber bei banalen Erkrankungen. Dabei, so argumentiert Lehmann, „werden gerade diese Kleinen bestens untersucht und engmaschig betreut“. Die zweite Forderung: „Die Krankenkassen sollen künftig wieder bestimmte apothekenpflichtige Medikamente erstatten, bis das Kind 18 Jahre alt ist“, erklärt Kinderarzt Ulrich Fegeler. Für Eltern wichtig: Geben Sie Ihrem Kind nie eigenmächtig Medikamente. Besprechen Sie immer mit dem Arzt, welche genaue Dosierung der kleine Patient benötigt.


Kindern Medikamente geben: Wie geht das?

Wenn es darum geht, Kindern Medikamente zu verabreichen, irren sich Eltern häufig in der Dosierung, ergab eine australische Studie. Der wichtigste Grundsatz deshalb: Bitte besprechen Sie mit Ihrem Kinderarzt oder Apotheker, welche Medikamente Sie in welcher Dosierung geben sollen. Bitte auf keinen Fall die Erwachsenendosierung auf das Gewicht des Kindes herunterrechnen. Tropfen und Säfte sollten Kinder immer in einer aufrechten, sitzenden Position erhalten. Am besten verwenden Sie eine Spritze ohne Nadel, so lässt sich gut dosieren. Zäpfchen flutschen leichter, wenn Sie diese in der Hand kurz erwärmen und mit Babycreme oder Vaseline bestreichen. Das Kind sollte auf dem Rücken liegen, die Beine leicht angewinkelt. Augentropfen in den Augeninnenwinkel träufeln, dabei das Unterlid sanft herunterziehen. Ohrentropfen sollten nicht zu kalt sein, deshalb am besten Fläschchen vor der Gabe in warmem Wasser oder in der Hosentasche kurz anwärmen.


Dr. Ursula Sellerberg ist stellvertretende Pressesprecherin der ABDA, Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände in Berlin

W&B/PX1 Berlin

Was zahlt die Kasse?

Bis das Kind volljährig ist, übernehmen alle gesetzlichen Krankenkassen verschreibungspflichtige Medikamente. Eltern müssen nichts zuzahlen. Anders verhält es sich bei den sogenannten OTC-(„over-the-counter“) Produkten. Damit sind Medikamente gemeint, die apothekenpflichtig, aber nicht verschreibungspflichtig sind, etwa bestimmte Hustensäfte, fiebersenkende Mittel oder Medizin gegen Allergien. Diese übernimmt die Kasse nur, bis das Kind zwölf Jahre alt ist. „Dahinter steckt die Absicht zu vermeiden, dass Eltern gegen eigene Erkrankungen die rezeptfreien Medikamente einnehmen, die die Kasse für die Kinder bezahlt hat“, sagt Ursula Sellerberg, stellvertretende Pressesprecherin der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Auch bei Hilfsmitteln wie etwa Inhalationshilfen zeigen sich manche Kassen knausrig. Manche übernehmen sie, andere nicht. „Allergiker-Bettwäsche, Bettwäsche bei Inkontinenz oder Silbertextilien bei Allergien werden in der Regel nicht bezahlt“, sagt Sellerberg. In dem Fall hilft nur: Bei Ihrem Sachbearbeiter bei der Krankenkasse nachfragen, ob diese das entsprechende Hilfsmittel bezahlt. Dabei durchaus auch mal hartnäckig bleiben.




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