Masern: Kleinkinder besonders gefährdet

Experten nennen Masern die kleine Pest. Aus gutem Grund: Die Erkrankung kann schwere Folgen haben. Eine Impfung ist verfügbar – doch viele Kleinkinder sind noch ohne Schutz
von Marian Schäfer, aktualisiert am 10.07.2017

Termin beim Arzt: Experten empfehlen, Kleinkinder gegen Masern impfen zu lassen

F1online/Fotosearch

Anfang Februar 2017 in Duisburg: Das städtische Gesundheitsamt meldet zehn mit Masern infizierte Babys und Kleinkinder. 16. Februar: 26 ­Fälle. 24. Februar­: 44 Infizierte, darunter 40 Kinder, davon 13 Säuglinge. 7. März: 77 ­Fälle, 61 Kinder, davon 22 Babys. 14. März: 100 Erkrankte, darunter 58 Kinder und 24 Säuglinge. Die ersten Medien fragen, ob es schlimmer kommt als 2006. Damals verzeichnete Duisburg 614 Masernfälle. Drei Kinder starben, 95 kamen ins Krankenhaus.

Aktuelle Fälle verdeutlichen, was das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin und die Bundeszen­trale für gesundheitliche Aufklärung in Köln seit Jahren betonen: dass Masern nicht harmlos sind. Und sie sind so ansteckend, dass selbst scheinbar kleine Impf­lücken zu großen Ausbrüchen führen. Was Eltern wissen sollten:


Wie gefährlich sind Masern?

Sind Masern harmlos? Impfskeptiker und -gegner behaupten das gerne­. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. "Maserninfektionen gehören zu den ansteckendsten und – vor allem für kleine Kinder und ­Erwachsene ab 20 Jahren – zu den komplikationsreichsten Erkrankungen überhaupt", sagt Professor Markus Knuf, Direktor der Klinik für Kinder und Jugendliche an den HELIOS Horst-Schmid-Kliniken Wiesbaden und Experte für Pädia­trische Infektionsimmunologie.


Prof. Dr. Markus Knuf ist Direktor der Klinik für Kinder und Jugendliche an den HELIOS Horst-Schmid-Kliniken Wiesbaden

W&B/Privat

Wie gefährlich Masern sind, zeigt sich an einer konkreten Zahl: Im Jahr 2015 mussten 23 Prozent der beim RKI gemeldeten Maserninfektionen im Krankenhaus behandelt werden (siehe auch Grafik unten). 2014 waren es sogar 43 Prozent. "Das Problem ist, dass die Masern­viren das Immunsystem der Betroffenen stark schwächen, und zwar über Wochen und Monate hinweg", sagt Knuf. Relativ häufig, ­bei etwa zehn bis 15 Prozent der Infizierten, gehen Masern deshalb mit Komplikationen wie Mittelohr- und Lungenentzündungen einher. In 0,1 Prozent der Fälle tritt eine Gehirnentzündung auf, die häufig mit Nervenschäden oder sogar tödlich endet. Erkranken Kinder unter einem Jahr, haben sie ein ­erhöhtes Risiko, Jahre später Hirnschäden zu entwickeln, die zum Tod führen.

Dass zumindest manche Eltern das Bild der harmlosen Kinderkrankheit vor Augen haben, liegt Knuf zufolge am Erfolg der Masernimpfung, den es trotz allem ­gebe: "Mit ihr ist die Krankheit weit­gehend verschwunden und damit auch die Angst vor ihr."

Wie werden sie übertragen?

Verbreitet werden ­Masernviren durch das Einatmen ­infektiö­ser Tröpfchen, die durch Sprechen, Husten, Niesen freigesetzt werden, sowie durch den Kontakt mit ­infektiösen Sekreten aus ­Nase oder Rachen etwa auf Flächen. Wie ansteckend eine Krankheit ist, messen Mediziner anhand des sogenannten Kontagions- und Mani­festationsindexes, der bei Masern nahe 100 Prozent liegt. Das heißt: Ein kurzer Kontakt reicht, um sich zu infizieren, und ­eine Infektion führt so gut wie immer zu einem Ausbruch der Krankheit.

Wie äußern sich Masern?

In der Regel kommt es acht bis zehn Tage nach der Infektion zu hohem Fieber, Schnupfen und Hus­ten. Häufig sind die Augen gerötet und tränen. Zudem treten weiße bis blauweiße Flecken auf der Mundschleimhaut auf. Genauso typisch für Masern sind die bräunlich-rosa­farbenen Haut­flecken, die sich drei bis sieben ­Tage nach den ers­ten Symptomen bilden, in der Regel zuerst im Gesicht und hinter den Ohren. Infizierte sind meist schon einige Tage vor der Fleckenbildung ansteckend.

Wie werden Masern behandelt?

Masern an sich werden nur symp­tomatisch behandelt, also etwa mit fiebersenkenden oder husten­stillenden Medikamenten. "Sobald es zu Komplikationen wie Mittelohr- und Lungenentzündungen kommt, ist oft eine Antibiotikatherapie notwendig", sagt Knuf. Die Impfung ist die einzige Möglichkeit, sich gegen Masern zu schützen.

Wann steht die Impfung an?

Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die erste Impfung zwischen 11 und 14 Monaten, die zweite zwischen 15 und 23 Lebensmonaten (siehe auch den Impfkalender). Besuchen Kinder davor eine Krippe­, wäre­ eine Impfung bereits ab neun Lebensmonaten möglich. Dadurch ließe sich die Zeit verkürzen, in der die Kleinen ­weder geimpft sind noch über ausreichenden Nestschutz verfügen. Den bekommen sie von ­ihren Müttern, wenn diese geimpft sind oder Masern hatten. Er hält oft nur etwa ein halbes Jahr (bei Geimpften eher kürzer).

Wie gut wirkt die Impfung?

Der Vorteil von Lebendimpstoffen ist, dass sie meist besser wirken als Totimpfstoffe – und das ein Leben lang. Laut STIKO gewährleistet die erste Impfdosis in 92 bis 98 Prozent der Fälle ­einen wirksamen Schutz. "Die zweite Dosis dient dazu, sogenannte Impfversager zu erreichen", erklärt Markus Knuf. Gründe für ein Impfversagen sind zum Beispiel eine falsche Lagerung des Impfstoffs oder dass er beim Spritzen nicht ins Muskel-, sondern bloß ins Fettgewebe gelangt.

Manche Impfskeptiker behaupten, Geimpfte würden gar keinen Immunschutz aufbauen, und argumentieren mit einem niedrigen Antikörper-Spiegel im Blut. "Es ist normal, dass Antikörper, die nach einer Impfung oder einer Infektion gebildet werden, oft wieder verschwinden", erklärt Knuf. Zurück bleiben Gedächtniszellen, die bei erneutem Viren-Kontakt blitzschnell Antikörper bilden.

Was bringt die Impfung?

Die Impfung ist – wie erwähnt – der einzig wirksame Schutz gegen Masern. Zudem soll mit ihr bis 2020 das klappen, was laut Nationalem Aktionsplan ­­eigentlich schon bis 2010 hätte erreicht werden sollen: die Ausrottung der Masern in Deutschland.

"Weil das Virus so ansteckend ist, brauchen wir eine Impfquote­ von 95 Prozent. Nur dann kann es sich nicht mehr verbreiten", erklärt Mediziner Knuf. Weil davon auch diejenigen profitieren würden, die nicht geimpft werden können (etwa Säuglinge, unge­impfte ­Schwangere, Menschen mit Immun­defekten), sprechen Experten oft von "Herdenimmunität" oder "Gemeinschaftsschutz" (siehe Interview unten).

Immer noch zu wenige Kleinkinder geimpft

Zwar ist die Quote der ersten Masernimpfung bei Kindern im Alter von 15 Monaten seit 2004 deutlich gestiegen. Mit 87,3 Prozent (Geburtsjahrgang von 2013) ist das Ziel aber noch weit entfernt. Zudem fällt die Quote sehr unterschiedlich aus – von 55,6 Prozent im Landkreis Rhön-Grabfeld bis 95,9 Prozent in Zweibrücken.

Gerade bei der zweiten Impfung erreichen die Ärzte außerdem nicht genügend Familien: Der Anteil der Kinder, die vor ihrem zweiten Geburtstag entsprechend der Empfehlungen der STIKO zweimal geimpft wurden, betrug für den Jahrgang von 2013 bundesweit nur knapp 74 Prozent.

Auch hier gibt es große regionale Unterschiede, in manchen Landstrichen sinken die Impfquoten sogar. So sind zum Beispiel im Baden-Württembergischen Main-Tauber-Kreis nur 39,4 Prozent der zweijährigen Kinder zweifach geimpft – im Vergleich zu 88,3 Prozent in der Stadt Wilhelmshaven in Niedersachsen.

Auch Erwachsene impfen?

Das RKI schätzt die Impfquote in der Gesamtbevölkerung auf nicht einmal 40 Prozent, wobei die meisten Personen, die vor 1970 geboren wurden, die Masern hatten und immun sind. Allerdings sind auch bei den 30- bis 39-Jährigen vermutlich nicht mehr als 50 Prozent geimpft. Wer weder genau weiß, ob er als Kind geimpft wurde, noch, ob er Masern hatte, sollte dies unbedingt nachholen.

Ist die Impfung verträglich?

"Typischerweise treten Schwellungen und Rötungen an der Einstichstelle auf", erklärt Markus Knuf, der die Impfung ansonsten für "sehr gut verträglich" hält. Laut STIKO kommt es in fünf bis 15 Prozent der Fälle zu Symptomen wie etwa Fieber, Kopfschmerzen, Mattheit, Unwohlsein oder Magen-Darm-Beschwerden und bei etwa zwei Prozent der Geimpften zu nicht ansteckenden und harmlosen Impfmasern.

Das ist möglich, weil der Mumps-Masern-Röteln-Impfstoff (meist wird diese Kombina­tion verabreicht) ein Lebendimpstoff ist. Gespritzt werden also lebende, abgeschwächte Viren, weshalb die Impfung für Schwangere sowie Menschen mit Immundefekten nicht geeignet ist.


Im Jahr 2015 mussten 23 Prozent der 2504 gemeldeten Masernfälle ins Krankenhaus. Das Balkendiagramm zeigt, wie viel Prozent der Infizierten in der jeweiligen Altersgruppe in die Klinik mussten.

W&B/Dr. Ulrike Möhle

Interview: "Wir lassen uns eher impfen, wenn wir einen sozialen Nutzen sehen"

Forscherin Dr. Cornelia Betsch von der Universität Erfurt untersuchte mit Kollegen der RWTH Aachen, wie sich die Impfbereitschaft verändert, wenn man betont, dass sich mit der eigenen Impfung andere mitschützen lassen.  

Frau Betsch, Sie sprechen von Gemeinschaftsschutz statt von Herdenimmunität. Wieso?

Der Begriff Gemeinschaftsschutz ist positiver belegt. Niemand will Teil einer Herde sein, womöglich noch einer Schafherde.

Warum haben Sie den Aspekt des Gemeinschaftsschutzes bei ­Impfungen genauer untersucht?

Uns ist aufgefallen, dass dieses Prinzip­ im Grunde wenig kommuniziert wird, obwohl es ein ganz wichtiges Wirkprinzip von Impfungen ist. Wir haben uns gefragt, was geschieht, wenn man es besser erklärt und stärker betont. Lassen sich die Menschen dann eher impfen? Oder sorgt man womöglich für mehr Trittbrettfahrer­? Theo­retisch könnten die Leute ja denken: Wenn alle sich impfen lassen, brauche ich das nicht mehr zu tun.


Privatdozentin Dr. Cornelia Betsch ist Psychologin und Scientific Manager am Center of Empirical Research in Economics and Behavioral Sciences der Universität Erfurt

/Marco Borggreve

Wie sind Sie vorgegangen?

Wir haben 2000 Menschen in Südkorea, Vietnam, Hongkong, den USA, Deutschland und den Niederlanden befragt. Dafür haben wir jeweils zwei Gruppen gebildet und in der ­einen den individuellen und in der an­deren den gemeinschaftlichen Nutzen stärker betont. Einmal ging es ­dabei um Krankheiten, die mit einem hohen Krankheitsrisiko ver­bunden werden, und einmal um solche, deren Krankheitsrisiko als niedrig wahrgenommen wird. Darunter fallen leider fast alle, für die es hierzulande Schutzimpfungen gibt.

Was war das Ergebnis?

Bei den schwerwiegenden Krankheiten gab es kaum einen Unterschied in der Impfbereitschaft. Die Leute wollten sich impfen lassen – um ihrer selbst willen. Bei den als weniger riskant geltenden Krankheiten war es anders: In den untersuchten westlichen Ländern stieg die Impfbereitschaft, sobald erklärt wurde, was Gemeinschaftsschutz bedeutet.

Was heißt das für Impfkampagnen?

Es ist in westlichen Ländern ganz wichtig, den Leuten den Gemeinschaftsschutz genau zu erklären und den sozialen Nutzen zu betonen. Anders als die Menschen in asiatischen Ländern sehen wir zunächst einmal uns und nicht die Gruppe. Zudem hat unsere Studie gezeigt, wie man am besten informiert: Eine wichtige Rolle spielen hier inter­aktive Formate. Gut sind Simulationen, wie es sie etwa auf www.musketierprinzip.de gibt. Ein starkes Motto fürs Impfen: Einer für alle, alle für einen!



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