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Masern: Infektion mit Folgen

Experten nennen Masern die kleine Pest. Aus gutem Grund. Die Erkrankung kann die Gesundheit von Kindern massiv gefährden. Dabei kann eine Impfung schützen


Kleiner Piks: Auch gegen Masern kann man Kinder impfen lassen

Eigentlich dürfte es sie gar nicht mehr geben in Deutschland. Laut Plan sollten die Masern seit 2010 ausgerottet sein. Doch die Rechnung der Weltgesundheitsorganisation ging nicht auf. Die nötige Impfquote wurde hierzulande nicht erreicht. Und so sind die fiesen Erreger nach wie vor aktiv.

Dieses Jahr gab es bereits kleinere Ausbrüche in Lübeck und in München. 2010 erkrankten 770 Menschen an Masern. Masern zählen zu den klassischen Kinderkrankheiten. Doch so harmlos, wie das klingt, sind sie nicht. Kleine Pest, Morbilli, nennen Mediziner sie daher. Etwa 90 Prozent der ungeimpften Kinder infizieren sich irgendwann mit den Viren.



Masern: Die Erreger unter dem Elektronenmikroskop

Dabei kommt die Krankheit zunächst recht undramatisch daher. Hohes Fieber, Husten, Schnupfen und Lichtempfindlichkeit sind die ersten, eher allgemeinen Symptome. Einen Hinweis auf Masern geben in dieser Phase rote Flecken mit einem weißen Punkt, die sich auf der Wangenschleimhaut befinden und auftauchen, sobald das Fieber leicht sinkt.

Beim zweiten Krankheitsschub steigt das Fieber erneut an. Der typische rote, fleckige Ausschlag, der hinter den Ohren beginnt, überzieht den Körper. Der Arzt kann die Symptome behandeln, gegen die Viren kann er nichts ausrichten. Allerdings hinterlassen die Masern eine lebenslange Immunität.

Das Gefährliche: „Die Krankheit hat eine der höchsten Komplikationsraten. Die Erreger schwächen das Immunsystem, sodass die Kinder viel anfälliger für weitere Infektionskrankheiten sind“, erklärt Dr. Heike Dobrev, niedergelassene Kinderärztin in Dresden. Das können Mittelohrentzündungen, Lungenentzündungen oder Kehlkopfentzündungen sein. „Am schlimmsten sind Gehirnentzündungen, die zu Behinderungen oder sogar zum Tod führen können. Das kommt in etwa einem von 1000 Fällen vor“, so Dobrev.

Sehr selten, dafür aber noch dramatischer ist eine andere mögliche Spätfolge der Maserninfektion: die subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE). Diese generalisierte Gehirnentzündung kann bis zu zehn Jahren nach der Masernkrankheit auftreten und trifft etwa einen von 10.000 Erkrankten. „Das ist eines der schrecklichsten Krankheitsbilder, das ich bei Kindern erlebt habe“, sagt Professor Gerhard Gaedicke, ehemaliger Direktor der Klinik für allgemeine Pädiatrie und Kinderchirurgie an der Berliner Charité.

„Kerngesunde Kinder entwickeln binnen weniger Monate irreparable Hirnschäden, die unweigerlich innerhalb eines Jahres zum Tode führen.“ Ein erhöhtes Risiko für die sehr seltene SSPE haben Kinder, die im ersten Lebensjahr eine Masernerkrankung durchgemacht haben.

Ärzte wie Heike Dobrev und Gerhard Gaedicke raten den Eltern deshalb entschieden, ihre Kinder impfen zu lassen. Denn das einzige Mittel gegen die Masern ist Prävention. Geimpft wird meist in Kombination mit Wirkstoffen gegen Mumps und Röteln, eventuell auch gegen Windpocken.

Anders als bei vielen anderen Impfungen wird dabei ein Lebendimpfstoff verabreicht, der das Immunsystem des Kindes anregt, Abwehrstoffe zu bilden. Die ständige Impfkommission (STIKO) in Berlin empfiehlt, Kinder erstmals zwischen dem 11. und dem 14. Lebensmonat impfen zu lassen und das Ganze noch einmal zwischen dem 15. und dem 23. Monat zu wiederholen.

„Mit der ersten Impfung werden rund 95 Prozent der Kinder immunisiert“, sagt Heike Dobrev, „mit der zweiten wollen wir noch diejenigen erreichen, die nach dem ersten Mal keinen ausreichenden Schutz aufgebaut haben.“

Doch gerade bei der zweiten Impfung werden nicht genügend Familien erreicht. So weiß Dr. Anette Siedler, Epidemiologin am Robert-Koch-Institut: „Wir haben da nur eine Impfquote von etwa 90 Prozent. Das ist zu wenig.“ Denn erst wenn mindestens 95 Prozent der Bevölkerung geimpft sind, entsteht ein sogenannter Herdeneffekt: „Dann wird die Viruszirkulation unterbrochen, und es sind auch diejenigen geschützt, die selbst nicht geimpft werden können, wie etwa Säuglinge“, erläutert Siedler.

Daher rät die STIKO seit 2010 auch allen Erwachsenen, die nach 1970 geboren wurden und die Krankheit noch nicht durchgemacht haben oder nicht dagegen geimpft wurden, sich immunisieren zu lassen.

Die Krankheit hat in den vergangenen Jahrzehnten viel von ihrem Schrecken verloren, weil sie so selten geworden ist. Aber immer wieder kommt es zu Masernepidemien. In Berlin hat sich nach Angaben des Robert-Koch-Instituts die Zahl der Masernerkrankungen 2010 im Vergleich zum Vorjahr verdreifacht. „In vielen Westberliner Bezirken und manchen Regionen Bayerns oder Baden- Württembergs ist die Impfmoral eine Katastrophe“, meint Gaedicke.

Immer wieder schüren Impfgegner Ängste vor vermeintlichen Nebenwirkungen der Immunisierung – in diversen Internetforen oder auf Webseiten kursieren entsprechende Berichte. Gebetsmühlenartig wird dabei etwa die Studie des britischen Chirurgen Andrew Wakefield zitiert, der Ende der 90er-Jahre behauptet hatte, es gebe einen Zusammenhang zwischen der Masernimpfung und Autismus. Mittlerweile ist bewiesen, dass Wakefields Studie auf gefälschten Daten beruhte.

Dennoch sind nach wie vor viele Eltern verunsichert. Das erlebt auch Heike Dobrev in ihrer Praxis: „Es gibt eine eher bildungsnahe Klientel, die ausgesprochen impfskeptisch ist. In solchen Fällen diskutiere ich wieder und wieder und versuche klarzumachen, dass der Verzicht auf die Impfung höchst riskant ist.“

Gerhard Gaedicke versucht, die Eltern seiner kleinen Patienten bei der Ehre zu packen: „Die Masernimpfung schützt nicht nur das Leben des eigenen Kindes, sondern auch das von anderen. Sich dafür zu entscheiden, sollte eine Frage der Verantwortung fürs eigene Kind und der Solidarität mit anderen sein.“

Unsere Experten:


Dr. Heike Dobrev ist niedergelassene Kinder- und Jugendärztin in Dresden.


Professor Gerhard Gaedicke war Direktor der Klinik für allgemeine Pädiatrie und
Kinderchirurgie an der Berliner Charité.


Dr. Anette Siedler ist Epidemiologin am Robert-Koch-Institut in Berlin.



Dr. Susanne Kailitz / Baby und Familie; 14.07.2011
Bildnachweis: Focus/SPL, W&B/Privat, Banana Stock/ RYF

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