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Kopfschmerzen bei Kindern: Die Stress-Krankheit

Untersuchungen zeigen: Immer mehr Kinder leiden unter Kopfschmerzen und benötigen ärztliche Behandlung. Schuld ist der Alltagsstress, der schon die Kleinen am Entspannen hindert


Zu wenig Ruhe im Alltag: Dann fällt abschalten schwer, der Kopf brummt

Es brummt, hämmert und pocht immer öfter in den Köpfen deutscher Kinder. Zwei von zehn trifft es schon vor der Einschulung, bis zum ­Ende der Grundschule hat die Hälfte schon mal Kopfschmerzen gehabt. „Im Vergleich mit Daten von vor 40 Jahren verzeichnen wir einen Anstieg von mehreren Hundert Prozent“, sagt Professor Peter Kropp vom Zentrum für Nervenheilkunde an der Medizinischen Fakultät der Universität Rostock. Er leitet dort das Institut für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie und beobachtet, dass immer mehr Kinder wegen Kopfschmerzen zum Arzt müssen.


Viele Kinder stehen unter Stress

Was ist los in den Köpfen der Kleinen? Zu viel, könnte man sagen. „Im Gegensatz zu den 1970er-Jahren, in denen keine vollen Tagespläne und weniger Leistungsdruck herrschten, kommen Kinder heute oftmals erst abends zur Ruhe. Das ist zu spät“, sagt Kropp. Die Kleinen leiden immer häufiger unter Stress. Der lässt sie schlecht schlafen, und so entspannen Kopf und Körper sich nicht ausreichend. Als Reaktion verspannen sich Muskeln von Kopf und Nacken, und die Nerven reagieren schon bei sonst harmlosen Reizen mit Schmerzsignalen.



Peter Kropp leitet das Institut für Medi­zinische Psy­chologie und Medizinische Sozio­logie an der Universität Rostock

Kopfschmerz steckt in den Genen

Die meisten Patienten tragen die Bereitschaft für Kopfschmerzen bereits in ihren Genen. Ausgelöst werden sie aber erst durch bestimmte Faktoren, sogenannte ­Trigger. ­Diese sind zahlreich und wirken bei jedem Kind anders. Neben Schlafmangel, vollen Stundenplänen und Leis­tungsdruck ist häufig Bewegungsmangel ein Grund für schmerzende Köpfe. Auch Fernsehen und Videospiele stehen im Verdacht, Trigger zu sein.

„Das Problem mit den Medien ist ihre Geschwindigkeit“, sagt Professor Florian Heinen, Leiter der Kinderneurologie am Dr. von Haunerschen Kinderspital in München. „Man taktet sich sozusagen genauso schnell, wie der Film oder das Video­spiel abläuft.“ Anders beim Bücheranschauen: Das läuft genau in der Geschwindigkeit ab, die das Kind braucht. So erholt sich der Kopf.



Florian Heinen leitet die Pädia­­trische Neurologie am Dr. von Hauner­schen Kinderspital in München

Auch Migräne immer häufiger

Die meisten Kinder leiden unter Spannungskopfschmerzen, aber auch Migräne tritt immer häufiger auf. „Bei Kleinen können wir oft nicht genau sagen, welchen Typ Kopfschmerz sie haben, da sie ihr Leiden noch nicht beschreiben können“, sagt Heinen. Bei Größeren drücken Spannungskopfschmerzen meist auf beiden Seiten des Kopfes und verschwinden bei leichter körperlicher Anstrengung. Während eines Migräneanfalls ist an Bewegung in der Regel nicht mehr zu denken. Die stark pulsierenden, pochenden, meist einseitigen Schmerzen würden sich dadurch sogar noch verstärken.

Regelmäßige Phasen von Unwohlsein können schon bei Babys ein Zeichen für Migräne sein. Mit der Zeit werden die Schmerzen immer differenzierter: „Bei Dreijährigen zeigt sich eine Migräne oftmals als Bauchweh, später kommen Schwindelgefühle dazu, oder das Kind hält für längere Zeit den Kopf schief“, sagt Heinen. Erst Fünfjährige spüren eine Migräne wirklich auch im Kopf. „Einen Geschlechterunterschied gibt es in dem Alter noch nicht, erst mit der Pubertät trifft es weitaus häufiger Mädchen als Jungen“, sagt Psychologe Kropp. Übrigens können auch Spannungskopfschmerzen regelmäßig auftreten, bis hin zu chronischen Beschwerden.

Kopfschmerzen: Wann zum Arzt?

Bei einmaligen leichten Kopfschmerzen muss ein Kind nicht sofort zum Arzt. „Wenn Übelkeit, Erbrechen oder Schmerzen in anderen Körperregionen dazukommen, sollte ein Arzt sofort ausschließen, dass schlimmere Krankheiten wie eine Hirnhautentzündung dahinterstecken“, sagt Heinen. Ansonsten hilft eine ruhige Umgebung oder ein kühlender Waschlappen auf dem Kopf (siehe Tipps unten). Wichtig: Schmerzmittel sollten Kinder nur mit einer differenzierten ärztlichen Diagnose und nach genauer Vorgabe des Arztes bekommen. „Viel wichtiger ist allerdings, die Gründe für die Schmerzen zu finden“, betont Kropp.

Wer weiß, wann genau der Kopf dröhnt, kann vorbeugen. Ärzte empfehlen deshalb, ein Schmerztagebuch zu führen. Nach einigen Wochen zeigt sich meis­t ein Muster, nach welchem die Kopfschmerzen erscheinen. „So lernen Kinder, wie sie in sich hineinhorchen können. Sie merken schneller, wann es dem Körper zu viel wird, und wissen, sie müssen jetzt Pause machen“, erklärt Heinen. Generell helfen Ausdauersport und Ruhe. Das heißt: keine wilden Tobereien gleich nach dem Kindergarten. Stattdessen: erst mal einen Gang runterschalten. „Schnelle Übergänge tun Kopfschmerzpatienten nicht gut“, sagt Kroll. Er hält auch nichts von Verboten. Alles, was Spaß bringt, sollen Kinder auch weiterhin machen. Nur eben bewusster, langsamer. Ein weiterer Punkt, um Kopfschmerzen zu vermeiden: ausreichend trinken. Ein sechsjähriges Kind braucht mindestens einen Liter Flüssigkeit am Tag.


Sanfte Strategien gegen Kopfschmerzen

  • Dunkelheit

    Wird dem Kopf alles ­zu viel, braucht er eine ­Pause. Daher so wenig Reize wie möglich: kein Lärm, kein Licht, keine anregen­den Tätigkeiten.


    1/5

  • Nachschlafen

    Wird der Körper aus dem Tiefschlaf heraus geweckt, reagiert er manchmal mit Kopfschmerzen. Denn das Gehirn kann die Reize des Aufwachens nicht so schnell verarbeiten: Der Kopf brummt. Dann hilft es, sich noch 30 bis 60 Minuten (nicht länger!) hinzulegen, danach sind die Schmerzen meist weg.


    2/5

  • Lachen

    Doppelt entspannend: Nicht nur die Muskeln lockern sich, wenn man ein paarmal herzhaft lacht. Auch die Laune hellt sich auf, und negativer Stress hat keine Chance mehr.


    3/5

  • Kühlen

    Ein kalter Waschlappen auf der Stirn sorgt dafür, dass sich die Gefäße ­zusammenziehen und der Kopf dadurch weniger schmerzt.


    4/5

  • Ätherische Öle

    Verdünntes Pfeffer­minzöl hilft schon nach wenigen Minuten. Einfach ein paar Tropfen mit den Fingern auf die schmerzende Stelle massieren.


    5/5

Behandlung unterscheidet sich je nach Ursache

Akute Kopfschmerzen vom Spannungstyp werden anders behandelt als eine Migräne-­Attacke. „Es ist wichtig, dass eine Migräne so schnell wie möglich eingedämmt wird. Da kommen Medikamente wie Ibuprofen ins Spiel. Ansonsten ziehen Migräniker sich bei einem Anfall meist selbst zurück und vermeiden Lärm und starkes Licht“, sagt Heinen. Bei Spannungskopfschmerzen gilt: langsam runterkommen, sich gemeinsam hinlegen oder leichte Bewegung, zum Beispiel ein Spaziergang. „Kindern helfen Fantasiereisen oftmals sehr gut“, sagt Experte Kropp. „Wenn die Eltern eine Geschichte erzählen, in der das Kind in Gedanken über eine Wiese läuft und dort etwas erlebt, verschwinden die Schmerzen.“

Bei beiden Formen kommt es darauf an­, dass Kinder lernen, wie sie sich entspannen können. Das Angebot solcher Maßnahmen ist groß. Als wirksam hat sich die progressive Muskelrelaxation nach Jacobson erwiesen. Auch Verhaltenstherapien zeigen gute Ergebnisse. So lernen Kinder, dass sie nicht immer der Erste oder Beste sein müssen. „Das übt so viel Druck aus, dass dadurch Kopfschmerzen entstehen“, sagt Kropp. Auch Biofeedback, Akupunktur oder bestimmte Hypnoseverfahren haben schon geholfen. „Welche Therapie ein Patient bekommt, wird individuell entschieden und richtet sich nach Kopfschmerztyp und nach dem Lebensstil der Familie“, erklärt Heinen. Nur in bestimmten Fällen verschreibt er Medikamente.

Umgang mit Stress lernen

Der richtige Umgang mit Stress sollte dagegen immer im Vordergrund stehen. Das gilt für alle Kopfschmerzarten sowohl zur Vorbeugung als auch für die Behandlung. „Die nichtmedikamentösen Verfahren wirken bei Kindern in der Regel viel besser als Tabletten“, sagt Kropp. Trotzdem beobachtet sein Kollege Heinen, dass Kinder und Jugendliche nach wie vor zu oft Mittel gegen Kopfschmerzen verschrieben bekommen. „Viele Ärzte bagatellisieren die Probleme der Patienten. Die vermeintlich ­schnelle Tabletten-Therapie hilft den Kindern nur selten. Dabei ist Kopfweh fast immer sehr gut ­­behandelbar.“




Bildnachweis: W&B/Bethel Fath, W&B/Privat, Thinkstock/iStockphoto

Julia Lüneburg / Baby und Familie; aktualisiert am 14.10.2013, erstellt am 17.10.2011
Bildnachweis: W&B/Bethel Fath, W&B/Privat, Thinkstock/iStockphoto

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