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Was Kindern mit Neurodermitis hilft

Sonne, Wind und Wasser sind Teil der Therapie für kleine Neurodermitis-Patienten in der Fachklinik Sylt in Westerland. Hier lernen die Kinder und ihre Eltern, die Krankheit besser zu verstehen und zu behandeln


Meeresluft hilft Kindern, die eine sensible Haut haben

Hermine leckt sich die Lippen. „Mmmh, salzig“, sagt die Fünfjährige und stapft durch den puderweißen Sand auf das Meer zu. „Aber nur mit den Füßen rein“, ruft die Mutter. Da hat Hermine schon die Schuhe abgestreift, die Socken ausgezogen und rennt mit ihrer Freundin Jessica in die Wellen. Sonnenschein und eine steife Brise herrschen an diesem Herbsttag in Westerland auf der Insel Sylt. Der Wind wirbelt Hermines langes blondes Haar durcheinander. Und jedes Mal, wenn ein Wellenkamm bricht, sprühen Tausende winzige Wassertröpfchen in die Luft, die heilsame Stoffe wie Salz, Jod und Magnesium enthalten.

„Das ist Teil der Therapie“, sagt Andrea C. Ihre Tochter Hermine hat Neurodermitis. Deswegen ist die Mutter mit ihr zur Reha ans Meer gefahren. Die Fachklinik Sylt, in der Hermine und ihre Mutter vier Wochen bleiben, liegt nur hundert Meter vom Strand entfernt, gleich hinter der Düne. Die Hautkrankheit besser verstehen und behandeln lernen – das wollen sie hier.


In Deutschland leiden zehn bis 20 Prozent der Kinder unter Neurodermitis. Bei dieser chronischen Erkrankung, auch atopische Dermatitis genannt, ist die Haut trocken. In Schüben entzündet sie sich, was zu starkem Juckreiz führt. Außerdem schuppt die Haut, Krusten können sich bilden. Schuld daran ist unter anderem ein Gendefekt: „Ein wichtiges Fett, das die oberste Hautschicht zusammenhält, wird nicht richtig gebildet“, erklärt Dr. med. Sibylle Scheewe, Oberärztin an der Fachklinik Sylt. Die schützende Hülle wird durchlässig: Wasser kann entweichen, und Fremdstoffe dringen leichter ein.

Staub, Rauch, Textilien, Tierhaare, Lebensmittel, aber auch Stress können Neurodermitisschübe hervorrufen. Deswegen fahnden die Ärzte der Fachklinik zum Beispiel mit Pflaster- und Bluttests nach Auslösern und verbannen sie, wenn möglich, aus dem Leben der Patienten. Außerdem suchen sie nach der besten Hautpflege für jedes Kind. Die empfindliche Haut von Neurodermitikern muss täglich mindestens zweimal eingecremt werden. Sind die Zubereitungen gut auf die Haut abgestimmt, ist diese nicht so anfällig für den nächsten Schub. Bei Vanessa aus Oberhausen im Ruhrgebiet scheint Ärztin Sibylle Scheewe schon die richtigen Präparate gefunden zu haben. Die Wunden, die die Dreijährige letzte Woche noch hatte, sind verheilt. In der Ellenbogenbeuge ist fast nichts mehr zu sehen. „Nur Vanessas Kniekehlen sind nach dem letzten Meerwasserbad in der Klinik etwas rot geworden“, erzählt die Mutter. „Das kann anfangs manchmal sein“, sagt Sibylle Scheewe und verordnet Vanessa ein Bad mit Kaliumpermanganat, das die Heilung anregt. Außerdem empfiehlt sie Mutter und Tochter einen Spaziergang am Meer: „Die Sonne mindert die Entzündungsreaktion, das Salzwasser kühlt die Haut, Wind und Seeluft regen das Immunsystem an“, erklärt die Reizklima-Expertin.


Hermine muss heute zum Pflastertest. Dass das Mädchen aus der Nähe von Heidelberg auf Ei und Milch allergisch reagiert, weiß die Mutter bereits. Konsequent hat sie deshalb diese Nahrungsmittel vom Speiseplan gestrichen. Trotzdem wurden die Schübe in den letzten Monaten immer häufiger und schlimmer. Nacht für Nacht kratzte sich Hermine, bis Blut floss. Andrea C. wechselte alle zwei Tage die Bettbezüge. Immer wieder brachen die Wunden an Unterarmen und Beinen auf, obwohl die Mutter das entzündungshemmende Kortison anwendete. „Wir waren am Ende“, sagt Andrea C. Der Kinderarzt schlug der Mutter vor, zur Reha zu fahren und auf die Suche nach neuen Auslösern zu gehen.

Reagiert Hermine vielleicht auch auf Nickel, bestimmte Duft- oder Arzneistoffe? Die Laborantin klebt der Kleinen sechs lange Pflasterstreifen von den Schulterblättern abwärts auf den Rücken. Darunter verbergen sich 28 Testungen. Entstehen in den nächsten zwei Tagen bei bestimmten Stoffen Rötungen, Pusteln oder Quaddeln, ist das ein Indiz für eine allergische Reaktion. Genaue Ergebnisse bringt dann der Bluttest. Hermine erhält außerdem seit ein paar Tagen nur allergenarme Kost wie Reis, Brokkoli oder Pute in der Kantine der Klinik. Dieses Essen verträgt sie gut. Alle zwei Tage kommt ein neues Lebensmittel dazu. Löst dieses einen neuen Schub aus, wird es erstmal vom Speiseplan verbannt.

Manchmal lassen sich aber trotz modernster Medizin nicht alle Auslöser aufspüren. „Der Hautzustand von Neurodermitikern wird einfach immer mal wieder besser und schlechter“, erklärt Sibylle Scheewe. „Gut ist, wenn Eltern da relativ gelassen bleiben.“ Denn Stress überträgt sich auf die Kinder. Dadurch schüttet ihr Körper Stoffe aus, die den Juckreiz fördern. Und schon beginnen die Kleinen wieder, sich zu kratzen, und die Haut entzündet sich. Ein klarer Tagesablauf, feste Eincremerituale und Entspannungstechniken wirken dem entgegen.

Zusammenhänge wie diese erfahren die Eltern in Schulungen an der Fachklinik Sylt, auch wie die Krankheit entsteht und wie man sie tagtäglich und in akuten Phasen behandelt. Heilformen, die begleitend eingesetzt werden können – wie Homöopathie oder Akupunktur, sind ebenso ein Thema. Sibylle Scheewe nimmt den Eltern außerdem die Angst vor Kortison, die tief in ihren Köpfen sitzt. Tatsächlich kann das Hormon die Haut verdünnen, wenn man es falsch anwendet. Aber die neuen Präparate dringen kaum noch in den Blutkreislauf ein, und im akuten Schub helfe nun mal nichts besser, so die Expertin.

„In den Schulungen habe ich eine Menge erfahren“, sagt Olga B. aus Lahr in Baden-Württemberg, die mit ihrem Sohn Calvin in der Klinik ist. „Dass man zum Beispiel Kortison ausschleichen muss, hat mir vorher kein Arzt erklärt.“ Auch die Salbe für die Basispflege, die die Mutter verwendete, war in dieser Jahreszeit nicht ideal für den Fünfjährigen. Von Kopf bis Fuß zerkratzt, mit offenen Knien, Ellenbogen und Händen kam der Junge in die Klinik. Die Ärzte verordneten Calvin Heilsalbe mit Zink, Crememassagen und Bäder mit Meerwasser. Und die Haut erholte sich.

Das gleiche Programm hat auch Florian (12)hinter sich. Er ist ohne seine Eltern in der Klinik. „Meine Haut sieht schon viel besser aus“, sagt er, kann sie aber nicht zeigen, weil ihm die Schwester nach dem Eincremen Schläuche aus Baumwolle über die Arme gezogen hat. So zieht die Salbe gut ein. Auch Florian nimmt an Schulungen teil. Dort lernt er etwa, dass Shampoo mit Parfüm die Haut reizt und dass es bestimmte Cremes für rote und andere für offene Stellen gibt.

„Heilen kann man Neurodermitis noch nicht, aber man kann lernen, mit der Krankheit zu leben“, erklärt Scheewe. „Die meisten Kinder kann man gut therapieren, und oft heilt die Krankheit sogar von alleine aus.“ Etwa die Hälfte der Kinder, die als Säuglinge unter Neurodermitis litten, haben keine Hautveränderungen mehr, wenn sie in die Schule kommen. Bei manchen Jugendlichen verschwindet die Neurodermitis auch noch in der Pubertät. Einem Teil der Kinder steht aber eine sogenannte Allergikerkarriere bevor: War als Erstes die Haut betroffen, kann es als Nächstes die Nasenschleimhaut sein. Das führt zu Heuschnupfen. Und später können die Bronchien überreagieren, mit der Folge von allergischem Asthma. In jedem zweiten Fall bleibt eine solche Erkrankung auch im Erwachsenenalter bestehen. „Zu 70 Prozent sind die Allergien genetisch programmiert“, sagt Sibylle Scheewe. Dennoch könne man vorbeugen.

Ob bei Hermine, Vanessa, Florian oder Calvin – die Wunden der Kinder sind am Ende der Kur verheilt. Doch die Kinder und ihre Eltern wissen, dass irgendwann wahrscheinlich der nächste Schub kommt und was sie dann dagegen tun müssen. Calvin erhält kurz vor der Abreise noch einmal eine Crememassage. Er streckt sich, genießt, wie geschmeidig die Hände der Therapeutin über seinen Körper gleiten. Seine Haut ist braun gebrannt. Nur winzige weiße Narben an Knien, Ellenbogen und Händen erinnern noch an die offenen Stellen.



Tina Haase / Baby und Familie; 20.08.2010
Bildnachweis: W&B/Imagesource

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