Ständig entzündet: Müssen die Mandeln raus?

Häufige Mandelentzündungen, ständig Antibiotika: Viele Ärzte raten bei Kindern dann zur Mandeloperation. Aber: Abwarten lohnt sich!
von Anne-Bärbel Köhle, aktualisiert am 11.08.2015

Mandelentzündung: Eine Mandel-OP ist nicht immer die beste Lösung

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Mandeln raus oder lieber nicht? Wie Ärzte ­diese Frage beantworten, hängt offenbar manchmal weniger von medizinischen Überlegungen als vom Wohnort ab. Das belegt eine Studie der Bertelsmann Stiftung in Gütersloh über "Regionale Unterschiede in der Gesundheitsversorgung". Bei den Gaumenmandeln – medizinisch korrekt: Tonsillen – sind die Zahlen besonders auffällig. In Kreisen mit den meisten Operationen liegt die OP-Häufigkeit um mehr als das Achtfache höher als in Kreisen mit den wenigsten Mandelentfernungen. Der mögliche Grund, laut Studie: Gerade in Gebieten mit kleineren Kliniken wird öfter an den Mandeln operiert, weil dies Geld in die Kasse spült.

Bei 48 von 10.000 Kindern und Jugendlichen im Jahr führen Ärzte diese Operation in Deutschland durch – einer der häufigsten chirurgischen Eingriffe überhaupt, auch heute noch. Das berichtet der Faktencheck Gesundheit der Bertelsmann Stiftung. Dabei raten die meisten Kinder- und Hals-Nasen-Ohren-Ärzte ­inzwischen dazu, sich den Griff zum Skalpell genau zu überlegen.


Prof. Dr. med. Tobias Tenenbaum ist Oberarzt an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Mannheim

W&B/Privat

Mandeln haben wichtige Immunfunktion

"Gaumenmandeln haben ­eine wichtige Immunfunktion", sagt Professor Tobias Tenenbaum, Oberarzt an der Klinik für Kinder- und Jugend­medizin des Universitätsklinikums Mannheim und Spezialist für Infektionskrankheiten bei Kindern. Die Tonsillen sind das Zentrum des sogenannten lymphatischen Rings. Alles, was geschluckt wird oder durch den Mund gelangt, muss an ihnen vorbei und wird dort überwacht. Gaumenmandeln produzieren ­etwa vermehrt eine bestimmte Form weißer Blut­körperchen, die für das Erkennen und Abwehren von Infektionen maßgeblich sind. Dazu kommt: Kinder müssen sich mit vielen Erregern, die ihr Organismus noch nicht kennt, auseinandersetzen. Hier dienen die Tonsillen als erste Abwehrstation.

Die Immunwächter in den Mandeln bekämpfen nicht nur Krankheitskeime. Sie merken sich die Keime auch und tragen so zum immunologischen Gedächtnis und zum Aufbau der Abwehrkräfte bei. "In den ers­ten fünf bis zehn Lebensjahren sind die Tonsillen von entscheidender Bedeutung. Danach nimmt dies ab", sagt Tenenbaum. Für Erwachsene spielt die Immunfunktion der Mandeln nur ­eine untergeordnete Rolle.

Mandel-OP reduziert Entzündungen kaum

Ständig wiederkehrende Mandelentzündungen, die mit Antibiotika behandelt werden müssen: Früher galt dies als Grund, die Mandeln doch zu entfernen – in der Hoffnung, dass damit auch ­ein Entzündungsherd verschwinden möge. Die Rechnung geht aller­dings nicht auf. Studien zeigen: "Maximal ein bis zwei Erkrankungen im Jahr hat ein betroffenes Kind ­ohne Mandeln weniger", sagt Tenenbaum. "Das bringt kaum einen Gewinn." Denn das Problem kann sich verlagern. Statt unter Mandelentzündung leiden die Kleinen dann etwa unter Seitenstrang-Angina. "Die Keime siedeln sich einfach woanders an", sagt Kinderarzt Tenenbaum.

Nur wenige Gründe gibt es, die eine Mandel-OP zwingend erforderlich machen. Dazu gehört ein Abszess, eine gefährliche Eiter­ansammlung an den Mandeln, die dazu führen kann, dass die Infektion ausufert. Manche Kinder leiden aber auch unter sogenannten kissing tonsils. Was so romantisch klingt, kann die Kleinen in ihrer ­gesamten Entwicklung stören. Denn dabei sind die Tonsillen so groß, dass sie sich berühren, sich quasi küssen. Die Folgen sind Atemschwierigkeiten, nächtliche Atemaussetzer und im Extremfall Gedeihstörungen. In diesem Fall reicht es aber meist, die Mandeln zu verkleinern, statt sie ganz herauszunehmen. Dabei entfernt der Chirurg nur den Teil des Gewebes, der über den Gaumenbogen hinaus­reicht. Der Rest der Mandeln bleibt bestehen. Der große Vorteil dieses Verfahrens: Die Immunfunk­tion bleibt erhalten. Und: Wird die Mandel per Laser lediglich beschnitten, sinkt auch die Gefahr von Nachblutungen.


Prof. Dr. med. Friedrich Bootz ist Direktor der Klinik und Poliklinik für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde/ Chirurgie des Universitätsklinikums Bonn

W&B/Rainer Unkel

Nachblutungen: selten, aber gefährlich

Das ist ebenfalls einer der Gründe, warum Ärzte heute nicht mehr so schnell zum Skalpell greifen. Zwar ist eine sogenannte Tonsillektomie ein Routineeingriff. Aber: "Die Wunde in der Mundhöhle, die ­eine Gaumenmandelentfernung hinterlässt, kann man nicht nähen. Sie muss sich von selbst schließen", erklärt Professor Friedrich Bootz von der Klinik und Poliklinik für Hals-Nasen-Ohren-Erkrankungen des Universitätsklinikums Bonn. In diesem Prozess kann es zu einer seltenen, schwerwiegenden Komplikation kommen, an der Kinder und Erwachsene versterben können: die Nachblutung.

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen schätzt, dass es bei vier von hundert Kindern nach ­einer Mandel-OP zu Nachblutungen kommt. Meist tritt diese Komplikation in den ers­ten 24 Stunden nach der Operation auf. Aber auch bis zu drei Wochen nach der OP kann die Wunde bluten, dann etwa, wenn sich der Wundschorf ablöst. Gerade diese späte Komplikation fürchten die Ärzte am meisten. "Die Blutungen treten auf, wenn die Kinder daheim, also mitunter weit entfernt von der Klinik, sind", sagt Friedrich Bootz. Bei einer Nachblutung aber müssen Ärzte schnell handeln und die Wunde erneut versorgen. Im schlimmsten Fall kann das Kind sonst verbluten.

Todesfälle als Folge der Mandeloperation

So starben in Österreich im Jahr 2006 fünf Kinder an den Folgen ­einer Mandel-Operation. Für die dortigen medizinischen Fachgesellschaften war das ein Anlass, ­eine gemeinsame Empfehlung zur ­Entfernung der Gaumenmandeln herauszugeben. Deutsche Pädiater und HNO-Ärzte formulierten vor einigen Jahren ein Papier mit denselben Forderungen im Deutschen Ärzteblatt.

Im Wesentlichen besagen sie: Nur noch nach zahllosen Mandelentzündungen, bei Abszessen, kissing tonsils mit Atembeschwerden oder wenn der Verdacht auf eine Krebserkrankung besteht, sollen die Mandeln entfernt werden. Wenn möglich, sollten sie dabei lediglich verkleinert werden. Der Vorteil: "Dabei wird die Blutversorgung, die in die Mandel hineinführt, nicht tangiert", sagt Bootz. Manche OP-Methoden, etwa die Teilentfernung mittels Laser oder mit der Hochfrequenz-Chirurgie, "reduzieren das Blutungs­risiko", erklärt er. Allerdings eignet sich eine solche Mandelkappung nur dann, wenn die Mandeln nicht entzündet sind.

Häufige Mandelentzündungen: Experten raten zum Abwarten

Und selbst, wenn ein Kind häufig unter Mandelentzündungen leidet, rät Tenenbaum eher dazu, abzuwarten. "Untersuchungen zeigen nämlich: Mit den Jahren nimmt die Zahl an Mandelentzündungen sowieso ab, weil man sich bereits mit vielen Erregern auseinandergesetzt hat", erklärt der Kinderarzt. Und noch eine gute Nachricht: "Eltern heute sind mündiger, hinterfragen glücklicher­weise eher den Nutzen und Sinn einer Operation – und das finden wir Ärzte auch gut so", sagt Friedrich Bootz.


Rachen- und Gaumenmandeln haben sehr unterschiedliche Funktionen

W&B/Dr. Ulrike Möhle

Im Überblick: Gaumen- und Rachenmandeln

Die Gaumenmandeln gelten als Immunwächter und sitzen im Rachenbereich. Sind sie ständig entzündet, zu groß oder bildet sich ein gefährlicher Abszess, kann der Arzt empfehlen, sie zu entfernen. Der Eingriff in Vollnarkose dauert etwa 30 Minuten. Die Kinder müssen mehrere ­Tage in der Klinik bleiben. Die Wunde heilt binnen 14 Tagen ab. Selten kann es nach der OP zu riskanten Nachblutungen kommen.

Vergrößerte Rachenmandeln (sogenannte Polypen) sorgen oft dafür, dass sich Kinder beim Atmen durch die Nase schwertun. Sie schnarchen dann zum Beispiel nachts vermehrt, ­­häufig kommt es zu ­Problemen im Mittelohr. Die ­Rachenmadeln zu entfernen dauert etwa zehn bis 15 ­Minuten. Der Eingriff erfolgt oft ­ambulant und in Vollnarkose. Das Nach­blutungsrisiko ist äußerst gering.



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