Schädel-Hirn-Trauma: Auf den Kopf gestürzt

Meist geht es glimpflich aus. Doch wenn ein Kind bei einem Unfall ein Schädel-Hirn-Trauma erleidet, müssen Eltern richtig reagieren
von Peggy Elfmann, aktualisiert am 05.01.2016

Nach einem Sturz auf den Kopf untersucht der Arzt auch die Reaktion der Pupillen

Getty Images/The Image Bank

Manchmal passiert es schneller, als ­Elternhände zugreifen können: Das Baby fällt von der Wickelkommode, der Laufanfänger stolpert die ­Treppe hinab, oder das Kind rutscht vom Klettergerüst. Dann sitzt der Schreck tief, und die Angst vor ­einer schweren Verletzung ist groß. Hinzu kommt: Je jünger das Kind, umso häufiger ist bei einem Sturz der Kopf betroffen.

"90 Prozent ­aller Kopfverletzun­gen sind leichte Schädel-Hirn-Trau­men", beruhigt jedoch Professor Dr. med. Gerhard Jorch. Der Direktor der Universitätskinderklinik in Magdeburg und Präsidiumsmitglied der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) erklärt: "Insbesondere wenn das Kind auf die Stirn, aufs Gesicht oder den Hinterkopf gefallen ist, ist es meis­t unproblematisch." Gefahr besteht vor allem, wenn das Kleine aus ­einer großen ­Höhe (mehr als zwei Meter), mit hoher Geschwindigkeit (mehr als 30 km/h) oder auf einen harten Untergrund aufschlägt.

Kind nach Unfall gut beobachten


Prof. Gerhard Jorch ist Kinder- und Jugendarzt. Er leitet die Universi­tätskin­derklinik in Magdeburg

W&B/Privat

Allerdings lässt sich nicht immer sofort erkennen, ob sich das Kind bei einem Sturz nur eine ­Beule oder Platzwunde geholt hat oder ob das Gehirn geschädigt ­wurde. Auch eine Verletzung, die von ­außen harmlos aussieht, kann im Inneren eine Blutung auslösen. Deswegen sollten Eltern ihr Kind nach einem Unfall gut beobachten, mindes­tens zwölf Stunden lang. "Wenn ein Kind in dieser Zeit keine Anzeichen einer Bewusstseinsstörung zeigt, ist eine Hirnverletzung sehr unwahrscheinlich", erklärt Jorch, der die medizinische Leitlinie zum Schädel-Hirn-Trauma im Kindesalter federführend für die DIVI und acht weitere medizinische Fachgesellschaften erstellt hat.

"Reagiert das Kind aber nicht wie sonst, sondern langsamer oder nicht angemessen, liegt eine Bewusstseinseinschränkung vor", so der Mediziner. Typische Symp­tome sind zudem Schwindel, Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen. Diese können bis 24 Stunden nach dem Unfall auftreten. Besonders schwer lassen sich Bewusstseinseinschränkungen bei Babys erkennen. "Wollen sie nicht trinken oder plappern sie nicht mehr, können das Hinweise auf ­ein schweres Schädel-Hirn-Trauma sein", sagt Jorch. Dann sollten Eltern das Kleine auf jeden Fall vom Arzt untersuchen lassen.

Checkliste: Das können Eltern überprüfen

Oft werden die Kleinen nach einem Unfall müde. "Wenn das Kind einschläft, sollte man es in den ersten sechs Stunden nach dem Sturz stündlich wecken, auch nachts", empfiehlt der Experte. Diese Dinge sollten Eltern dann überprüfen (und zwölf Stunden später erneut):

  • Öffnet das Kind die Augen?
  • Reagiert es normal?
  • Sind beide Pupillen gleich groß?
  • Verengen sich die Pupillen unter einem Lichtstrahl, zum Beispiel einer Taschenlampe?
  • Kribbeln die Arme und Beine des Kindes oder fühlen sich taub an?
  • Hat es Kopfweh oder ist ihm übel?

Kind bewusstlos: Notarzt rufen

Wenn das Kind nach einem Unfall bewusstlos wird, also die ­Augen geschlossen hat und sie auch bei Anstoßen oder Ansprechen nicht öffnet, müssen Eltern sofort reagieren. "In so einem Fall sollte man immer den Notarzt rufen", sagt Kinderarzt Jorch. Das gilt auch bei nur kurzer Bewusstlosigkeit. Das Kind muss dann in ein Krankenhaus, damit es untersucht und notfalls operiert werden kann. Wichtig, so Jorch, sei der Transport in die richtige und nicht unbedingt in die nächstgelegene Klinik.


"Die Klinik sollte einen Computertomografen (CT), ­eine Neuro­chirurgie und eine Kinderintensivstation haben", ­empfiehlt Jorch. Nur mit einem CT oder auch einem MRT lasse sich ­eine Blutung im Gehirn nachweisen. "Eine Röntgenuntersuchung wird nur in Sonder­fällen gemacht, weil Röntgen nur den Knochen und nicht das Gehirn darstellt", erklärt Jorch. Auch Ultraschall reicht in der Regel nicht aus.

Bei Hirnblutung rechtzeitige Operation wichtig

Eine Hirnblutung kann für ein Kind tödlich sein. Denn die zunehmende Blutmenge drückt auf das Gehirn. Mit einer rechtzeitigen Operation können Neuro­chirurgen die Blutung stoppen und den Druck von der ­Schädelhöhle nehmen. Manchmal müssen sie dazu ein Stück Knochen entfernen, das später wieder eingesetzt wird. "Hirnblutungen, die rasch erkannt und intensivmedizinisch versorgt werden, heilen in der Regel gut aus", sagt Jorch. Von den jährlich etwa 70.000 Schädel-Hirn-Traumen bei Kindern und Jugendlichen, enden nur 350 tödlich.

Flüssigkeit aus Nase oder Ohr: Schädelbasisbruch möglich

Fließt klare oder blutig verfärbte Flüssigkeit aus Nase oder Ohr, kann das auf einen Schädelbasisbruch hindeuten. Auch hier gilt: schnell den Rettungsdienst rufen, der das Kind ins Krankenhaus bringt. Ein Schädelbruch wird nur operiert, wenn Knochenteile sehr stark versetzt sind oder die Hirnhaut betroffen ist. Kleinere Brüche heilen in der Regel gut von alleine, vor allem bei kleinen Kindern.

Auch nach einem kleinen Unfall brauchen Kinder in jedem Fall Ruhe. Auf wildes Toben und Rennen sollten sie erst mal verzichten und stattdessen einen Tag mit Schmökern und Kuscheln einlegen.


Alarm-Zeichen

Falls eines dieser Symptome bis 24 Stunden nach einem Kopfsturz ­auftritt, sollten Eltern mit dem Nachwuchs zum Arzt beziehungsweise in die Klinik fahren: 

- Bewusstlosigkeit
- mehrfaches Erbrechen
- starke und zunehmende Kopfschmerzen
- äußere Schädelverletzungen, die über einen kleinen Bluterguss an der Stirn hinausgehen
- auffällige Verhaltens- und Wesens­änderungen
- Gefühlsstörungen oder Lähmungen
- Schielen oder andere Auffälligkeiten der Augenstellung



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