Asthma bei Kindern

Immer mehr Kinder haben Allergien und starken Husten – manche später auch Asthma. Doch dank guter Behandlung leben heute viele beschwerdefrei

von Anne-Bärbel Köhle, aktualisiert am 01.06.2016

Kampf dem Asthma: Moderne Kortisonsprays wirken gezielt in Bron­chien und Lunge

Image Source/ RYF

Es sieht nach Notfall aus – für Eltern ist es oft ein Schock, wenn ihre Kleinen plötzlich nach Luft schnappen, weil sich ihre Bronchien verengen. Asthma: Das klingt nach lebenslangem Leiden, nach täglicher Bedrohung. Wie gut, dass sich für kleine Patienten in den letzten Jahren viel getan hat.

Gereizte Bronchien verbunden mit Luftnot: "Darunter leiden sehr viele kleine Kinder", erklärt Ex­perte Philippe Stock, Leitender Arzt Pädiatrie und Stellvertretender Ärztlicher Direktor im Altonaer Kinderkrankenhaus. Zum Glück wächst sich das Problem oft aus, auch, weil das Immunsystem stabiler wird. In vielen Fällen verschwinden die Bron­chialprobleme um die Vorschulzeit. Von echtem ­Asthma sprechen Experten erst ab dem Schulalter.


Prof. Dr. med. Philippe Stock ist ­Leitender Arzt Pädiatrie und Stellvertretender Ärztlicher Direktor im Altonaer Kinderkrankenhaus

W&B/Privat

Allergien bei Kindern früh behandeln

Bei allergischem Asthma spielt das Immunsystem verrückt. Bei den Betroffenen scheint in den Lungen die Funktion bestimmter Abwehrzellen gestört zu sein. Auch bei Heuschnupfen können Ärzte manche der Mechanismen erklären, warum das Immunsys­tem aufdreht. Sie raten: Heuschnupfen oder Allergien gegen Tierhaare, Nahrungsmittel oder Milben sollten schnell behandelt werden. "Die Hälfte der unbehandelten Heuschnupfen-Patienten entwickelt Asthma", warnt Stock. Am besten wenden sich Eltern an einen Allergologen, der etwa per Blut- oder Pricktest nach dem Auslöser sucht. Beim Pricktest­ ritzt der Arzt winzige Mengen möglicher Allergene in die Haut und beobachtet die Reaktion.

Über die Ursachen von Allergien und Asthma rätseln Fachleute nach wie vor. So identifizierten Forscher der Universitäten Oxford und München ein bestimmtes Gen, das bei der Entstehung von Asthma ­eine wichtige Rolle spielt. Mit den Auswirkungen von Luftschadstoffen beschäftigen sich Wissenschaftler in Leipzig/Halle mit Forschern der argentinischen Universität La Plata. Sie stellten fest, dass bis zu einem Drittel der Kinder in Industriegebieten um La ­Plata Atemwegserkrankungen hatten. Am Stadtrand und auf dem Land war die Rate nur halb so hoch. Welche Bedeutung die Luftverschmutzung durch Verkehr und Industrie für Kinder hat, ist aber immer noch nicht klar. "Am Stadtrand leben wohlhabendere Kinder als an viel befahrenen Straßen", erklärt Stock. "Es können also noch andere Faktoren wie Bewegung oder Ernährung eine Rolle spielen."

Asthma: Gute Therapiemöglichkeiten

Um Asthma zu behandeln, haben Ärzte heute sehr gute Möglichkeiten. Zur Langzeittherapie setzen sie etwa moderne Kortisonsprays ein. "Die neuen Medikamente wirken nur in den Bron­chien und der Lunge", sagt Stock. Das reduziert die Nebenwirkungen beträchtlich. Kortison dämpft Entzündungsprozesse und reguliert das Abwehrsystem. Zusätzlich verabreichen Ärzte in manchen Fällen den entzündungshemmenden Wirkstoff Mon­­­te­lukast. Eine weitere Medikamentengruppe sind sogenannte Bronchodilatatoren, die binnen weniger Minuten verkrampfte Bronchien entspannen. "Sie eignen sich als Notfallmedikament", erklärt Stock. Die meisten Kinder kommen mit der Behandlung bestens zurecht und können ein ganz normales Leben führen. "Sie dürfen und sollen Sport treiben", so Stock. Nur sehr wenige Kinder leiden unter schwerem Asthma. Für solche Kinder existieren Medikamente, die tief in die allergische Entzündungskaskade eingreifen, sogenannte Biologika. Diese Antikörper können gezielt die Immunantwort blockieren, die zu den allergischen Symptomen führt. Eine Art dieser Medikamente ist seit einigen Jahren zugelassen, weitere sind neu auf dem Markt und viele befinden sich noch in der Erprobung.

Ärzte empfehlen langfristige Immuntherapie

Spritze oder Pille: Zwar lindern Tabletten und Sprays etwa mit Antihistaminika oder Kortison­ die Symptome von Asthma­ und Heuschnupfen – doch die Ursache verschwindet nicht. Einhellig raten Ärzte deshalb zu einer SIT (Spezifischen Immun-Therapie), die für Kinder ab fünf Jahren zuge­lassen ist. "Sie geht an die Wurzel des Übels", sagt Stock. Dabei erhält das Kind die Allergene über längere Zeit. Das Immunsystem ent­wickelt so eine Toleranz. Die SIT gibt es als Spritze unter die Haut oder als Tabletten oder Tropfen­ unter die Zunge. Beide Formen sind "sehr gut wissenschaftlich über­­prüft. Inzwischen sind die Langzeitwirkungen nicht nur für die Spritzentherapie, sondern auch für die Tabletten, die unter die Zunge gelegt werden, ausgesprochen gut untersucht", erklärt Stock. In beiden Fällen müssen Eltern und die kleinen Patienten Geduld haben: Die Behandlung dauert drei Jahre. Dafür kann sie wirksam verhindern, dass aus einem Heuschnupfen Asthma wird.


Was Allergien vorbeugt

Manche Faktoren können womöglich verhindern, dass Kinder Asthma, Heu­­schnupfen oder Neurodermitis entwickeln.

  • Früher Kontakt mit Keimen: Krippen-­Kinder sind offenbar besser vor Allergien ­geschützt als Kleine, die zu Hause bleiben, weil das Immunsystem frühzeitig trainiert wird.
  • Bakterien in der Nahrung: Probiotika könnten eine wirksame Waffe gegen Aller­gien sein. Sie kommen in der Muttermilch vor, die ohnehin den besten Schutz vor Allergien gewährt. Probiotika finden sich auch ­etwa in bestimmten Prä-Nahrungen und ­Joghurts. Eine Studie aus Oslo legt nahe, dass Schwangere, die probiotische Milchprodukte verzehren, das Risiko für Heuschnupfen ihres Kindes senken. Nimmt der Nachwuchs später, nach den ersten sechs Lebensmonaten, probiotische Lebensmittel zu sich, ist der ­Effekt sogar noch größer. Erste Ergebnisse, die Mut ­machen. Aber sie sind noch nicht stichhaltig genug, als dass sich daraus Empfehlungen ableiten ­lassen. "Probiotika schützen zudem nur Kinder, bei denen­ nur ein und nicht zwei Elternteile durch ­Allergien vorbelastet sind", sagt Stock.
  • Abgetötete Bakterien: An der Berliner Charité wurde untersucht, ob abgetötete Darmbakterien Kinder aus Allergie-Familien vor Neurodermitis schützen können. Interessanterweise war das nur bei Kindern der Fall, bei denen nur ein Elternteil unter Allergien litt. Bei Familien, in denen beide Eltern Allergien hatten, war wohl die erbliche Vorbelastung zu stark.
  • Nicht rauchen: Zigarettenqualm schwächt die Bronchien von Kindern, macht sie überempfindlich und erst recht anfällig für Asthma.­ Allergene können viel leichter eindringen.
  • Fisch: Meeresgetier galt lange Zeit als allergie­fördernd. Studien zeigten aber: Wenn Kinder­ ab dem Beikostalter Fisch verzehren, schütze dies vor späteren Allergien, so Stock. Der Effekt auf Babys war auch zu beobachten, wenn Schwangere mindestens einmal die Woche Fisch aßen.

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