Drucken

Affektkrämpfe bei Kleinkindern

Ohnmächtig vor Wut? Das ist bei kleinen Kindern gar nicht so weit hergeholt: Manche leiden unter sogenannten Affektkrämpfen, die auftreten, wenn sie sich aufregen. Eltern sollten möglichst ruhig bleiben


Bei Kleinkindern sind Wutanfälle keine Seltenheit. Manchmal haben diese einen Affektkrampf zur Folge

„Nein, Leon, du bekommst jetzt kein Eis!“ Die Mutter nimmt dem Zweijährigen die eben erbeutete Leckerei wieder aus der Hand. Der Kleine fängt an zu brüllen. Sein Weinen wird immer heftiger, er bekommt einen richtigen Wutanfall. Plötzlich erstarrt er, die Haut läuft nach und nach bläulich an, dann sackt der Kleine in sich zusammen und verliert das Bewusstsein. Die Mutter, gerade noch in der festen Absicht, ihrem Kind in diesem Punkt jetzt nicht nachzugeben, bekommt den Schreck ihres Lebens: Was ist mit meinem Kind los? Doch da kommt der Junge auch schon wieder zu sich.


Etwa fünf Prozent der Kinder im Alter zwischen sechs Monaten und fünf Jahren leiden unter sogenannten respiratorischen Affektkrämpfen. „Am häufigsten treten sie erstmals zwischen dem ersten und zweiten Lebensjahr auf – bei manchen Kindern dann nur vereinzelt, bei den meisten aber mehrfach, über einen längeren Zeitraum hinweg“, sagt der Neuropädiater und Psychologe Fritz Haverkamp, Professor für Soziale Medizin der Evangelischen Fachhochschule Bochum. Viel öfter als Mädchen sind Jungen betroffen. Doch so schrecklich das eben beschriebene Szenario klingt: Im Grunde sind Affektkrämpfe ungefährlich. „Die Kinder kommen danach rasch wieder zu Bewusstsein und spielen sofort normal weiter“, sagt Dr. Claudio Finetti, Leitender Arzt der Abteilung für Neuropädiatrie am Klinikum Duisburg. Die Kleinen seien nach dem Anfall weder erschöpft noch irritiert.

Affektkrampf: Dramatisch, aber ungefährlich

Doch was führt zu der schockierenden Reaktion? „Einen Affektkrampf kann man als Schutzreaktion des Körpers auf zu viel Schreien erklären“, sagt Finetti. Kleinkinder bekommen zum Beispiel häufig heftige Wutanfälle. Auslöser für den Krampf können aber auch Erschrecken, Frustration, Furcht oder Schmerz sein. Als Folge der Aufregung verschließt sich die Stimmritze des Kindes, sodass keine Luft mehr in die Lungen dringen kann. Der Sauerstoffmangel führt zunächst dazu, dass das Kind bläulich anläuft oder stark erblasst. Anschließend verliert es das Bewusstsein. Sobald es jedoch bewusstlos ist, entspannt sich sein Körper, es atmet weiter und wacht rasch wieder auf.

„Verletzen kann es sich dabei eigentlich nicht“, sagt Haverkamp. „Kinder in diesem Alter sind in der Regel unter Aufsicht, sodass sie nicht gegen irgendwelche harten Gegenstände fallen.“ Ihr Gehirn erleidet ebenfalls keinen Schaden, wie der Forscher in einer Studie herausfand. Verglichen mit Gleichaltrigen sind betroffene Kinder nicht weniger intelligent. Eine mögliche Gefahr besteht höchstens in der Reaktion der Eltern: Schütteln diese das Kind zum Beispiel panisch, könnten sie es verletzen oder verstören.

Zur Diagnose zum Arzt

Doch was sollen Eltern angesichts der dramatischen Situation tun? „Beim ersten Mal ist es unbedingt notwendig, den Notarzt zu rufen oder zum Kinderarzt zu gehen“, sagt Finetti. Dieser untersucht das Kind ausführlich und befragt die Eltern zu den Umständen des Anfalls. Dann versucht er, andere Ursachen auszuschließen – zum Beispiel einen epileptischen Anfall oder eine Ohnmacht, die von Herzrhythmusstörungen verursacht wurde.

Diagnostiziert der Arzt einen Affektkrampf, klärt er die Eltern ausführlich darüber auf, was zu tun ist, wenn das Kind weitere Anfälle erleidet. Wie oft das passiert, ist von Kind zu Kind sehr unterschiedlich: Manche sind nur ein einziges oder wenige Male betroffen, andere bekommen mehrmals pro Woche oder sogar täglich Affektkrämpfe. Die Phase dauert jedoch in der Regel höchstens bis zum fünften Lebensjahr an. „Eine Vermutung ist, dass das mit dem autonomen Nervensystem zusammenhängt“, sagt Haverkamp. „Das ist bei kleinen Kindern wahrscheinlich noch unreif.“ Auch für Finetti klingt das plausibel: „Kinder in diesem Alter neigen häufiger zu Krämpfen als ältere Kinder – zum Beispiel auch zu Fieberkrämpfen.“ Erwachsene hingegen scheinen vor solchen Anfällen geschützt zu sein. Da Affektkrämpfe familiär gehäuft auftreten, vermuten Wissenschaftler, dass auch genetische Ursachen eine Rolle spielen könnten.

Nicht die Nerven verlieren

Komplett verhindern lassen sich die Anfälle oft nicht. „Die Eltern können aber versuchen, das Kind abzulenken, sobald es sich in einen Wutanfall immer mehr hineinsteigert“, sagt Finetti. „Dazu können sie zum Beispiel laut in die Hände klatschen.“ Das funktioniere jedoch nicht unbegrenzt oft.

Erleidet das Kind trotzdem einen Affektkrampf, sollten die Eltern möglichst ruhig bleiben, darauf achten, dass sich das Kleine nicht wehtut und abwarten, bis es sich erholt hat. Dann ist es sinnvoll, zügig zur Tagesordnung überzugehen. Hat das Kind den Anfall aus Enttäuschung – zum Beispiel über ein verweigertes Spielzeug – erlitten, fühlen sich Eltern nach dem dramatischen Anfall oft versucht, seinem Willen aus Schuldgefühlen nachzugeben. „Natürlich ist ein Affektkrampf ein Schock für die Eltern“, sagt Finetti. „Trotzdem sollten sie ihren Kindern deshalb nicht alles durchgehen lassen.“

Dass ein solches Verhalten sogar das Auftreten von Affektkrämpfen fördern könnte, hat Haverkamp zusammen mit anderen Bonner Forschern herausgefunden: Die Studienergebnisse deuten darauf hin, dass Affektkrämpfe bei rund einem Drittel der untersuchten Kinder seltener auftraten, wenn Eltern besonnen darauf reagierten. Schenkten sie ihrem Kind nach dem Anfall besonders viel Zuwendung oder gaben sie seinem Willen nach, kamen die Krämpfe dagegen häufiger vor. Nach Einschätzung der Forscher heißt das aber nicht, dass Kinder solche Krämpfe absichtlich auslösen können. „Ein verstärkendes Verhalten der Eltern führt wahrscheinlich zu einem unbewussten Lerneffekt beim Kind“, erklärt Haverkamp. „Deshalb ist es wichtig, dass die Eltern – trotz aller Dramatik – möglichst freundlich und unaufgeregt reagieren, etwa so, als hätte das Kind gerade geniest.“




Bildnachweis: Fotolia/pressmaster/2010

Daniela Frank / www.baby-und-familie.de; 24.01.2012, aktualisiert am 24.01.2012
Bildnachweis: Fotolia/pressmaster/2010

Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren  »

Mehr auf www.apotheken-umschau.de

Können Sie sich mit Ihrem Partner auf ein Urlaubsziel einigen?

Memo-Spiele

Unsere Kartenaufdeck-Spiele, die ähnlich wie das klassische Memory® funktionieren »

Auf www.apotheken-umschau.de

Medikamentencheck

Nebenwirkungen und Wechselwirkungen von Arzneien überprüfen »

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages