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Wie viel Liebe braucht mein Kind?

Kinder brauchen Zuwendung. Aber wenn Eltern zu viel geben, schadet das der Entwicklung der Kleinen


Zweisamkeit: Eltern wünschen sich eine harmonische Beziehung zu ihrem Kind

Die eine Szene: Mutter und Tochter. Sie halten sich im Arm, schauen sich in die Augen, strahlen einander an, sind eins. Die andere Szene: Mutter und Tochter. Sie halten Abstand, die Mutter ist etwas genervt, ihr Kind weint, denn seine Mama hat ihm etwas verboten. Jeder ist für sich.

In welche Situation würden Sie lieber schlüpfen? „Fast alle Mütter sehnen sich nach dem ersten Beispiel, nach ganz viel Nähe zu ihrem Kind“, erzählt Diplom-Psychologin und Autorin Gertraud Finger aus Freiburg. Aber: „Das ist nur eine Seite der Mutter-Kind-Beziehung.“ Von den beiden Szenen erzählt sie den Müttern und Vätern, die sie um Rat bitten, und macht ihnen klar: Die Eltern-Kind-Beziehung braucht beides, Nähe und Harmonie, aber auch Distanz und Selbstständigkeit.


Es gibt sie, Momente vollkommener Zweisamkeit. In den ersten Wochen ist die  Mutter-Kind-Symbiose normal und auch gut. Denn die Kleinen erfahren dadurch das Urvertrauen. „Ein Baby kann man nicht verwöhnen, schon gar nicht durch zu viel Zuwendung“, sagt Psychologe Dr. Hermann Scheuerer-Englisch, Leiter der katholischen Erziehungsberatungsstelle in Regensburg. Mit etwa zehn, elf Monaten beginnen Kinder aber, selbstständig zu werden. Sie entdecken ihren Willen und wollen Dinge selber machen. „Jetzt müssen Mütter sich von dem romantischen Bild lösen“, so der Psychologe.

„Eine Mutter muss nicht permanent für ihr Kind da sein und perfekt auf seine Wünsche eingehen“, ergänzt Gertraud Finger. „Doch immer mehr Frauen haben genau diesen Anspruch an sich.“ Sie möchten alles richtig machen, wünschen sich eine harmonische, konfliktfreie Beziehung zu ihrem Kind. Und begehen damit genau den Fehler, den Partner in einer Liebesbeziehung manchmal machen: Sie klammern sich an ein Ideal, das wenig mit der Realität zu tun hat. Sie tappen in die Harmoniefalle.

"Die meisten Mütter tun sich einfach leichter damit, mit dem Kind zu kuscheln, es in den Arm zu nehmen und nachzugeben“, weiß Hermann Scheuerer-Englisch. Denn Ja-Sagen ist leichter, als etwas zu verbieten, erst recht wenn auf das Nein ein Trotzanfall folgt. Aber, so der Psychologe: „Es kann nicht immer harmonisch sein. Für Kinder ist es wichtig, dass sie auch mal Konflikte erleben.“

Wenn Eltern ihrem Kind alles erlauben und es immerzu umsorgen – also absolute Harmonie anstreben –, hemmt das den Nachwuchs in seiner Entwicklung. Besonders schwierig ist es, wenn Mütter geben und sich kümmern, bevor sich das Kleine überhaupt geäußert hat. „Wer seinem Kind immer hilft und alles für es erledigt, macht es klein“, meint Psychologin Finger. Und er verhindert, dass das Kind herausfinden kann, was es überhaupt will oder braucht.

Ein Kind, das mit einer allzeit verfügbaren und nachgiebigen Mutter aufwächst, entwickelt eher ein egozentrisches Selbstbild. Es lernt nicht, sich an Regeln zu halten. Ihm wird es wahrscheinlich auch schwerfallen, sich in eine Gemeinschaft einzugliedern.

Zudem lernt das Kind nicht, mit Frusterlebnissen umzugehen. „Jedem Menschen werden sich im Laufe des Lebens Dinge in den Weg stellen, die nicht schön oder nur schwer zu meistern sind“, sagt Erziehungsberater Scheuerer-Englisch. Keine Mutter, kein Vater, so viel Mühe sie sich auch geben, kann sein Kind davor bewahren. Umso wichtiger ist es, dass Eltern dafür sorgen, dass der Nachwuchs auch in schwierigen Momenten zurechtkommt.

In Situationen, in denen Mutter und Kind verschiedener Meinung sind, lernt das Kleine das ganze Spektrum seiner Gefühlswelt kennen und damit umzugehen. Es wird vielleicht wütend, geht von seiner Mutter weg und sagt: „Mama, du bist doof!“ Eine harmoniebedürftige Mutter lenkt ein, weil sie es nicht ertragen kann, vom Kind abgelehnt zu werden. Aber: Es ist wichtig, diesen Frust des Kleinen und die Distanz auszuhalten und auch mal die blöde Mama zu sein. Denn „wenn das Kind Ärger gegenüber der Mutter zeigen kann, macht es das stärker“, so Gertraud Finger. Es weiß, dass die Mutter es akzeptiert, wie es ist, und muss nicht in Rollen schlüpfen. Das macht das Kind selbstbewusst.

Wenn Mütter ständig nach Nähe streben, liegt das meist an der eigenen Vergangenheit. „Sie vermitteln, was sie in der eigenen Kindheit vermisst haben“, so die Expertin. Und übersehen dabei, welche Bedürfnisse ihr Kleines tatsächlich hat. „Manche Mütter geben so viel Zuwendung, dass sie ihre Kinder damit erdrücken“, sagt Finger.

Dazu kommt: Eltern haben große Erwartungen. Sie möchten die Stunden mit dem Nachwuchs genießen. „Doch diese Sehnsucht nach Harmonie setzt sie unter Druck und indirekt auch das Kind“, sagt Scheuerer-Englisch. Die Mutter will, dass die Beziehung immer kuschelig und durch Nähe geprägt ist. Aber das ist gar nicht möglich. „Wir sind nur Menschen. Es ist unrealistisch, dass wir unser Kind immer nur süß finden und geduldig mit ihm sind.“

Müde, schlapp, kaputt nach dem Arbeitstag – in solchen Momenten dürfen und sollten Eltern auch auf Abstand gehen. Kuscheln können Sie mit dem Kleinen dann zum Beispiel, wenn Sie es ins Bett bringen.



Peggy Elfmann / Baby und Familie; 27.12.2010, aktualisiert am 27.12.2010
Bildnachweis: Getty Images/Christian Baitg

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