Es kann gerade erst laufen und stolpert manchmal noch über die eigenen Füße. Aber das Töchterlein, gerade mal anderthalb Jahre alt, möchte unbedingt den 5-Kilo-Kartoffelsack in die Küche ziehen. Ganz alleine, versteht sich. Nach dem Essen besteht sie darauf, Löffel und Teller in die Spülmaschine zu stecken, und als sie den Besen in der Ecke erblickt, will sie in der Küche kehren. Wenn ihre Eltern diese Szenen nicht selbst erleben würden, sie würden nicht glauben, wie hilfsbereit Kinder sein können. Ganz normal, sagt die Pädagogin Betina Seibold. „Kleine arbeiten gerne mit“, so die Leiterin der Evangelischen Familien-Bildungsstätte in Wiesbaden. „Kinder nehmen intensiv wahr, was ihre Eltern tun, und versuchen sie zu imitieren“, erläutert sie.
Putzen mag für Eltern eine lästige Pflicht sein, für ihren Nachwuchs gleicht es einem Abenteuer. Den Besen hin und her zu bewegen oder die Blumen zu gießen, finden sie richtig spannend. Dazu kommt: Sie können sich durch ihre Hilfsdienste beweisen und zeigen, dass sie dasselbe tun wie Mama und Papa. „In unseren Studien mit Kleinkindern haben wir herausgefunden, dass sie besonders gern helfen, wenn sie dadurch zu einer Gruppe gehören“, erklärt Harriet Over, Entwicklungspsychologin am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig.
Wissenschaftler meinen, dass altruistisches Verhalten – also Helfen ohne direkten Profit – evolutionär angelegt ist. Gruppenzugehörigkeit und Hilfsbereitschaft hängen wohl deshalb zusammen, weil das Leben in einer Gemeinschaft entscheidend für das Überleben der Menschen ist. „Andere Experimente zeigten, dass Kleinkinder vor allem dann helfen, wenn andere wirklich Hilfe brauchen“, sagt Harriet Over. Und: Um einer anderen Person zu helfen, nehmen die Kleinen ganz selbstlos große Anstrengungen auf sich.
In den ersten Jahren helfen die Kinder vor allem bei der Tätigkeit, für die sie sich gerade interessieren. Das kann in einem Moment Wäscheaufhängen sein, im nächsten ist es Abspülen. Bei ihren ersten Hilfsversuchen lernen sie jede Menge. „Einen Teller aus der Spülmaschine zu nehmen oder den Boden zu fegen, erfordert viel Feingefühl“, erklärt Pädagogin Betina Seibold.
Kinder erfahren aber zum Beispiel auch Abläufe wie: Erst muss ich die Schranktür öffnen, dann kann ich etwas hineinstellen, und danach schließe ich sie. Dabei muss ich achtsam sein, sonst klemme ich die Finger ein. Außerdem merken sie, dass sie ihre Kraft einteilen sollten, weil ein Topf zum Beispiel schwerer ist als ein Teller. „Durch diese kleinen Aufgaben lernen Kinder, sich im Alltag zurechtzufinden“, sagt Betina Seibold. „Im Haushalt mitmachen – das ist die beste Förderung überhaupt.“
Der Wunsch zu helfen ist zudem ein Zeichen für das Streben nach Selbstständigkeit. Auch wenn es Eltern anfangs viel Zeit und Nerven kostet, sollten sie ihren Nachwuchs deshalb nicht bremsen. In anderen Kulturen ist es normal, dass schon Kleinkinder eigene Aufgaben bekommen.
So müssen Nomadenkinder der Dassanetch im südlichen Äthiopien morgens und abends die Zicklein hüten, während ihre Mütter die Ziegen melken. „Kleine Kinder können häufig noch nicht in dem Sinn helfen, dass sie einen entlasten“, sagt Betina Seibold. Deshalb heißt es: die eigenen Ansprüche nach Perfektion herunterschrauben. Nach und nach üben sich die Kinder in ihren Tätigkeiten, entweder im Haushalt oder bei den Dassanetch als Viehhirte – und bereiten sich so auf ihr späteres Leben vor.
Mit vier, fünf Jahren können Mädchen und Jungen regelmäßige Pflichten im Haushalt übernehmen. Welche das sind, „sollte der Nachwuchs mitentscheiden“, rät die Expertin. Fragen Sie Ihr Kind: „Was möchtest du tun?“ und geben Sie ihm nicht einfach ungeliebte Arbeiten. Gefährliche Dinge wie Bügeln sind für das Kleine sowieso tabu. Eltern sollten für ein kinderfreundliches Arbeitsumfeld sorgen, also zum Beispiel den Wasserkocher außer Reichweite stellen, damit sich das Kind nicht verletzen kann.
Haben die Kleinen eine Aufgabe übernommen, sollten sie konsequent dafür zuständig sein. Für Eltern gilt: nicht nacharbeiten, nicht meckern! „Man kann das Kind auf etwas hinweisen, aber wer sofort nachputzt gibt ihm das Gefühl, es nicht zu können“, erklärt Betina Seibold. Das demotiviert.
Je größer die Kinder werden, umso weniger interessieren sie sich in der Regel für den Haushalt. Das Helfen ist nicht mehr spannend. Wie den Nachwuchs dann motivieren? „Auf keinen Fall mit Geld“, sagt Pädagogin Seibold. Von ständigem Loben hält sie ebenso wenig. Entwicklungspsychologin Over untermauert dies mit Studienergebnissen: „Wir haben herausgefunden, dass es Kleinkinder in ihrer Hilfsbereitschaft sogar hemmt, wenn sie belohnt werden.“
Beide Expertinnen sind sich einig: Kinder, die von Anfang an eingebunden sind und ihren Teil zur Haushaltsgemeinschaft beitragen, helfen auch später. Sie wissen, dass ihre kleinen Pflichten wichtig sind und dass sie gebraucht werden.
Kleine Aufgaben für jedes Alter
Ab zwei Jahren helfen Kinder nach dem Lustprinzip. Sie können zum Beispiel Blumen gießen, beim Wäscheauf-hängen die Klammern reichen, Unzerbrechliches wie den Brotkorb zum Tisch tragen, ihr Spielzeug in Kisten verstauen und mit einem Lappen den Tisch abwischen.
Ab vier Jahren kann der Nachwuchs eigene Pflichten bekommen, etwa die dreckige Kleidung in den Wäschekorb stecken, beim Tischdecken und abräumen helfen, Staub wischen, Geschirr abtrocknen, Kuchen-teig rühren, das eigene Zimmer aufräumen, Socken in den Schrank legen und Haustiere füttern.
Ab sechs Jahren werden Kinder zunehmend selbstständig. Sie können alleine Gläser und Geschirr auf den Tisch stellen, Müll hinausbringen, Post aus dem Briefkasten holen, kleine Einkäufe machen, das eigene Zimmer sauber halten, Schuhe putzen, Obst und Gemüse schneiden, beim Kochen helfen und das Waschbecken putzen.
Peggy Elfmann / Baby und Familie;
14.10.2010, aktualisiert am 18.10.2010
Bildnachweis: Getty Images/Taxi
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