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Warum Kinder sich gerne verkleiden

In andere Rollen zu schlüfen hilft Kindern, neue Fähigkeiten zu üben. Warum, erklärt Entwicklungspsychologe Professor Werner Greve


Ob Cowgirl oder Arzt: Kinder lieben es, sich zu verkleiden

Herr Greve, warum schlüpfen kleine Kinder so gerne in andere Rollen?

Weil sich sehr viel durch Nachahmen lernen lässt. Kinder können, wenn sie als Cowboy, Prinzessin oder Tier auftreten, völlig gefahrlos andere Identitäten ausprobieren. Das schauen sie sich übrigens von den Erwachsenen ab. Die wechseln ja auch ihre Rolle, ziehen andere Kleider an und verhalten sich anders, wenn sie ins Büro oder in die Oper gehen.

Zwischen Smoking und Frosch-Montur gibt es aber einen Riesenunterschied…

Eigentlich nicht. In beiden Fällen helfen Kleider, anders aufzutreten. Wenn Kinder zum Beispiel als Frosch durchs Leben gehen, üben sie spielerisch eine Menge neuer Fähigkeiten. Ein Frosch hüpft zum Beispiel – also üben sie die neue Bewegungsform. Ein Cowboy hilft anderen: gut fürs Sozialverhalten. Wenn Kinder sich verkleiden, erproben sie also eine Menge motorischer, sozialer und kognitiver Fähigkeiten. In welchem Alter die Lust am Rollenspiel beginnt und wann sie sich wieder legt, lässt sich nicht sagen. Aber alle Kinder haben Spaß daran.



Unser Experte: Professor Dr. Werner Greve, Direktor des Psychologischen Instituts der Universität Hohenheim

Wieso muss es manchmal ausgerechnet Batman sein, der einsame Rächer?

Oder warum einer von den Ninja-Turtles? Wenn Kinder in Rollen schlüpfen, möchten sie etwas über sich herausfinden, zum Beispiel: Bin ich eher ein Einzelgänger? Fühle ich mich in der Gruppe wohl? Bin ich tapfer? Oder vielleicht ganz schlau? Bei Rollenspielen geht es vor allem darum, zu erkennen, was zu einem passt und mit welchen Eigenschaften man sich wohlfühlt.

Trotzdem: Manchmal ist es aber etwas peinlich, wenn Kinder monatelang in einer Rolle aufgehen...

Für die Eltern bestimmt – für die Kinder eher nicht. Die können, wenn sie noch klein sind, zwischen Rolle und Wirklichkeit nicht unterscheiden. Sie spielen den Cowboy nicht, sie sind der Cowboy. Ich rate allen Eltern dazu, gelassen zu bleiben. Wenn man sich zu sehr einmischt, macht man die Sache nur noch interessanter.

Hört der Spleen denn irgendwann von selbst wieder auf?

Die meisten Kinder haben nach einer gewissen Zeit keine Lust mehr, als Batman oder Lillifee herumzulaufen. Das regelt sich meist von selbst – weil die Kleinen entweder ständig darauf angesprochen oder ein bisschen gehänselt werden oder weil sie der Rolle entwachsen. In der Pubertät kann es aber wieder losgehen. Jugendliche, die besonders cool sein wollen oder einer bestimmten Gruppe angehören wollen, verkleiden sich, um in eine neue Identität zu schlüpfen. Manche wollen sogar ein Leben lang ab und zu Rollen spielen. Sie sind zum Beispiel Mitglied im Westernclub oder im Ritterverein – und haben eben auch noch als Erwachsene kindliche Freude, in Rollen zu schlüpfen.



Anne-Bärbel Köhle / Baby und Familie; 28.02.2011, aktualisiert am 01.03.2011
Bildnachweis: W&B/Privat, Strandperle Medien Services e.K./OJO Images

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