Sie können das „Töööröööö!“ von Benjamin Blümchen nicht mehr hören, Ihre Tochter aber greift jeden Nachmittag zu eben dieser Kassette mit den Abenteuern des Elefanten? Seit fast einer Stunde werfen Sie Ihrem Sohn nun den bunten Ball zu – und er ruft schon wieder: „Noch mal!“? Kinder lieben es, Dinge immer und immer und immer wieder zu tun. „Sie haben eine große Sehnsucht nach Verlässlichkeit“, sagt Wolfgang Bergmann, Erziehungswissenschaftler und Psychologe aus Hannover.
Diese Verlässlichkeit zeigt sich nicht nur in einem geregelten Tagesablauf, beispielsweise mit einem Familien-Abendessen, oder Ritualen wie das Vorlesen vorm Zubettgehen. Die Sehnsucht danach drückt sich bis ins Grundschulalter auch in kleinen Dingen aus: im Spiel, das der Nachwuchs für vier Wochen zu seiner Lieblingsbeschäftigung kürt, im Buch, das plötzlich als einziges im Regal zu stehen scheint, oder in dem Witz, den das Kind jedem erzählt, der ihm über den Weg läuft. „Damit schaffen Kinder für sich selbst eine innere und äußere Ordnung“, so Bergmann.
Und: Mithilfe von Wiederholungen lernt der Nachwuchs. Zum Beispiel das Sprechen. „Kinder wollen immer dieselben Sätze sagen und hören“, sagt Bergmann. „So lange, bis diese Sätze im Gehirn und auch in der Seele verankert sind.“ Mit jedem Mal klappt es ein bisschen besser, Erfolgserlebnisse stellen sich ein – und mit ihnen eine Bestätigung der eigenen Fähigkeiten und viel Selbstvertrauen.
Mit der „Freude des Wiedererkennens“, wie Experte Bergmann es ausdrückt, entsteht auch ein Gefühl der Sicherheit. Wissen Kinder, wie eine Geschichte ausgeht, lassen Spannung und Angst nach. Mit jeder Wiederholung erleben sie die Emotionen, die ein Buch oder ein Film in ihnen auslöst, erneut und verarbeiten sie mit jedem Mal besser.
Oft hintereinander dasselbe Spiel zu spielen, im selben Fotoalbum zu blättern, denselben Spazierweg zu wählen, mag also für Mutter oder Vater langweilig sein. Kinder empfinden das ganz anders. „Eltern machen sich viel zu viele Sorgen, den Nachwuchs ständig neu fördern und fordern zu müssen“, meint Bergmann. „Dabei suchen sich Kinder neue Anreize von allein, wenn sie einer Sache überdrüssig werden.“
Aber dafür brauchen sie erst einmal Altbekanntes. Sie entdecken auf dem Wimmelbild neue Details oder setzen die Bausteine anders zusammen. „Nachdem sie das Vertraute bis in die letzten Feinheiten erkundet haben, finden sie den Mut für den nächsten Schritt“, so der Experte. Solch eine Phase der Veränderung komme bei einem Kind häufig schubweise. Plötzlich wolle es unbedingt neue Erfahrungen sammeln, neue Freunde kennenlernen, neue Spiele ausprobieren.
In dieser Zeit ist ein stabiles Umfeld umso wichtiger. „Manche Kinder reagieren schon mürrisch, wenn die Wohnung neu eingerichtet wird oder eine andere Person als sonst sie vom Kindergarten abholt“, weiß Bergmann. „Vor allem aber trifft es Kinder tief, wenn sich die Bindung zu den Eltern verändert, Mutter und Vater sich zum Beispiel ständig streiten.“ Kinder gelten zwar als flexibel, weil sie sich Veränderungen oft leichter anpassen können als Erwachsene. „Das heißt aber nicht, dass solche Umstellungen sie nicht trotzdem belasten“, betont der Kinder- und Familienpsychologe.
Auch Überraschungen lieben Kinder nicht immer, ist Bergmann überzeugt. Weiß ein Kind, dass sich hinter einer angekündigten Überraschung ein Geschenk verbirgt – also etwas Positives –, kann es damit leichter umgehen. Das gilt vor allem an Geburtstagen, Weihnachten oder Ostern, wenn das Schenken in bekannte Rituale eingebunden ist. „Dann haben Kinder ja trotzdem Verlässlichkeitspunkte“, erläutert Bergmann. So manches Märchen kann beim ersten Hören jedoch eine belastende Spannung und Ängste auslösen, weil der Nachwuchs das positive Ende noch nicht kennt. Auch wenn Papa überraschend doch nicht zum Essen nach Hause kommt, kann das sogleich Unruhe auslösen.
Deshalb: Ertragen Sie das „Töörööö!“ noch ein Weilchen. Irgendwann geht die Elefanten-Phase vorbei. Dann singen dafür die Schlümpfe…
Julia Wölkart / Baby und Familie;
28.06.2010
Bildnachweis: Strandperle Medien Services e.K./Photo Alto
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