Schreibaby: Was können Eltern tun?

Manche Babys weinen so viel, dass sie Mutter und Vater regelrecht zur Verzweiflung treiben. So können Eltern den Kleinen helfen

von Monika Murphy-Witt, 09.12.2015

Wenn das Baby ständig schreit, zerrt das ganz schön an den Nerven

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Säuglinge schreien zu jeder Tages- und Nachtzeit, das ist normal. Schließlich ist das ihre einzige Möglichkeit, sich bemerkbar zu machen. Doch wenn sie sich durch nichts beruhigen lassen, das Gebrüll stundenlang anhält, liegen bei frischgebackenen Eltern irgendwann die Nerven blank. Wir haben uns so auf das Baby gefreut, was machen wir falsch, fragen sich viele. Und vor allem: Was können wir dagegen tun? (siehe Kasten)


Bauchweh als Ursache – und Folge

"In den ers­ten drei Monaten sind die meisten Kinder sehr unruhig. Ein bis zwei Stunden Gebrüll am Tag sind normal", sagt Dr. Tanja Brunnert, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin und Kinderosteo­pathin in Göttingen. Früher sprach man von sogenannten Dreimonatskoliken. Mediziner und Hebammen machten Verdauungsstörungen und Anpassungsschwierigkeiten des Darms für das Geschrei verantwortlich. Doch wenn Blähungen tatsächich auftreten sollten, sind sie nicht die Ursache, sondern die Folge der Un­ruhe, so ­Tanja Brunnert: "Wer drei Stunden schreit, schluckt sehr viel Luft. Das bekommt dem Bauch schlecht."

Sicher gibt es auch Babys, deren Magen-Darm-Trakt empfindlicher ist und die leicht einen harten Bauch bekommen. Langsames Trinken an der Brust oder ­Flasche können Blähungen lindern. Manche Experten empfehlen auch Kümmel- oder Fenchel­tee. Der Kinderarzt kann bei starker Gasbildung entblähende Wirkstoffe verordnen – und, falls ­alles nichts hilft, abklären, ob ­­eine Nahrungsmittel­unverträglichkeit, etwa auf Kuhmilcheiweiß, vorliegt. In der Regel sind Blähungen allerdings höchstens der Auslöser für ­eine Schrei­­attacke, der Grund für anhaltendes Schreien sind sie nicht.


Schreibaby – was hilft?

  • Möglichst ruhig reagieren. Je gestresster die Eltern reagieren, desto schlimmer wird's. Notfalls können Ohrstöpsel helfen.

  • Abklären, ob das Kind tatsächlich krank ist. Suchen Sie Rat und Hilfe bei der Hebamme oder beim Kinderarzt.

  • Einen festen Tagesablauf einführen. Vermeiden Sie Stress für das Kind. Darunter fällt auch Besuch oder Fernsehen.

  • Ein warmes Bad oder eine sanfte Massage können beruhigend auf das Kind wirken.

  • Wenden Sie sich an eine Schreiambulanz. Dort erhalten Sie Hilfe und Tipps.

  • So schlimm es auch ist, schütteln Sie niemals Ihr Kind. Legen Sie es besser an einem sicheren Ort ab und beruhigen Sie sich zunächst.

Weitere Tipps und Hilfestellungen lesen Sie weiter unten im Artikel.


Schreikinder: Empfindsame Kleine

Schätzungsweise 20 Prozent aller Babys bis zu drei Monaten schreien exzessiv. Wenn sie sich über drei Wochen hinweg mindestens an drei Tagen pro ­Woche länger als drei Stunden am Tag lautstark bemerkbar machen, gelten sie als sogenannte Schrei­babys. Diese Dreierregel, 1954 vom amerikanischen Kinderarzt Morris A. Wessel aufgestellt, gilt auch heute noch. "Diese Kinder sind von ihrer Veranlagung her extrem empfindlich und hoch sensibel. Sie sind leicht erregbar, haben sehr feine Antennen und saugen alle äußeren Reize wie ein Schwamm auf", erklärt Dr. Margret Ziegler, Ärztliche Leiterin des Schwerpunkts "Frühe Entwicklung und Kommunikation" am KBO-Kinderzentrum München. "­Allerdings können diese Kinder die Reize nicht verarbeiten, weil sie in ihrer Entwicklung noch nicht so weit sind." Experten sprechen daher von ­Regulationsstörungen.


Dr. Tanja Brunnert ist Kinder- und Jugendärztin und Kinder-Osteopathin in Göttingen

W&B/Privat

Bei den meisten Schreihälsen vergehen diese nach etwa drei bis vier Monaten. Um ­diese Zeit erleben Kinder einen ers­ten Reifungsschub, ihr Tag-und-Nacht-Rhythmus wird stabiler, sie schlafen besser, die Zeiten, zu denen sie gefüttert werden möchten, pendeln sich ein.

Sie ­schreien vielleicht noch nicht seltener, aber nicht mehr so lange, und sie lassen sich schneller beruhigen. "Die guten Tage werden mehr, die schlechten weniger. Spätestens nach fünf bis sechs Monaten sind die allermeis­ten ganz ­normale Babys", sagt Margret ­Ziegler, die die Münchner Sprechstunde für Schreibabys am KBO-Kinder­zentrum leitet.


Dr. Margret Ziegler ist Ärztliche Leiterin des Schwerpunkts „Frühe Entwicklung und Kommunikation“ am KBO-Kinderzentrum in München

W&B/Privat

Hilfe vom Experten

In den ersten Monaten brauchen kleine Schreihälse vor allem eines: Eltern, die Ruhe bewahren und ­ihnen liebevoll Halt und Sicherheit geben – auch wenn sie keine strahlenden Wonneproppen sind. Dem Gebrüll möglichst gelassen zu begegnen, ist – da sind sich alle Experten einig – der wichtigste Tipp im Umgang mit Schrei­babys. Je genervter Mama und Papa reagieren, desto mehr schaukelt die Unruhe sich wechselseitig hoch.

Das hört sich leichter an, als es im Alltag ist. Eltern sollten sich nicht scheuen, Rat und Hilfe zu suchen, am bes­ten zuerst bei der Hebamme oder beim Kinderarzt. Er kann auch durch eine Untersuchung abklären, ob nicht doch etwas Organisches Probleme bereitet. "Manchmal schmerzt ein Leis­­tenbruch oder eine Entzündung des Mittelohrs", sagt Medizinerin Brunnert. "Auch eine Fehlstellung der Wirbelsäule, Blockaden am Kopfgelenk oder einer Rippe sind möglich." Vor allem bekommen die Eltern Gewissheit. Das nimmt viele Ängste.

Aufregung vermeiden

Wird keine organische Ur­sache entdeckt, gilt es herauszufinden, was Kind und Familie helfen kann. "Ein Allheilmittel gegen exzessives Schreien gibt es nicht", sagt ­Tanja Brunnert. Die Ärztin ­empfiehlt, schnell einen festen Tagesablauf einzuhalten und Stress zu vermeiden. Ihr Tipp: möglichst wenig Besuch und Fernsehen, keine aufregenden Unternehmungen, nicht zu viele wechselnde Betreuungspersonen. Brunner: "Was für uns stinklangweilig ist, ist fürs Kind genau richtig." Dazu gehört auch, nicht ständig für Ablenkung zu sorgen, wenn das Baby schreit, oder jeden Abend eine neue Strategie auszuprobieren, damit es einschläft. Ein warmes Bad oder eine sanfte Massage wirken häufig beruhigend – es sei denn, das Kind lässt sich nicht gern anfassen. ­Kleine ­Schreihälse, die auf Hautreize hypersensibel reagieren, profitieren teilweise von einer sensorischen Integrationstherapie, die der Arzt verordnen kann.

Regelmäßig schlummern

Brüllt das Kind trotzdem unvermindert weiter, sollten ­Eltern nicht zögern, eine Schreiambulanz aufzusuchen. "Wir lassen schon vor dem ersten Termin bei uns ein Schlaftagebuch aus­füllen", sagt Margret Ziegler. "Schrei­babys schlafen zu wenig, sind chronisch übermüdet." Normalerweise braucht ein Baby nach ein bis eineinhalb Stunden Wachphase ­eine Pause. Anhand der Einträge leitet die Ärztin Mütter und Väter an, ihr Kind in regelmäßigen Abständen zum Schlafen zu bringen. Oft ist ­dies der erste Schritt zu einem entspannteren Familienleben.

"Für uns zählt allein der Belas­tungsgrad der Eltern – und der ist individuell unterschiedlich", sagt Margret Ziegler. "Für Erschöpfung und Verzweiflung muss sich niemand schämen. Und keine Mutter sollte sich als Versagerin fühlen, weil sie wütend auf ihr Schreibaby ist. Nur schütteln darf sie es nicht!" Wenn negative Gefühle hochkommen, empfiehlt die Expertin, das Kind an einem sicheren Ort abzulegen, rauszugehen und sich selber zu beruhigen. Und jede mögliche Entlastung anzunehmen. Das Kind will niemanden tyrannisieren. Es schreit, weil es nicht selber zur Ruhe kommen kann. Wer das erkennt, kann das Gebrüll besser ertragen – notfalls mit Ohr­­stöpseln.


Rat finden

Im KBO-Kinderzentrum gibt es ein kostenfreies Krisentele­fon unter 0 800 /71 00 900 (Mi, Fr, Sa, So 19 - 22 Uhr), www.kbo-kinderzentrum-muenchen.de
Bundesweite Adressen von Schreiambulanzen finden Sie zum Beispiel unter www.trostreich.de



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