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Schreibaby: Was können Eltern tun?

Manche Babys weinen so viel, dass sie Mutter und Vater regelrecht zur Verzweiflung treiben. Meist sind aber nicht – wie häufig vermutet – Koliken die Ursache. So können Eltern den Kleinen helfen


Wenn das Baby ständig schreit, zerrt das ganz schön an den Nerven

Durch und durch idyllisch und erfüllend stellen sich Frauen mit Kinderwunsch meist die erste Zeit mit ihrem Baby vor: Sie sehen sich entspannt in einem Sessel sitzen, das Kaminfeuer prasselt (im Winter), oder unter einem Apfelbaum auf einer Decke liegen, die Vögel zwitschern (im Sommer), das Kleine in Ihren Armen schläft, nuckelt sanft an ihrer Brust oder lächelt selig. Die Realität sieht dann manchmal ganz anders aus: Das Baby schreit. Und schreit. Und schreit. Die Mutter wiegt es mit müden Augen und zerzaustem Haar verzweifelt in ihren Armen. Warum weint es immer noch? Was fehlt ihm denn? Bin ich keine gute Mutter?


Blähungen meist nicht die Ursache

„Babys, die sehr viel schreien, gab es schon immer“, erklärt Ruth Wollwerth de Chuquisengo, Psychologin in der Sprechstunde für Schreibabys am Kinderzentrum München. Ungefähr jedes fünfte Kind gilt als Schreibaby. Offiziell fällt ein Säugling in diese Kategorie, wenn es mehr als drei Stunden pro Tag an mehr als drei Tagen pro Woche über mehr als drei Wochen hinweg schreit. Früher sprach man bei solchen Phasen gerne pauschal von Dreimonatskoliken, weil man annahm, dass die Kinder unter Blähungen litten, Bauchschmerzen hätten und deshalb weinten. Außerdem hört das exzessive Schreien meist nach dem dritten Lebensmonat auf. „Heute weiß man: Schreibabys haben Probleme mit der Schlaf-Wach-Regulation“, sagt Wollwerth de Chuquisengo. „Die Luft im Bauch ist in der Regel nicht Ursache, sondern Folge des Schreiens.“ Nur wenige Babys weinen so viel, weil sie unter einer Krankheit – zum Beispiel des Verdauungstraktes – leiden. Solche Ursachen für das Schreien kann der Arzt feststellen beziehungsweise ausschließen.

Schreibabys können nicht abschalten

Schreibabys sind oft stark überreizt. Denn im Gegensatz zu normalen Babys fehlt ihnen die Fähigkeit, im richtigen Moment abzuschalten: Wenn ein Kind genügend Eindrücke aus der Welt um sich herum aufgenommen hat, wird es normalerweise ruhiger, wendet sich ab und schläft bald darauf ein. Schreibabys werden zwar häufig vorübergehend still oder nicken für kurze Zeit in den Armen der Eltern ein, wenn sie herumgetragen werden. Sie kommen jedoch nicht richtig zur Ruhe, nehmen immer noch weitere Eindrücke auf und schrecken bald wieder hoch, nachdem sie eingeschlafen sind – vor allem dann, wenn man versucht, sie hinzulegen. „Sie haben noch nicht gelernt, sich ihre Ruhepausen zu holen“, erklärt Wollwerth de Chuquisengo. Weil sich diese Fähigkeit der Kleinen später meist noch entwickelt, legt sich das Schreien dann nach rund drei Monaten wieder. Bei Frühchen gilt das vom ursprünglich bestimmten Geburtstermin an gerechnet.

Signale der Kleinen sind schwer zu lesen

Doch auch, wenn diese Phase in der Regel nicht ewig dauert – vielen Eltern kommt es so vor. Sie leiden oft unter Schlafmangel, denn die Babys schreien gerne abends und nachts, sowie unter chronischer Erschöpfung. Die Folge kann eine Erschöpfungsdepression sein. Außerdem fühlen sich viele Mütter und Väter verunsichert, weil sie es nicht schaffen, ihr Kind zu beruhigen. „Normalerweise ist das für Eltern eine tolle Bestätigung“, sagt Wollwerth de Chuquisengo. „Das Kind weint, weil es etwas möchte, die Eltern geben es ihm, es ist zufrieden und hört auf.“ Eltern von Schreibabys tun sich schwer, die Signale ihres Kindes zu verstehen und wissen oft gar nicht, was ihm fehlt. Und daran sind sie nicht mal selbst schuld: „Diese Säuglinge sind besonders schwer zu lesen“, sagt Wollwerth de Chuquisengo.

Eltern sind oft überfordert

Weil die Eltern das nicht wissen, sinkt ihr Selbstwertgefühl. Schlimmstenfalls führt das zu Wut und Aggressionen. Gepaart mit der steigenden Erschöpfung, kann die Situation zum Pulverfass werden: „Eltern kommen oft zu mir in die Sprechstunde und erzählen, dass sie es früher für vollkommen unverständlich gehalten haben, wie es zu Kindesmisshandlungen kommen kann. Sie sind entsetzt darüber, dass sie das jetzt gar nicht mehr für so abwegig halten“, sagt Wollwerth de Chuquisengo. Eltern mit Schreibabys entwickelten fast immer solche Gefühle. Für Situationen, in der sie ihr Kind vor sich selbst schützen müssen, empfiehlt die Expertin den Müttern und Vätern: „Legen Sie ihr Kind hin und gehen Sie aus dem Zimmer. Reagieren Sie sich ab und beruhigen sich dann vollständig. Erst, wenn sie sich wieder ganz im Griff haben, können sie zu ihrem Baby zurückgehen.“

Rechtzeitig Hilfe bei Experten suchen

Im Idealfall sollten betroffene Eltern sich jedoch schon weit vor diesem Punkt Hilfe von außen holen. Denn die zehrende Schreiphase kann verschiedene langfristige Folgen haben: Die Eltern-Kind-Beziehung kann weiterhin gestört sein, Schlaf- und Fütterprobleme können andauern oder sich verstärken. Eine Anlaufstelle ist zum Beispiel die Münchner Sprechstunde für Schreibabys, in der Ruth Wollwerth de Chuquisengo tätig ist. Bundesweit gibt es viele ähnliche Einrichtungen. Sie beraten betroffene Eltern unter anderem dazu, wie sie ihm Kind dabei helfen können, sein Ruhebedürfnis zu stillen. Auch wenn das Kind das erste Mal eine solche scheinbar grundlose Schreiphase hat, ist es sinnvoll, sich Rat beim Kinderarzt zu holen, der andere Ursachen für das Schreien auszuschließen oder feststellen kann.

Tagesablauf genau regeln

Die Eltern, die in München Beratung suchen, führen zunächst ein Schlaftagebuch, in dem sie festhalten, wann ihr Baby schläft, wann es isst und wann es schreit. „So können wir erarbeiten, wann das Kleine eine Pause braucht“, sagt Wollwerth de Chuquisengo. „Damit es das bekommt, was es sich selbst nicht holen kann.“ Als Faustregel empfiehlt die Eltern-Säuglings-Therapeutin: Babys brauchen in den ersten Monaten nach einer Wachphase von eineinhalb bis zwei Stunden ein Nickerchen. Am besten ist es, sie morgens gleich nach dem Aufwachen zu stillen. „Denn wenn sie erst überreizt sind, klappt das Stillen auch nicht mehr“, sagt Wollwerth de Chuquisengo.

Die anschließende Wachphase sollten Eltern und Kind möglichst genießen. Dann können sie das Kleine wieder schlafen legen. Nach dem Schlafen folgt wieder Stillen – und so weiter. „So üben wir das in unserer Sprechstunde ein“, sagt Wollwerth de Chuquisengo. „Klappt es nach einiger Zeit immer noch nicht, kommt eine Sozialpädagogin zu den Eltern mit nach Hause.“

Eltern sollten sich von eventuell auftretenden Anfangsschwierigkeiten nicht abschrecken lassen. Da die Kleinen das richtige Schlafen erst lernen müssen, kann es etwas dauern, bis sie den Rhythmus ohne Weiteres zulassen. „Die Kinder wehren sich oft regelrecht gegen den Schlaf und wachen immer wieder auf“, sagt Wollwerth de Chuquisengo. „Deshalb brauchen sie viel Unterstützung.“ Doch die Mühe lohnt sich: Am Ende sollte das Baby nach einem kurzen Zubettgehritual alleine einschlafen können.



Daniela Frank / www.baby-und-familie.de; 08.02.2012
Bildnachweis: Jupiter Images GmbH/Comstock Images

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