Schlankheitswahn bei Kindern: Wie vorbeugen?

Viele Kinder fühlen sich zu dick, obwohl sie es gar nicht sind. Wie Eltern ihrem Nachwuchs ein gutes Körpergefühl vermitteln und sie vor Essstörungen schützen

von Daniela Frank, aktualisiert am 30.03.2015

So schön wie Prinzessin Lillifee – die Vorbilder unserer Kinder sind oft sehr schlank

Glow Images/Cultura

Biene Maja ist dünner geworden. Das ZDF hat sie für seine neue 3D-Version der gleichnamigen Serie auf Diät gesetzt, um sie der "geänderten Dynamik heutiger Sehgewohnheiten" anzupassen. Dieser Trend ist bezeichnend: Comicfiguren – Vorbilder unserer Kinder – werden schlanker, bekommen häufig erwachsene Formen, zum Teil mit sexuellen Reizen. Gleichzeitig ergab eine Studie, das sogenannte LBS-Kinderbarometer, dass sich jedes vierte deutsche Kind zu dick fühlt. Zum Vergleich: Tatsächlich übergewichtig ist nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) aber nur etwa jedes sechste Kind.

Zwar sind zwei Drittel der 10.000 für das LBS-Kinderbarometer befragten Kinder zwischen neun und 14 Jahren mit ihrem Körpergewicht zufrieden. Laut der Studie hat aber jedes dritte schon mindestens eine Diät hinter sich. Und jedes 20. denkt darüber nach, sich Fett absaugen zu lassen, wenn es nur könnte. Wann entsteht eigentlich der Druck, dünn zu sein?


Grundsteine werden früh gelegt

"Im Kindergarten ist das Aussehen noch kein Konkurrenzmaßstab", sagt Susanne Gronki. "Aber natürlich werden die Grundsteine für später gelegt." Die Sozialpädagogin und Selbstbehauptungstrainerin gibt Kurse und Fortbildungen zur Prävention von Essstörungen für Kindergärten und Grundschulen. "Im Kindergartenalter geht es eher darum, bestimmte Dinge haben zu wollen, zum Beispiel dieselben Klamotten wie die beste Freundin oder Sachen einer bestimmten Marke." Das beeinflusse das Selbstbewusstsein der Kleinen. Im Grundschulalter steigt das Konkurrenzdenken allgemein – auch der Vergleich über das Aussehen kommt hinzu. "Das Thema gutes Aussehen und dünn sein wird dann oft so wichtig, dass schon im Alter zwischen 9 und 11 Jahren schwere Essstörungen auftreten können", sagt Gronki. Der beste Schutz vor Suchtanfälligkeit generell – und damit auch vor Essstörungen: Ein gutes Körpergefühl zusammen mit einem hohen Selbstwertgefühl. Wie Eltern beides fördern können, erklärt die Expertin hier:

Faktor 1: Kind beim Essen nicht verunsichern

Ernährung ist ein großes Thema im Kindergartenalter. Der Nachwuchs isst dann manche Sachen sehr gerne, manche gar nicht. "Viele Eltern wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen", sagt Gronki. "Ein großer Punkt ist, wie man das Kind dazu kriegt, mehr Gemüse zu essen. Auch, wenn ihr Kind sehr wenig oder viel isst, bekommen Eltern schnell Panik." Das Essverhalten wird zum beherrschenden Thema, an das viele Emotionen geknüpft sind. Druck baut sich auf. "Dabei haben Kinder ursprünglich ein gutes Gefühl dafür, was sie an Essen brauchen", sagt Gronki. "Werden sie zu früh verunsichert, verlieren sie es."

Faktor 2: Ausprobieren lassen stärkt das Körpergefühl

Kinder sollten stattdessen lernen, ihre Bedürfnisse zu erspüren. Das stärkt ihr Körpergefühl. Dazu müssen sie sich ausprobieren dürfen – herumrennen, klettern, sich auch mal wehtun. "Manche Eltern wollen aber nicht einmal, dass sich ihr Kind dreckig macht", sagt Gronki. Kinder bräuchten zwar klare Grenzen, aber es solle noch Spielraum für eigene Entscheidungen vorhanden sein. Dies gelte auch beim Essen: "Nur, wenn ein Kind so viel essen darf, wie es möchte, kann es lernen, auf sein Hungergefühl zu hören."

Faktor 3: Emotionen nicht nur übers Essen transportieren

Doch nicht nur das natürliche Hungergefühl kommt häufig abhanden. Andere Bedürfnisse werden mit Essen gestillt – zum Beispiel dienen Süßigkeiten oft als Belohnung oder Trost. Auch, wenn die Familien ausschließlich am Esstisch zusammenkommt oder abends zur Entspannung vor dem Fernseher nascht, verändert das die Bedeutung von Mahlzeiten. "Wenn Eltern ihr Kind zum Trost oder zur Belohnung auch mal umarmen und es die Zusammengehörigkeit der Familie auch bei gemeinsamen Ausflügen, beim Spielen oder anderen Aktivitäten erlebt, verbindet es diese Emotionen nicht nur mit Essen", sagt Gronki.

Faktor 4: Äußerlichkeiten nicht zu wichtig nehmen

Schöne Menschen haben es leichter im Leben – das ist eine Tatsache. Sie ausblenden zu wollen, wäre wahrscheinlich kontraproduktiv. "Aber Eltern sollten sich fragen: Welche Einstellung habe ich selbst zu Äußerlichkeiten? Wie viel rede ich darüber? Wie wichtig sind sie mir?", sagt Gronki. Wenn das Aussehen und die Kalorien, die man sich erlaubt, einen hohen Gesprächsanteil haben, prägt das Kinder. "Eine Studie hat gezeigt, dass magersüchtige Mädchen oft sehr figurbewusste Mütter haben", sagt Gronki. Das könne sich schon früh zeigen: "Ich erlebe, dass manche Mütter über den Babyspeck ihres Kleinkindes fast entsetzt sind."

Faktor 5: Auf Stärken eingehen

Auch, wenn Eltern selbst nicht negativ über das Aussehen anderer Leute sprechen – Kinder ärgern sich oft gegenseitig. "Das ist einfach so, daran müssen sie wachsen und lernen, sich durchzusetzen", sagt Gronki. "Ich gehe auf Hänseleien in der Regel nicht besonders ein." Sie empfiehlt: Das Thema wechseln und darauf hinweisen, was ein Kind besonders gut kann. Das stärkt das Selbstwertgefühl und beugt Mobbing vor.



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