Rund passt nicht in eckig. Egal, wie fest David die Spielzeug-Formen auch drückt. Holzschrauben lassen sich nicht einfach herausziehen. Egal, wie fest David an dem Baukasten-Bagger zerrt. David ist fast sechs. Noch ein paar Monate, und er könnte in die Schule gehen. Theoretisch. Doch die Art, wie David Spielsachen anfasst, Bauklötze stapelt, erinnert eher an einen Dreijährigen. Die Diagnose des Kinderarztes lautet: motorische Entwicklungsverzögerung. David geht also noch ein Jahr in den Kindergarten – und einmal die Woche zum Ergotherapeuten.
Wie David erhalten 13,6 Prozent aller sechsjährigen Jungen, die bei der AOK versichert sind, Ergotherapie, so die Krankenkasse in ihrem aktuellen Heilmittelreport. Darin steht außerdem: Jeder zweite ergotherapeutische Patient ist ein Kind. Beim Deutschen Verband der Ergotherapeuten selbst schätzt man den Patientenanteil von Kindern auf etwa 40 Prozent, die Gruppe der Null- bis Sechsjährigen sei am stärksten vertreten. Behandelt werden mit der Beschäftigungstherapie neben motorischen Problemen unter anderem Impulsivität, Übersensibilität, autistisches Verhalten sowie Konzentrationsschwierigkeiten.
Bei Psychiatern, Psychologen und Psychotherapeuten rücken die jüngsten Patienten ebenso in den Fokus. Jedes fünfte Kind in Deutschland hat psychische Auffälligkeiten, deutlich erkennbare Störungen treten bei zehn Prozent zutage, schätzen Experten der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP). Kleinkinder leiden unter anderm an Störungen im Sozial- und Bindungsverhalten, Trennungsangst und ADHS. Auch Depressionen oder etwa posttraumatische Belastungen werden schon bei den Kleinsten diagnostiziert. Die Folge: Therapieplätze gibt es zu wenige, die Wartelisten der Sozialpädiatrischen Zentren sind lang, Fachverbände und -gesellschaften kämpfen – bisher vergebens – um eine flächendeckende Versorgung mit Kinderpsychotherapie.
Bekommt Max einmal nicht das, was er will, flippt er aus. Dann wird der Vierjährige wütend und aggressiv. Weil Max außerdem keine Minute stillsitzen, nicht zuhören oder auf etwas warten kann, wusste sich seine Mutter irgendwann nicht mehr zu helfen. Die Alleinerziehende besuchte mit ihrem Sohn die Spezialsprechstunde für Klein- und Vorschulkinder am Institut für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Kinder- und Jugendalter der Universitätsklinik Frankfurt. Ergebnis vieler Gespräche und Untersuchungen: Max hat wahrscheinlich eine Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung, besser bekannt unter dem Kürzel ADHS.
Einen Trend zu psychischen Störungen wie eben ADHS und zu Entwicklungsstörungen und dagegen eine Abnahme körperlicher Erkrankungen prognostizierte bereits 2007 die Bella-Studie über die psychische Gesundheit der deutschen Kinder. Bei 22 Prozent der rund 3000 befragten Kleinen stellte die Untersuchung des Robert Koch-Institutes „zumindest Hinweise auf psychische Auffälligkeiten“ fest.
Was ist bloß mit unseren Kindern los? 73 Prozent der Deutschen sind laut einer Umfrage von BABY und Familie der Meinung, der Nachwuchs sei heute verhaltensauffälliger als vor zehn oder 15 Jahren. Warum sind immer mehr kleine Seelen krank? Oder täuscht dieser Eindruck etwa? „Ja“, sagt Prof. Dr. Dirk Richter, Dozent an der Fachhochschule Bern. Mit seiner Überblicksstudie mischte der Soziologe die Fachkreise der Psychotherapeuten und Psychologen auf. Dort hatte man stets gepredigt, die Zahl der psychischen Erkrankungen würde stark zunehmen – dieser These allerdings widersprechen Richters Forschungsergebnisse. Deren Schlussfolgerung lautete: „Die unterstellte Zunahme psychischer Störungen kann nicht bestätigt werden“ – auch nicht bei Kindern und Jugendlichen.
Die Differenz zwischen seiner Studie und den Daten der Krankenkassen erklärt Richter so: „Das Vorkommen der Störungen in der Bevölkerung an sich hat sich nicht geändert, es werden aber mehr Menschen behandelt.“ Schwierig gestaltete sich seine Forschung, weil zu psychischen Leiden kaum Gesamtzahlen existieren, Studien widmen sich meist einzelnen Erkrankungen. Prof. Dr. Alexander von Gontard, der die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums in Homburg leitet und soeben ein Lehrbuch über Säuglings- und Kleinkindpsychiatrie veröffentlicht hat, ist überzeugt: „Pro Jahrgang waren und sind rund zehn bis 15 Prozent der Kinder von psychischen Problemen betroffen. Nur früher kamen weniger zu den Ärzten.“
Einen Grund dafür, dass sich dies geändert hat, sieht DGKJP-Präsident Prof. Dr. med. Frank Häßler in der „sinkenden gesellschaftlichen Toleranz“. Wenn zwei Erzieherinnen 30 Kinder betreuen sollen, erschwert ein verhaltensauffälliges Kind den Kita-Alltag besonders. Auch können Eltern in intakten Familien ein entwicklungsverzögertes Kind intensiver fördern und unterstützen als eine alleinerziehende Mutter. Zudem sind Verhaltens- und Psychotherapien für Kinder mittlerweile sehr etabliert. In unserer Umfrage gaben 87 Prozent der Befragten an, diese Maßnahmen seien kein Tabuthema mehr.
Im Wartezimmer der Nürnberger Ergotherapie-Praxis Beer, in der auch David behandelt wird, sitzen die Mütter mit ihren Kindern. Und mit vielen Fragen. „Wie kann ich Andreas denn daheim fördern?“ „Finden Sie, ich bin zu übervorsichtig? Traue ich Lisa zu wenig zu?“ „Im Kindergarten läuft es für Nicole gerade nicht so rund. Darf ich Ihnen eine Situation schildern?“ Beantworten soll all die Fragen Erhard Beer. Er ist seit 25 Jahren Ergotherapeut und findet: „Noch nie waren die Eltern verunsicherter als heute.“ In seiner Praxis hat er eine Umfrage über Elternkompetenz gestartet. Das Ergebnis: „Kaum ein Vater oder eine Mutter nennt noch die eigenen Eltern als Vorbild.“ Stattdessen würden sie Ratgeber lesen, im Internet surfen – und wüssten am Ende nicht, welche der vielen Informationen richtig oder falsch seien.
„Die Eltern heute verlassen sich nicht mehr auf ihr Bauchgefühl“, fasst Frank Häßler seine Erfahrungen zusammen. Ähnlich urteilt Dr. med. Helmut Hollmann als ärztlicher Leiter des Kinderneurologischen Zentrums der LVR-Klinik in Bonn und Vize-Präsident der Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin: Statt Aufgaben wie Förderung und Entwicklungsunterstützung selbst zu übernehmen, würden viele Väter und Mütter lieber den Fachleuten vertrauen. Der Ruf nach Therapien werde so immer lauter, die Therapiegläubigkeit der Eltern immer stärker. Diese Unsicherheit führt häufig zu übereiltem und unnötigem Handeln: „Gerade einmal bei der Hälfte der Kinder, die mit dem Verdacht auf ADHS zu uns kommen, stellen wir dann auch diese Diagnose“, berichtet Prof. Dr. med. Harald Bode, Leiter der Neuropädiatrie und des Sozialpädiatrischen Zentrums des Ulmer Universitätsklinikums. „Da die Schwelle, bis jemand in die Psychiatrie geht, sehr hoch ist, haben 80 bis 90 Prozent unserer Patienten tatsächlich eine Störung“, erklärt von Gontard, Leiter der Kinderpsychiatrie in Homburg. „Aber bei Beratungsstellen ist das anders: Hier gibt es für bis zur Hälfte der Kinder keine Diagnose. Das heißt, hinter den Schwierigkeiten stecken beispielsweise Erziehungsprobleme.“
In der Spezialsprechstunde für Klein- und Vorschulkinder in Frankfurt ist die Vorstellung in der Regel berechtigt, wie die Kinder- und Jugendpsychotherapeutinnen Dr. Dörte Grasmann und Dr. Anke Beyer berichten. Aber: Die Ausprägung der Auffälligkeiten sei schon sehr unterschiedlich. „In manchen Fällen können wir Eltern beruhigen: Das ist für das Alter ihres Kindes normal“, erzählt Dörte Grasmann. „Manchmal reichen ein paar Beratungsgespräche.“ Bei Max war das anders.
Die beiden Therapeuten filmten ihn und seine Mutter beim Spielen, dann analysierten sie die Situation. Das Ergebnis: Max will Aufmerksamkeit – die er durch seine Unruhe und Aggressivität bekommt. „Sein Verhalten bietet ihm eine gute Möglichkeit, seine Mutter an sich zu binden“, erläutert Dörte Grasmann. Auf der anderen Seite habe die Mutter überhaupt kein Selbstvertrauen mehr in ihre Erziehungskompetenzen. Und sie lobe ihren vierjährigen Sohn zu selten. Momentan absolviert die Alleinerziehende ein Elterntraining. Erste Fortschritte zeichnen sich ab: „Max hat immer noch Wutausbrüche, aber sie lassen sich kontrollieren“, so Dörte Grasmann. „Seine Mutter ist deutlich entlastet. Sie hat endlich wieder Spaß an und mit ihrem Kind.“
Julia Wölkart / Baby und Familie;
02.08.2010, aktualisiert am 08.12.2011
Bildnachweis: W&B/Forster & Martin
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