Manchmal braucht ein aufgeschrammtes Knie nur ein kurzes Pusten, und schon tut es nicht mehr weh. Was gegen Kinderknie-Schmerzen hilft, hat bei Erwachsenen kaum eine Chance. Warum? Vielleicht, weil wir keine Studie kennen, die warme Luft als Schmerzmittel ausweist. Was da bei den Kleinen wirkt, ist der sogenannte Placebo-Effekt. Eine Scheinbehandlung oder eine Pille ohne Wirkstoff werden als Placebos bezeichnet. Sie helfen auch Erwachsenen in vielen Fällen. Häufig wirken sie so gut, dass sie zur völligen Beschwerdefreiheit führen.
Dahinter steckt Psychologie. „Der Placebo-Effekt wird durch Faktoren hervorgerufen, die viel mit Gefühlen und Verstand zu tun haben“, sagt Dr. Karin Meißner, Placebo-Forscherin am Institut für Medizinische Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Da Kinder seltener rational denken und viel empfänglicher für tröstende Worte und Aufmerksamkeit sind, wirkt eben auch Pusten bei ihnen. Meißner vermutet, dass dieser Effekt in fast allen Bereichen der Medizin bei den Kleinen höher ausfallen könnte als bei Erwachsenen.
Darauf deutet auch eine Studie französischer Mediziner hin, die den Placebo-Effekt bei jungen und alten Epilepsie-Patienten verglichen. Sie kamen zu dem Schluss, dass Kinder doppelt so häufig auf ein Scheinmedikament ansprechen wie Erwachsene. Der Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, Professor Norbert Wagner, sieht solche Ergebnisse allerdings kritisch: „Jeder Patient, um den man sich kümmert, fühlt sich anschließend weniger krank“, ist er überzeugt. „Da Kinder meistens mehr Zuwendung bekommen als Erwachsene, lässt sich schwer sagen, was wirklich zur Verbesserung der Symptome und schlussendlich zum hohen Placebo-Effekt führte“, meint Wagner, der die Unversitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin in Aachen leitet.
Damit spricht er von einem der wirksamsten Faktoren, die zur Heilung ohne Medizin führen: Anteilnahme. Ein Arzt, der nicht nur die Eltern, sondern auch das Kind ernst nimmt und sich ganz offensichtlich für seine Patienten interessiert, ist erfolgreicher. Wenn Eltern dann noch zuversichtlich sind, dass die vorgeschlagene Therapie wirkt, ist einem Kind schon sehr geholfen. „Es geht aber auch umgekehrt: Eine Mutter, die skeptisch auf die Anordnungen des Arztes reagiert und vielleicht auch noch anmerkt, dass das sowieso nichts hilft, tut ihrem Kind keinen Gefallen“, sagt Kinderarzt Wagner.
Woran liegt das? „Wir wissen, dass Dinge wie Zuwendung oder eine positive Erwartung im Körper bestimmte Selbstheilungsprozesse in Gang setzen können“, sagt Meißner. Ein weiterer Aspekt kann diese Prozesse noch verstärken: die sogenannte Konditionierung. „Wem eine grüne Tablette immer gegen Kopfweh half, dem könnte in bestimmten Fällen auch die Tablette ohne Wirkstoff helfen, solange sie grün ist“, so Meißner. Der Effekt ist auch messbar: Im Magnetresonanz-Tomografen und nach Blutanalysen zeigte sich nach einer Placebo-Behandlung eine medikamententypische Reaktion. Entweder war ein bestimmter, für die Schmerzverarbeitung verantwortlicher Bereich im Gehirn aktiv, oder es fanden sich besonders hohe Konzentrationen körpereigener Schmerz-Hemmstoffe. „Dieser Effekt könnte in auffallender Weise bei Kindern auftreten. Wenn sie etwas schlucken dürfen, fühlen sich viele gleich besser. Und zwar viel schneller, als eine Tablette wirken kann“, erklärt Meißner.
Dieses Phänomen machen sich auch Kinderärzte zunutze: Da Eltern gerne auf Alternativmethoden zurückgreifen, um ihrem Kind synthetische Arzneien zu ersparen, ist Homöopathie nach wie vor sehr gefragt. Dabei ist der Wirkstoff in den Globuli so niedrig dosiert, dass Schulmediziner in Studien keine stärkere Wirkung erkennen als bei gänzlich wirkstofffreien Präparaten. Auch wenn die Meinungen über Homöopathie weit auseinandergehen, machen die kleinen Zuckerkügelchen eines deutlich: Zur Heilung gehört mehr als eine Pille. Deshalb schwören viele Eltern auf Homöopathie-Behandlungen.
„Eine Mutter, die daran glaubt, ist der stärkste Einflussfaktor für ein krankes Kind“, sagt Wagner. Das gilt ebenso bei klassischen Medikamenten. „Wir rechnen auch bei herkömmlicher Behandlung immer einen gewissen Placebo-Effekt ein“, so der Mediziner. Wie sehr Trösten, Kuscheln und Hand-auf-die-Stirn-Legen eine Krankheit beeinflussen, können Wissenschaftler jedoch nicht sagen. Es gibt kaum Studien über Placebo-Effekte bei den Kleinsten. „Wer will sein Kind auch schon den dafür nötigen Schmerzreizen aussetzen?“, meint Expertin Meißner. Sie würde gerne wissen, wie groß der Einfluss der Eltern ist und wie sich der Effekt im Lauf der Entwicklung verändert.
Ohne das Wissen von Eltern und Kind wirkstofffreie Medikamente zu verschreiben, findet Wagner nicht ratsam. „Warum dem Kind etwas in den Mund stecken, nur damit die Eltern beruhigt sind? Viel wichtiger ist es, gemeinsam mit dem Kind nach den Ursachen einer Magenverstimmung zu suchen und es ernst zu nehmen.“ Wie schlussendlich therapiert wird, entscheidet der Arzt nach Absprache mit den Eltern. So lässt sich der Placebo-Effekt so weit wie möglich ausnutzen: als Ergänzung einer oftmals nötigen Medikamenten-Therapie.
Julia Lüneburg / Baby und Familie;
12.12.2011
Bildnachweis: Thinkstock/Stockbyte
Apotheken Umschau mit den Themen Krankheiten von A-Z>, Symptome, Medikamentencheck, Laborwerte, Heilpflanzen, Hausapotheke, Abnehmen, Gesundheitsvideos, Apothekensuche, Gehirn-Jogging und Sport
Senioren Ratgeber mit Informationen rund um Krankheiten, Medikamente, gesund alt werden, altersgerechtes Wohnen, Pflege und Finanzen
Diabetes Ratgeber mit den Schwerpunkten Diabetes Typ 1 und Diabetes Typ 2: Symptome, Behandlung und Ernährung bei Zuckerkrankheit