Mütter: Wie wird Arbeiten familienfreundlicher?

Was brauchen Mütter, damit sie Job und Familie gut vereinbaren können? Umdenken in der Politik, bei Arbeitgebern und sich selbst
von Peggy Elfmann, Julia Schulters, aktualisiert am 13.08.2015

Eine Utopie? Familie und Beruf zu vereinen, ist oft immer noch schwierig

Strandperle/Diamond

Teilzeit heißt für die meisten Mütter die Lösung, um Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren. Tatsächlich legen Umfragen nahe, dass Mütter, die Teilzeit arbeiten, zufriedener sind als ­solche, die 40 Stunden oder mehr erwerbstätig sind. Allerdings: "Häufig wird die Wunschlösung Teilzeit zum Frustfaktor", sagt Prof. Dr. Tanja Mühling, Wissenschaft­lerin an der Hochschule für angewandte Sozialwissenschaften Würzburg-Schweinfurt.


Problem von Teilzeitarbeit: Schlechte Bezahlung

Das liegt auch am Einkommen. Wie viel Geld Frauen das Muttersein kos­tet, hat Dr. Christina Boll, Ökonomin am Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut, berechnet. "Wenn eine Frau mit abgeschlossener Lehre mit 30 Jahren ein Kind bekommt, drei Jahre Elternzeit nimmt und dann drei Jahre 20 Stun­den arbeitet, bevor sie Vollzeit in den Job zurückkehrt, verliert sie ein Bruttoeinkommen von 194 000 Euro bis zum 46. Lebensjahr im Vergleich zu einer Frau gleicher Bildung, die durchgängig Vollzeit arbeitet", erklärt sie.

Ein oft übersehenes Problem, so Boll, seien die Folgekosten. "Die Frauen büßen weiter Einkommen ein, selbst wenn sie wieder Vollzeit arbeiten." Das habe zwei Gründe. "Erstens nehmen das Wissen und Können ab", sagt Boll. Der ­zweite Grund sei, dass Frauen, die im Beruf bleiben, Fortbildungen machen, aufsteigen und Lohnerhöhungen bekommen. Wer in Elternzeit ist, profitiere nicht davon. Zudem sind die Löhne in Mini-Jobs und frauen­­typischen Berufen ­generell unterdurchschnittlich. Viele werden unter Tarif bezahlt. Schwierig wird es zudem, wenn Frauen nach der Elternzeit den Job wechseln. "Fast jede fünfte Frau hat nach der Rückkehr eine Tätigkeit unter ihrer Qualifikation angenommen", weiß Mühling. "Das geht mit Lohneinbußen einher."

Was sich ändern muss: Frauen müssen stärker auf ihr Einkommen achten, da vielen sonst im Alter Mini-Renten drohen. "Je schneller Frauen wieder in den Beruf einsteigen, desto geringer sind ihre Gehaltseinbußen", sagt Boll. Während einer längeren Auszeit sollte man unbedingt den Kontakt zur Firma halten und sich fachlich weiterbilden. Denn: "Frauen, die beim gleichen Arbeitgeber Teilzeit arbeiten, sind häufig zufriedener", sagt Dr. Pia Schober vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. Dr. ­Karin ­Jurczyk, Soziologin und Leiterin der Abteilung Familienpolitik am Deutschen Jugendinstitut in München, fordert: "In Tarifverhandlungen muss das Erwerbsleben von Frauen mehr berücksichtigt werden." Bislang orientiert man sich am männlichen Lebenslauf mit Vollzeit-Job. Auch müssen typische Frauenberufe neu bewertet werden. So gilt etwa bei Müllmännern das "Heben schwerer Lasten" als Kriterium für die Arbeitsplatzbewertung, bei Altenpflegerinnen aber nicht.


Zwischen Wunsch und Wirklichkeit: Viele Mütter würden gerne mehr arbeiten

W&B/Dr. Ulrike Möhle

Viele Mütter wollen mehr arbeiten – können aber nicht

Jede zweite teilzeitbeschäftigte Mutter würde gerne mehr arbeiten, aber sie kann nicht. Im Schnitt würden sie am liebsten 30 Stunden oder mehr erwerbstätig sein. Fast die Hälfte derjenigen mit einem 20-Stunden-Vertrag würde gerne 26 Stunden arbeiten, zwei Drittel der Mini-Jobberinnen wünschen sich eine Wochenarbeitszeit von 20 Stunden (siehe Grafik oben). Das Prob­lem: Mütter finden kaum vollzeitnahe Stellen (30 Stunden). Jede ­­fünfte Frau sagt, sie ­arbeite nur deshalb in geringer Teilzeit, weil sie keine andere Stelle finde.

Was sich ändern muss: "Wir brauchen mehr Flexibilität zwischen Voll- und Teilzeit", sagt Ökonomin Schober. "Es müssen gesetzliche Rahmen geschaffen werden, die es Eltern ermöglichen, Erwerbsarbeit jederzeit zu unterbrechen oder zu verkürzen", fordert Jurczyk. Ein Schritt wäre die Flexibilisierung der Elternzeit und Übertragung der Monate bis zum 14. Geburtstag des Kindes. Noch besser ­wäre es, Zeitkonten einzuführen. ­­Jurczyk schlägt vor, "ein Konto von fünf bis acht Jahren zu etablieren, in dem man die Arbeit phasenweise verkürzen kann, mit einem Lohnausgleich". Damit würden Mütter auch nicht die Rückkehrmöglichkeit auf eine Vollzeitstelle verlieren. "Wenn sich lange Teilzeiten zwischen 25 und 30 Stunden etablieren, würden Frauen mehr verdienen und mehr Anerkennung erhalten", so Schober.

Oft fallen Aufstiegsmöglichkeiten weg

"Für viele Frauen wird ihre Teilzeittätigkeit zur Karrierefalle", sagt Tanja Mühling. In einer ­Umfrage des ­Bundesfamilienministeriums sagten 38 Prozent der Mütter, dass sie ihre Elternzeit bereuen, da sie negative Folgen für ihr berufliches Fortkommen hatte. "Besonders nach einer langen Babypause nehmen Arbeitgeber eine Dequalifizierung wahr", sagt Mühling. Und: Deutsche ­Mütter arbeiten im Schnitt 21 ­Stunden. Aber nur fünf Prozent der Manager arbeiten hierzulande 30 Stunden oder weniger. "Es herrscht in weiten Teilen der Betriebe noch immer eine Anwesenheitskultur", erklärt Ökonomin Christina Boll.

Was sich ändern muss: "Auch für Führungskräfte muss Teilzeit möglich sein", fordert Boll. Das heißt: Statt langer Wochenarbeits- und Präsenzzeiten sollte Leis­tung zählen. Wege dahin sind Arbeitsmodelle wie Doppelspitzen, Job­sharing und ein Mix aus Bürozeit und Home-Office. Und: Der Druck muss entzerrt werden. "Wir konzentrieren uns zu sehr auf die Zeit zwischen dem 30. und 45. Lebensjahr", sagt Mühling. "Wir müssen offener dafür werden, dass Karrieren auch später stattfinden können."

Mütter sollten flexibler arbeiten können

Zwei Drittel aller vollzeitbeschäftigten Mütter und die Hälfte der teilzeitbeschäftigten sagen, dass in ihrem Betrieb zu wenig auf sie Rücksicht genommen wird. Die Mütter kritisieren vor allem ungünstige Arbeitszeiten. "Die Arbeitswelt orientiert sich ­immer noch am männlichen Normal­arbeiter, der keine Sorgepflichten hat", sagt Soziologin Jurczyk.

Was sich ändern muss: Die Mehrheit der Mütter würde es entlas­ten, wenn sie Arbeitszeiten flexibler legen oder von zu Hause aus arbeiten könnten. "Unternehmen sollten prüfen, inwiefern sie mehr Home-Office ermöglichen können", meint Boll. Dank ­moderner Kommunikationstechnologien ist die ständige Präsenz im Büro in vielen Berufen nicht mehr notwendig. Auch Gleitzeit sollte zum Standard gehören, genauso wie ein Jahresarbeitskonto, damit Mütter in Notsituationen, etwa wenn die Kita geschlossen oder das Kind krank ist, mal weniger arbeiten können.


Auf dem Vormarsch: Firmen bieten mehr familienfreundliche Arbeitsmodelle an

W&B/Dr. Ulrike Möhle

Mehr familienfreundliche Angebote der Arbeitgeber nötig

Firmen in Deutschland werden immer familienfreundlicher (­siehe Grafik oben). Aber 56 Prozent der Mütter finden, dass ihr Betrieb zu wenig Rücksicht nimmt. Oft sind familienfreundliche Angebote zwar vorhanden, aber sie sind nicht passgenau oder werden nicht gelebt. "Aus der Wirtschaft kommt unheimlich viel Druck", so Expertin Mühling: "Es muss möglich sein, dass Mütter sich um ihre Kinder kümmern können." Eltern seien ständig bemüht, sich nach dem Arbeitgeber zu richten. Aber Kinder funktionieren nun einmal nicht im Takt der Arbeitgeber.

Was sich ändern muss: "Arbeitgeber müssen die Erziehungsaufgabe von Müttern anerkennen und bessere Rahmenbedingungen schaffen", sagt Jurczyk. Zum einen sollten Unternehmen mehr Freiraum und Regenerationszeit schaffen, damit Eltern für ihre Kinder da sein können. Zum anderen brauche es mehr Mitsprachemöglichkeiten in den Unternehmen. Aber auch die Mütter müssen aktiv werden. "Viele trauen sich nicht, bestimmte Themen aufzugreifen und einzufordern", sagt Christina Boll. Die Expertinnen raten Müttern, aktiv nach familienfreundlichen Angeboten zu fragen, schon im Bewerbungsgespräch. Viele Chefs stehen denen durchaus aufgeschlossen gegenüber. Und: "Mütter gewinnen durch ihren Nachwuchs neue Fähigkeiten, sind stressresistenter und arbeiten effizienter. Das sollten sie kommunizieren", rät Mühling.



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